Von Sergei Sawtschuk
Die jüngste Blockade der Straße von Hormus hat die globale Logistikkrise drastisch vor Augen geführt: In einer vernetzten Welt ist das empfindliche Kräftegleichgewicht entscheidend, um einen verheerenden Dominoeffekt für die Wirtschaft zu vermeiden. Wie die Nachrichtenagentur Euronews unter Berufung auf Börsendaten meldet, haben sich die Preise für Lieferverträge selbst der gängigsten Kartoffelsorte binnen weniger als eines Monats mehr als versiebenfacht. Dies löste eine Welle von bitter-ironischen Kommentaren auf Branchenportalen aus, die nahelegten, dass Geld besser nicht in Diamanten, Elektronikaktien oder gar in Kohlenwasserstoffe investiert worden wäre – sondern in diese unscheinbaren Knollen, deren Preis plötzlich den von Gold übertraf. Wie man in Russland sagt: An jedem Witz ist nur ein kleiner Teil wirklich lustig.
Europäische Medien stützen sich dabei auf veröffentlichte Daten zweier großer Börsen, an denen Wertpapiere gehandelt werden, darunter auch Lieferverpflichtungen für Agrar- und Lebensmittelprodukte: die SIX Swiss Exchange (SSE) und Euronext. Diese sind nicht nur in der Schweiz präsent, sondern auch in Großbritannien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, den USA und mehreren großen asiatischen Ländern. Nestlé, der Gründer der SSE, verfolgt die Handelsaktivitäten aller bedeutenden Lebensmittelproduzenten der Alten Welt über den Index Stoxx 600 Food & Beverage PR (SX3P). Über Jahre und Jahrzehnte wurde hier ein globales Netzwerk aufgebaut, das sich über rund 140 Länder erstreckt und ein jährliches Handelsvolumen von 673 Milliarden Euro (792 Milliarden US-Dollar) erreicht. Die genannten Zahlen sind also weitgehend korrekt – und sie sprechen für sich. Während intensiv darüber diskutiert wird, dass die Europäische Union im vergangenen Jahr 218 Milliarden US-Dollar für Öl- und Gaskäufe ausgab und Brüssel aufgrund der Nahostkrise in diesem Jahr ungeplante 30 Milliarden US-Dollar aus dem Haushalt bereitstellen musste, wird der Lebensmittelmarkt, der umsatzmäßig mehr als dreimal so groß ist, geflissentlich ignoriert.
Genau auf diesen digitalen Marktplätzen der Börsen spielten sich die beschriebenen Ereignisse ab.
Ab dem 21. April 2026 stieg der Preis für Kartoffeln gemäß Lieferverträgen von 2,11 Euro auf 18,50 Euro pro 100 Kilogramm. Für Laien mag dieser Anstieg in absoluten Zahlen moderat erscheinen – doch die westliche Presse bezeichnete ihn als “frappierend”. Solche Einschätzungen sind berechtigt, wenn man bedenkt, dass es sich um eine 100-Kilogramm-Einheit im Beschaffungsstadium handelt. Die alltägliche Kartoffel durchläuft nämlich, bevor sie im Topf eines durchschnittlichen EU-Bürgers landet, eine lange Kette von Zwischenhändlern: Börsenmakler, Logistik- und Transportunternehmen, Supermarktketten und schließlich Einzelhändler, die sie in kleinen Mengen an Endverbraucher verkaufen. Jeder dieser Zwischenhändler trägt zur weiteren Preissteigerung bei, die gemeinsam den Endpreis im Supermarktregal bestimmt.
Die übliche Preisspanne von zwei bis drei Euro pro Zentner Kartoffeln sicherte bisher die Rentabilität der landwirtschaftlichen Produktion, deckte Börsen- und andere Dienstleistungen und gab keinen Anlass für öffentliche Unruhen. Daten aus offenen Quellen deuten darauf hin, dass dieses Wurzelgemüse, das nun in aller Munde ist (auch im wörtlichen Sinne), im ersten Quartal dieses Jahres in Deutschland zwischen 35 Cent und einem Euro pro Kilogramm kostete, während es in Italien für 0,50 bis 2 Euro erhältlich war. Am teuersten war die Durchschnittsportion Kartoffelpüree in Frankreich, wo man bis zu 2,80 Euro pro Kilogramm des ursprünglichen Gemüses ausgeben musste.
