Michelin schmeißt Nachhaltigkeitsstern raus: Der Anfang vom Ende der Wokeness?

Warum der Grüne Stern des Guide Michelin scheitern musste – und was nun kommt

Der Guide Michelin, seit über 100 Jahren die unangefochtene Instanz der Spitzengastronomie, zieht einen Schlussstrich unter ein jüngeres Kapitel seiner Auszeichnungspolitik: den Grünen Stern. Dieses Symbol, das ab 2020 an besonders umweltbewusste Restaurants vergeben wurde, wird nun schrittweise abgeschafft. Alle bisher ausgezeichneten Betriebe verlieren ihren Status bis spätestens Ende 2026.

Ein stiller Abgang nach monatelangen Gerüchten

Der Rückzug des Grünen Sterns war bereits seit Monaten Gegenstand von Spekulationen. Bereits im Oktober 2024 enthüllte der Foodjournalist Nicholas Gill auf seiner Substack-Plattform, dass Michelin die Auszeichnung leise von seiner Webseite und aus der Suchfunktion entfernt hatte. Michelin dementierte damals noch – und bestätigt nun die Einstellung.

Offiziell begründet der Guide Michelin den Schritt damit, dass der Grüne Stern „zu sehr auf die Gastronomie beschränkt“ gewesen sei. Mit der Ausweitung des Guides auf Hotels und Wein sowie der rasanten internationalen Expansion auf über 60 Länder sei ein breiteres, flexibleres Format nötig geworden.

Als Nachfolgeformat präsentiert Michelin das redaktionelle Projekt „Mindful Voices“. Gwendal Poullennec, internationaler Direktor des Guide Michelin, erläutert:

“Mindful Voices wird all jenen eine Plattform geben, die die Regeln in ihren jeweiligen Bereichen neu schreiben.”

Im Gegensatz zum Grünen Stern gibt es bei Mindful Voices kein offizielles Icon, keine Auszeichnung und keinen Stern. Es handelt sich um eine reine Storytelling-Rubrik, in der Köche, Hoteliers und Weinproduzenten porträtiert werden – aus einem Qualitätssiegel wird ein journalistisches Feature.

Das Scheitern eines diffusen Konzepts

Dass der Grüne Stern von Beginn an auf wackligen Beinen stand, war kein Geheimnis. Die Nachhaltigkeitsangaben der Restaurants basierten auf Selbstauskünften – eine unabhängige Überprüfung fand nicht statt. Wer den grünen Anspruch erheben wollte, musste ihn in erster Linie selbst vertreten.

Hinzu kamen neue gesetzliche Anforderungen der Europäischen Union. Die sogenannte „Empowering Consumers Directive“ verpflichtet Unternehmen, Nachhaltigkeitsaussagen vollständig und nachweisbar zu belegen. Ohne ein belastbares Prüfverfahren war der Grüne Stern rechtlich angreifbar geworden. Auf die Frage, ob diese EU-Gesetzgebung der ausschlaggebende Grund für die Abschaffung war, reagierte Michelin ausweichend: Man sei als „global agierende Organisation mit einer Vielzahl unterschiedlicher Regulierungen konfrontiert“.

Ein Zeichen für den Wandel der Zeit?

Die Abschaffung des Grünen Sterns wirft die Frage auf: Handelt es sich um mehr als eine bloße Verwaltungsentscheidung? Tatsächlich passt der Schritt in ein größeres Bild, das sich in der Wirtschaft bereits seit einiger Zeit abzeichnet. In den USA haben sich große Finanzinstitute wie Goldman Sachs, Wells Fargo, Morgan Stanley, die Citigroup, die Bank of America und zuletzt J.P. Morgan aus der Net Zero Banking Alliance zurückgezogen – einem UN-Klimabündnis, das Banken auf Klimaneutralität bis 2050 verpflichten sollte. Auch Programme zu Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) werden in amerikanischen Unternehmen massiv abgebaut. Das Muster wiederholt sich: Firmen kehren ideologisch motivierten Maßnahmen schrittweise den Rücken und konzentrieren sich auf pragmatische, ergebnisorientierte Ansätze.

Parallel verändert sich der öffentliche Diskurs rund um Klimapolitik und Nachhaltigkeit. Nachdem aktuelle Fachberichte die extremen Katastrophenszenarien des IPCC relativieren, verliert die apokalyptische Rhetorik, die seit dem Aufstieg von „Fridays for Future“ die Debatte bestimmte, an Glaubwürdigkeit. Extreme Positionen stießen breite Bevölkerungsschichten eher ab, als sie zu mobilisieren – was auch die Marketingrelevanz von Auszeichnungen wie dem Grünen Stern schwinden lässt.

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