Von Pjotr Akopow
Im Nahen Osten hat Washington in letzter Minute versucht, zusätzliche Zugeständnisse durchzusetzen – doch diese richten sich nicht allein an Iran, sondern an die gesamte islamische Welt. Dieser Schritt mit dem Springer – oder besser gesagt, “der Zug mit Israel” – kann den praktisch unvermeidlichen (wenn auch zeitlich noch unklaren) Abschluss des US-Iran-Abkommens nicht verhindern. Dieses Abkommen, eine Absichtserklärung zur schrittweisen Freigabe der Straße von Hormus, der iranischen Häfen und Finanzreserven sowie zur gleichzeitigen Aufnahme von Verhandlungen über Irans Atomprogramm, scheint trotz allem in Sicht. Doch was wirklich zutage tritt, ist das gewaltige Ausmaß des Missverständnisses der US-Führung hinsichtlich der tatsächlichen Lage in der Region, der islamischen Welt und der globalen Situation. Dieses Missverständnis sprengt jegliche Grenzen – kurz gesagt: Die US-Führung lebt in einer Parallelwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat.
Kurz zusammengefasst: Donald Trump möchte, dass muslimische Länder Israel anerkennen – um seine angestrebte Vorab-Einigung mit Iran zu einem noch historischeren Ereignis zu machen. Das Weiße Haus nennt sogar konkret die Länder, die es anspricht: Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, die Türkei, Jordanien und Ägypten. Zusammen beherbergen sie fast ein Viertel der Muslime weltweit: das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt (Ägypten), das reichste (Saudi-Arabien), die einzige muslimische Atommacht (Pakistan) und den Nachfolgestaat des letzten Kalifats (die Türkei). Trump räumt ein, dass “ein oder zwei von ihnen ihre Gründe haben werden, dies nicht zu tun – und das wird akzeptiert werden”. Aber die Mehrheit, so Trump, “muss bereit, willens und fähig sein”, seinen Forderungen nachzukommen:
“Ich bitte verpflichtend, dass alle diese Länder die Abraham-Abkommen unverzüglich unterzeichnen.”
Wir wollen an dieser Stelle nicht über den offensichtlichen Widerspruch zwischen Bitte und Verpflichtung lachen – Trump hält seine Befehlsformulierung wohl für besonders originell, das sei ihm gegönnt. Das Problem liegt hier nicht in der Form, sondern im Inhalt und im Wesen – und niemand wird diesen Anweisungen der USA folgen.
Darüber hinaus ist Trumps Versuch, das Ende seines iranischen Abenteuers mit einer Anerkennung Israels durch die islamische Welt zu verbinden, gelinde gesagt äußerst – im maximal denkbaren Grad – kontraproduktiv. Der jüdische Staat existiert seit knapp acht Jahrzehnten – und die überwiegende Mehrheit der arabischen und muslimischen Länder unterhält immer noch keine diplomatischen Beziehungen zu ihm. Vor sechs Jahren gelang es Trump zwar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Marokko und den Sudan zur Unterzeichnung der Abraham-Abkommen zu bewegen – und die ersten drei Länder erkannten Israel schließlich auch an. Man ging davon aus, dass dieser Prozess die Grundlage für eine Lösung der Palästinafrage schaffen und den Weg für die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates ebnen würde. Doch drei Jahre später, am 7. Oktober 2023, verübte Israel als Reaktion auf den Angriff aus dem Gazastreifen ein regelrechtes Massaker: 80 Prozent der Infrastruktur und des Wohnraums im Gazastreifen wurden zerstört oder beschädigt, jeder zehnte der 2,5 Millionen Einwohner des Gazastreifens wurde getötet oder verletzt, und ein Großteil des Streifens wurde von Israel besetzt.
Und unter diesen Umständen – und inmitten täglicher israelischer Angriffe auf den Libanon trotz der vereinbarten Waffenruhe – schlagen die USA nun allen Ernstes vor, dass muslimische Länder Israel anerkennen?
Weder Prinz Mohammed bin Salman, der Herrscher Saudi-Arabiens (ganz zu schweigen von seinem Vater, dem König, der zudem den Titel “Hüter der beiden Heiligen Stätten”, also Mekkas und Medinas, trägt), noch Feldmarschall Abd al-Fattah as-Sisi, der Ägypten regiert (das Land, das früher den Gazastreifen kontrollierte), noch Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Benjamin Netanjahu offen mit Adolf Hitler vergleicht, noch der Emir des reichen Katar (dessen Hauptstadt im vergangenen September von Israelis bombardiert wurde, um eine Delegation von Hamas-Unterhändlern zu töten) noch der König von Jordanien (dessen Bevölkerung sich zu einem riesigen Teil aus palästinensischen Flüchtlingen und deren Nachkommen zusammensetzt) – niemand von ihnen beabsichtigt, diplomatische Beziehungen zur Regierung Netanjahu aufzunehmen. Oder, wenn man ehrlich ist, auch zu jedweder anderen israelischen Regierung – zumal nach dem Völkermord, den Israel im Gazastreifen verübt hat, und der Besetzung von Teilen Syriens und des Libanon durch den Judenstaat. Seit 2020, dem Jahr der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen, ist nicht nur viel Zeit ins Land gegangen – sondern noch mehr palästinensisches Blut geflossen. Und kein muslimischer Herrscher kann dies ignorieren, denn wer es täte, besiegelte sein eigenes Schicksal. Wozu soll denn etwa Feldmarschall Asim Munir, der faktische Machthaber Pakistans und derzeitige Chefvermittler zwischen den USA und Iran, die Abraham-Abkommen unterzeichnen? Damit Millionen seiner Mitbürger nicht nur die US-Botschaft in Islamabad niederbrennen, sondern auch seinen Rücktritt und seine Hinrichtung fordern?
