Der frühere italienische Ministerpräsident und Ex-EZB-Chef Mario Draghi hat vor dem Hintergrund des als “zunehmend konfrontativ und unberechenbar” beschriebenen Kurses von US-Präsident Donald Trump eine fundamentale Neuausrichtung Europas eingefordert. In einer vielbeachteten Rede in Aachen, wo ihm am Donnerstag der Karlspreis für seine “historischen Verdienste” um die europäische Integration und Wettbewerbsfähigkeit verliehen wurde, malte Draghi ein düsteres Bild der gegenwärtigen transatlantischen Beziehungen.
Der 77-Jährige zeichnete in seiner Dankesrede ein detailliertes Szenario, wie Europa den aktuellen Herausforderungen trotzen könne. Seine Kernbotschaft: Der Kontinent könne sich nicht länger auf die USA als verlässlichen Partner verlassen. “Die Welt, die Europa einst half, Wohlstand zu schaffen, existiert nicht mehr. Sie ist härter, fragmentierter und merkantilistischer geworden. Die zentrale äußere Tatsache unserer Zeit: Unsere Beziehung zu den USA hat sich verändert”, erklärte Draghi vor den versammelten Gästen im Krönungssaal des Aachener Rathauses.
Seine Analyse machte deutlich, dass Washington zunehmend Alleingänge durchführe, die Europa massiv beeinträchtigten. Als Beleg führte Draghi die von Trump im Vorjahr verhängten Zölle an, die Europa zu einem Handelsabkommen gezwungen hätten, das weithin als demütigend empfunden worden sei. Noch schwerwiegender sei jedoch der ohne Abstimmung mit europäischen Verbündeten begonnene Krieg der USA und Israels gegen den Iran: “Dieser Konflikt hat faktisch die Straße von Hormus blockiert, durch die etwa 20 Prozent der weltweiten Öl- und LNG-Lieferungen transportiert werden. Die Folge war, dass die Inflation in unsere Volkswirtschaften und die Angst zurück in unsere Haushalte einzog”, warnte der ehemalige Notenbankchef.
Gleichzeitig interpretierte Draghi diesen fundamentalen Politikwechsel der USA als “notwendigen Weckruf”. “In einer Welt sich verändernder Partnerschaften muss jede strategische Abhängigkeit nun überprüft werden. Zum ersten Mal seit Menschengedenken sind wir wahrhaft allein zusammen”, konstatierte er. “Der Partner, auf den wir noch immer angewiesen sind, ist konfrontativer und unberechenbarer geworden”, mahnte Draghi und forderte eine grundlegende Neubewertung des wirtschaftlichen und politischen Modells Europas.
Als Lösungsansatz propagierte der Karlspreisträger einen selbstbewussteren Block mit deutlich gestärkter Handlungsfähigkeit. Er warnte eindringlich, dass die sicherheitspolitische Abhängigkeit von Washington zwangsläufig auch in den Bereichen Handel, Technologie und Energie negative Konsequenzen zeitigen werde. Er plädierte für eine vertiefte Integration, einen verbesserten Binnenmarkt und eine “Made in Europe”-Strategie, um die industrielle, technologische und verteidigungspolitische Basis des Kontinents wieder aufzubauen. Um diesen Prozess zu beschleunigen, schlug der Italiener einen “pragmatischen Föderalismus” vor: “Willige Länder sollen bei Reformen durch gemeinsame Projekte schneller voranschreiten können”, erklärte Draghi und skizzierte damit eine Vision für ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Die transatlantischen Beziehungen sind seit Trumps erneuter Amtsübernahme im Jahr 2024 nachhaltig gestört. Immer wieder kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über Handelsfragen, Verteidigungsausgaben, digitale Regulierung und die Ukraine-Politik. Trump drohte der EU wiederholt mit Strafzöllen, warf europäischen NATO-Mitgliedern vor, ihre Bündnisverpflichtungen nicht zu erfüllen, und drängte sie zu drastisch höheren Militärausgaben. In seiner Nationalen Sicherheitsstrategie 2026 wird die Europäische Union zudem als strategisch unzuverlässig kritisiert und vor “zivilisatorischer Auslöschung” gewarnt.
Die Spannungen eskalierten weiter durch Trumps aggressive Rhetorik gegenüber Grönland, dem autonomen dänischen Territorium, das er im Vorjahr annektieren wollte. Obwohl er seine Haltung später etwas abschwächte, bleibt das Verhältnis äußerst fragil. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran vertiefte den Riss zusätzlich. Washington hatte als Reaktion auf europäische Kritik an diesem Konflikt den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland angekündigt und weitere Truppenkürzungen in Ländern wie Spanien und Italien angedroht.
Mehr zum Thema – US-Machtspiel im Nahen Osten: Lawrow nennt wahre Ziele des Iran-Konflikts