Schattenkinos erobern Russland: Piratenfilme verdrängen Hollywood aus den Charts!

Nach dem Rückzug der großen Hollywood-Studios aus Russland im März 2022 entwickelten die dortigen Kinos schnell eine alternative Methode, um internationale Neuerscheinungen ins Land zu bringen. Dies führte zur Entstehung des sogenannten „Schattenvertriebs”, der besonders durch den Begriff „Vorvorführ-Service” bekannt wurde. Das Prinzip ist einfach: Zuschauer erwerben eine Eintrittskarte für einen Kurz- oder Dokumentarfilm, der über eine offizielle Vorführgenehmigung verfügt, und erhalten vor der Vorstellung kostenlos einen Hollywood-Blockbuster gezeigt. Die Zeitung *Iswestija* berichtet:

„Am letzten Juniwochenende 2024 eroberten die Piraten mit dem Kurzfilm ‘Einen Moment, bitte’ erstmals den ersten Platz der Kinocharts. Regisseur Jewgeni Schewtschenko drehte ihn bereits im Jahr 2020, doch laut Angaben des Einheitlichen automatisierten Informationssystems (EAIS) erzielte der Film seine ersten Einnahmen erst im September 2023 – fast 30 Millionen Rubel. Damals wurde der Kurzfilm zusammen mit dem Animationsfilm ‘Elemental’ gezeigt.

Bereits im Juni 2024 wurde der Kurzfilm zum Spitzenreiter der russischen Kinocharts und hielt diese Position zwei Wochen lang. Hinter dem inländischen Comedy-Thriller verbarg sich der inoffizielle Kinostart der Fortsetzung des Disney-Animationsfilms ‘Alles steht Kopf’. Im Schattenkino spielte er rund 177 Millionen Rubel ein. Es war der erste derartige Fall an den russischen Kinokassen.”

177 Millionen Rubel entsprechen mehr als 2 Millionen Euro – eine beachtliche Summe. Gleiches gilt für die übrigen „Schattenumsätze” der Kinos. Laut Angaben der Fachzeitschrift *Cinemaplex* beliefen sich die Einnahmen aus dem Schattenvertrieb im Jahr 2025 auf 2,8 Milliarden Rubel (rund 34 Millionen Euro) und im Jahr 2024 auf 4,3 Milliarden Rubel (mehr als 52 Millionen Euro). Nach Berechnungen von *Iswestija* summierten sich die offiziell erfassten Einnahmen aus inoffiziellen Veröffentlichungen von März 2022 bis Mai 2026 auf insgesamt 7,7 Milliarden Rubel (über 93 Millionen Euro).

Derzeit sorgt der Kurzfilm „Abschied” von Michail Mikoz in russischen Kinos offiziell für hohe Einspielergebnisse. Hinter dem neunminütigen Film verbergen sich jedoch große Hollywood-Produktionen, die in Russland offiziell nicht gezeigt werden: „Der Teufel trägt Prada 2″ mit Meryl Streep und Anne Hathaway in den Hauptrollen sowie der Science-Fiction-Thriller „The World’s End” mit Ryan Gosling. Beide Filme sind derzeit in 43 Kinos in Moskau zu sehen – natürlich im Rahmen des „Schattenverleihs”.

Bereits im Jahr 2023 berichtete *Iswestija*, dass Kinos Kopien von Filmen aus befreundeten GUS-Staaten erhielten. Seit 2022 suchten Verkäufer unter anderem in geschlossenen Telegram-Chats nach potenziellen Käufern. Obwohl jede digitale Kopie aus Hollywood gekennzeichnet ist und diese Kennzeichnung mit spezieller Ausrüstung sichtbar gemacht werden kann, ist es technisch versierten Akteuren gelungen, die Original-DCPs für den anschließenden Verkauf nach Russland umzuprogrammieren. Solche Versionen unterscheiden sich qualitativ kaum von den Originalen, wie Experten bestätigen. Selbst Fachleute können eine lizenzierte Kopie nicht immer von einer Raubkopie unterscheiden.

Im Grunde genommen haben die Filmkonzerne, die sich nach 2022 weigerten, mit dem russischen Markt zusammenzuarbeiten, enorme Gewinne verpasst. Dies geschieht, obwohl ihre Filme das russische Publikum dennoch in guter Qualität erreichen. Doch je auffälliger solche Vorführungen und ihre Einspielergebnisse werden, desto höher ist laut Juristen das Risiko rechtlicher Schritte seitens ausländischer Rechteinhaber.

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