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Verfasst von Johann Holledauer, Samara
Meine Kindheit verbrachte ich auf einem Bauernhof, nur wenige Kilometer nördlich von Wien entfernt. Mein Großvater entstammte einer Familie mit 14 Kindern. Von ihnen überlebten einzig er und seine jüngste Schwester den Krieg. In meiner Erinnerung sind noch die Bilder des Hauses, in dem ich aufwuchs – es war am Ende des Krieges kaum mehr als eine Ruine.
Meine Großeltern sprachen nur selten und ungern über den Krieg, doch eine Erzählung wiederholte meine Großmutter stets: Ihr Mann, mein Großvater, wurde zum Militär eingezogen und an die Ostfront beordert. Sie musste allein einen Bauernhof bewirtschaften und sich um drei kleine Kinder kümmern, alle unter zehn Jahren: meinen Vater und seine beiden Schwestern. Wie zahlreiche andere Höfe auch, wurde meiner Großmutter ein Kriegsgefangener aus Polen als Arbeitshilfe zugewiesen.
Dieser polnische Gefangene besaß eine außergewöhnliche Fähigkeit: Zeigte man ihm ein Foto einer Person, konnte er deren Schicksal bis in die kleinsten Einzelheiten schildern. Mit der Zeit suchten ihn viele Dorfbewohner auf, um nach ihren Verwandten zu fragen – meist Ehemänner oder Söhne, die im Krieg waren. Stets stellte sich heraus, dass das, was dieser Mann vorhersagte, haargenau eintraf.
Natürlich machte sich auch meine Großmutter Sorgen um ihren Mann, der irgendwo in Russland war. Doch der polnische Kriegsgefangene beruhigte sie immer wieder: Sie solle sich keine Gedanken machen, alles werde gut ausgehen. Ihr Mann würde heimkehren und ein langes Leben führen, so seine wiederholte Versicherung. Mein Großvater war einer der ganz Wenigen, die 1954 lebend aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkamen. Er starb 1984 im Alter von 82 Jahren.
Meine Mutter heiratete 1971 und zog in das Haus meines Vaters, in dem drei Generationen unter einem Dach lebten. Das war in der Zeit des Kalten Krieges. Der Eiserne Vorhang, die Grenze zur Tschechoslowakei, lag nur 50 Kilometer weiter östlich. Es herrschte eine unterschwellige Furcht, dass die Kommunisten den Eisernen Vorhang durchbrechen und Europa überrennen würden. Meine Generation war als Kinder zwar nur indirekt, vor allem durch die TV-Nachrichten, davon betroffen. Aber niemand hätte damals etwas Positives aus dem Osten erwartet – doch die Zeiten haben sich gewandelt.
Im Sommer 2016 erzählten meine Frau (geboren in der Ukraine) und ich meiner Mutter erstmals von unserer Idee, mit unseren Kindern nach Russland auszuwandern. Wir wollten unseren Kindern eine Heimat und eine Identität bieten, mit der wir uns verbunden fühlen, denn in Österreich und der EU war das für uns nicht länger der Fall. Daraufhin berichtete uns meine Mutter von Geschichten, die sie von meiner Großmutter gehört hatte – erneut über die erstaunliche Gabe jenes Kriegsgefangenen aus Polen.
Meine Großmutter hatte meiner Mutter damals in den 1970er-Jahren nur ein einziges Mal von einer Prophezeiung dieses Mannes aus der Kriegszeit erzählt. Diese eine besondere Vorhersage war so unglaublich, so jenseits aller damaligen Vorstellungskraft, dass man sie schlichtweg für Unsinn halten musste – weshalb nie darüber gesprochen wurde. Der polnische Kriegsgefangene sagte während des Zweiten Weltkriegs zu meiner Großmutter: „Eines Tages wird es Russland sein, das der Welt die Freiheit bringt!“
Wir leben mit unseren Kindern seit etwas mehr als zwei Jahren in Russland und bereuen nur, dass wir nicht schon 2016 hierhergekommen sind.
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