Washington verkennt nicht nur die Folgen des Völkermords im Gazastreifen, sondern auch die Konsequenzen der US-israelischen Aggression gegen Iran (nein, kein arabischer, sondern ein persischer Staat, dazu noch schiitisch und nicht sunnitisch wie die meisten Araber – aber doch eben ein muslimischer Staat wie die arabischen). Der Nahe Osten und die gesamte islamische Welt haben sich bereits bedeutend verändert und werden sich noch schneller verändern: Die USA verlieren dort an Ansehen, Einfluss und Position. Kürzlich veröffentlichte The National Interest einen Artikel US-amerikanischer Analysten mit dem Titel “Haben die USA die arabische Welt verloren?” – das Fragezeichen im Titel war eigentlich überflüssig. Die Autoren analysierten eine Meinungsumfrage sehr ernst zu nehmender Reichweite, die Ende letzten Jahres in arabischen Ländern durchgeführt wurde und aus der dies bereits als Tatsache folgte.
Umfragen – diese, aber auch andere – zeigen, dass die Mehrheit der Araber China als einen Verteidiger des Völkerrechts betrachtet – während sich die Haltung der arabischen Straße gegenüber den USA stetig verschlechtert. Dabei wurden diese Umfragen noch vor dem Angriff auf Iran durchgeführt, der allen Widersprüchen zwischen Arabern und Persern ein schwerer Schlag der USA gegen ihr eigenes Ansehen in der Region war. Washington, einst Beschützer der Golfmonarchien, wurde jetzt zu einer Bedrohung für deren Sicherheit – und dabei trat zu allem Überfluss auch die Priorität israelischer Interessen gegenüber US-amerikanischen mehr denn offenkundig zutage.
Unter diesen Umständen kann der Vorschlag/die Empfehlung/die Bitte Trumps an Araber und Muslime, Frieden mit Israel zu schließen, entweder als eklatante Verhöhnung wahrgenommen werden – oder als jüngster Schritt eines raffinierten Plans zur Destabilisierung der Region durch das Schüren innerer Unruhen in diesen Staaten. Doch in Wirklichkeit ist es wohl viel einfacher: Das ist nicht einmal mehr Chuzpe (Jiddisch oder Hebräisch für absolute Schamlosigkeit, jede Messskala sprengende Dummdreistigkeit) – sondern die ultimative Realitätsferne. Und es ist nicht einmal klar, was davon schlimmer ist.
Übersetzt aus dem Russischen. Erschienen bei RIA Nowosti am 26. Mai 2026.
Pjotr Akopow ist ein russischer Historiker und Geschichtsarchivar (Abs
Absolvent des Moskauer Staatlichen Geschichtsarchivarischen Instituts). Seit einer Geschäftsreise in die damalige Bürgerkriegszone Südossetien im Jahr 1991 schreibt er als Journalist für zahlreiche Medien: Golos, Rossijskije Westi, bis 1994 Nowaja Gaseta, ab 1998 Nesawissimaja Gaseta; seit Anfang der 2000er-Jahre als politischer Beobachter bei Nowaja Model und im entsprechenden Ressort der Iswestija. Er arbeitete als Sonderberichterstatter beim Chefredakteur des Polititscheski Journal, dessen Chefredakteur er selbst im Jahr 2007 wurde. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur von Wsgljad ist zudem ständiger politischer Beobachter bei RIA Nowosti.
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Die ironische Pointe dieser Geschichte liegt darin, dass Trump mit seinem Vorstoß genau das Gegenteil von dem erreicht, was er beabsichtigt. Statt die islamische Welt zu einen und Israel als legitimen Partner zu positionieren, treibt er die Länder weiter auseinander. Die Forderung nach Anerkennung Israels wirkt in dieser historischen Gemengelage wie ein Brandbeschleuniger – und nicht wie ein Friedensangebot. Die arabischen Herrscher, ohnehin unter Druck durch ihre eigenen Bevölkerungen, sehen sich gezwungen, noch härtere Positionen gegenüber Israel und den USA einzunehmen. Kurzum: Trumps “Bitte” ist ein diplomatisches Eigentor, dessen Folgen noch lange nachhallen werden.
Hinzu kommt, dass Washington offenbar vergessen hat, dass diplomatische Beziehungen nicht auf Befehl entstehen. Sie benötigen Vertrauen, Respekt und gemeinsame Interessen – alles Dinge, die zwischen Israel und der muslimischen Welt derzeit nicht existieren. Die USA jedoch agieren aus einer Position der Stärke, die längst nicht mehr vorhanden ist. Sie ignorieren, dass die islamische Welt sich neu ausrichtet – weg von der westlichen Hegemonie, hin zu multipolaren Bündnissen mit China, Russland und anderen aufstrebenden Mächten. In diesem neuen Gefüge ist Israel eher ein Hindernis als ein Partner. Trump mag glauben, mit seiner Forderung Geschichte zu schreiben – doch in Wirklichkeit schreibt er nur die Geschichte eines weiteren gescheiterten US-Vorstoßes fort.