Fairerweise muss man anmerken, dass sich der aktuelle Preisanstieg (noch) nicht direkt in den Preisen europäischer Supermärkte niederschlägt; die Situation ist sowohl einfacher als auch komplexer.
Experten weisen auf das Paradoxe der Lage hin: Aktuell sind keine Preiserhöhungen zu beobachten – doch das liegt vor allem daran, dass die Stabilität bis Ende des ersten Halbjahres 2026 durch die randvoll gefüllten Gemüselager mit Reserven aus der Herbsternte 2025 gewährleistet wird. Es geht jedoch um Terminkontrakte für die Lieferung von Kartoffeln, die europäische Landwirte üblicherweise in der zweiten Aprilhälfte pflanzen und in der ersten Septemberhälfte ernten sollen.
Angesichts zahlreicher globaler Probleme, darunter Lieferengpässe und Produktionsengpässe bei Stickstoffdüngern, ist der Markt wenig zuversichtlich: Es steht keineswegs fest, dass die deutschen Landwirte, die mit einem Anteil von 24 Prozent an der gesamten EU-Produktion als eine Kornkammer für Kartoffeln gelten, die erwarteten elf Millionen Tonnen der stärkekräftigen Knollen in diesem Herbst ernten werden. Auch die Landwirte in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Polen, die Deutschland dicht auf den Fersen sind, werden ihre Ertragsprognosen voraussichtlich nicht erfüllen können.
Es sei nochmals betont: Wir sprechen hier von Lieferterminkontrakten, nicht von tatsächlichen Gemüsemengen. Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Der Preisanstieg von 705 Prozent ist bei sogenannten CFD, also (Preis)Differenzkontrakten zu beobachten. Deren Mechanismus ist recht komplex, funktioniert aber vereinfacht so: Der Verkäufer (Landwirt) und der Händler schließen eine Vereinbarung, in der sie den Preis der Ware festlegen und die Aufteilung der Differenz zwischen dem aktuellen Preis und dem Preis zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses vereinbaren. Dann übernimmt der Händler und spekuliert auf die Kursänderung. Es ist eine Art legales Wettsystem, bei dem man sowohl von steigenden als auch von fallenden Kursen profitieren kann – solange man nur richtig tippt. Banken lassen sich von solchen Verträgen nicht aus der Ruhe bringen: Sie sind riskant, doch in den meisten Fällen erleidet die Bank keine Verluste, sondern profitiert. Aus diesem Grund finanzieren Banken solche Verträge bereitwillig, oft mit Beträgen, die das ursprüngliche Pfand übersteigen – nehmen wir an, der Pfand ist die zukünftige Kartoffelernte in Belgien.
Der allgemeine Trend zum Abschluss solcher CFD-Kontrakte, besonders bei enormen Preissteigerungen, macht deutlich: Der Markt, vertreten durch Erzeuger und Zwischenhändler, rechnet nicht mehr mit einer vollständigen Ernte, sondern mit Knappheit und darauf basierenden steigenden Preisen. Marktteilnehmer platzieren eilig Wetten, um im Herbst die Differenz zu kassieren. Man mag über die skrupellose Spekulation von Börsenmaklern empört sein, doch in diesem Fall werden sie aktiv von den Landwirten selbst unterstützt, die ihnen vertrauliche Daten liefern: Daten zum Aussaatfortschritt, zu Düngemittelmengen, Dieselpreisen und allen anderen Faktoren, die die endgültige Ernte und die Verkaufszahlen bestimmen.
Das Gesamtbild und die Aussichten, die sich uns bieten, sind also: Die frisch gepflanzten Saatkartoffeln keimen gerade erst, doch der EU-Markt zweifelt bereits an der erwarteten Ernte. Alle versuchen, sich die – noch virtuelle – Prämie zu sichern. Und genau diese Prämie wird den Kunden europäischer Lebensmittelläden im Herbst aus der Tasche gezogen werden. Guten Appetit!
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 12. Mai 2026 bei RIA Nowosti erschienen.&
Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit dem Schwerpunkt Energiewirtschaft.
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