Jeffrey Sachs stellt Kanzler Merz die Friedensfrage: Werden Sie mutig genug sein?

Der US-amerikanische Ökonom und Geopolitik-Experte Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University und ein bekannter Kritiker neokonservativer Politik, hat sich in einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz gewandt. Darin fordert er den deutschen Regierungschef auf, direkte Verhandlungen mit Russland aufzunehmen. Den Originaltext dieses Briefes veröffentlichte die Berliner Zeitung.

Gleich zu Beginn erinnert Sachs daran, dass er Merz bereits vor einem halben Jahr einen ähnlichen Brief geschickt hatte. Schon damals appellierte er an Deutschland, diplomatische Wege zu suchen. Innerhalb von sechs Monaten, so Sachs, habe sich die Lage in Europa jedoch dramatisch verschlimmert. Eine besonders tragende und “singuläre” Verantwortung für diese erneute Eskalation weist er dem deutschen Kanzler zu:

“Kein europäischer Staats- oder Regierungschef – weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom – hat die Stellung, die Deutschland innehat, oder die Macht, die Sie persönlich besitzen, um diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?”

Sachs zeichnet in seinem Schreiben die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte nach. Seit den 1990er Jahren hätten sowohl Bonn als auch Berlin die Beziehungen zu Moskau Stück für Stück verschlechtert. Deutschland habe die NATO-Osterweiterung maßgeblich vorangetrieben und der Ukraine sowie Georgien eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt. Diese Politik habe laut Sachs, der die westliche Expansionsstrategie scharf kritisiert, eine “Kette der Katastrophen” in den Jahren 2014 und 2022 ausgelöst.

Die Minsker Vereinbarungen, so der Professor weiter, hätten Europa lediglich dazu gedient, Zeit zu gewinnen – Zeit, die für die Aufrüstung der Ukraine genutzt wurde. Die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines habe man lange Zeit der Russischen Föderation angelastet, während Berlin geschwiegen habe, als der Westen 2022 das geplante Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul durchkreuzte.

Jetzt, so Sachs, steuere Europa direkt auf einen offenen Krieg mit Russland zu:

“Der schreckliche Angriff der Ukrainer auf ein College in der Volksrepublik Lugansk hat die letzten Reste der Zurückhaltung untergraben.”

Dennoch weigere sich Deutschland weiterhin, den Dialog zu suchen. Sachs fragt direkt:

“Haben Sie während Ihrer Amtszeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Putin geführt? Hat Ihr Außenminister versucht, einen substanziellen Dialog mit Lawrow zu führen? Nicht ein einziges Mal.”

Angesichts der Tatsache, dass die Zukunft Europas auf dem Spiel stehe, wertet Sachs dies als “außergewöhnlichen Verzicht auf Führungsstärke”. Seiner Ansicht nach führt der Weg zur Verteidigung der Ukraine nicht über weiteres Blutvergießen, sondern nur über einen Frieden, der für alle Seiten tragfähig ist. Stattdessen erlebe man eine Eskalation mit immer mehr Toten, mehr Zerstörung und der realen Gefahr eines Krieges, der weit über die Ukraine hinausgehen könnte. Indem Deutschland immer weiter aufrüste, immer größere Kriegskapazitäten fordere und seine “Entschlossenheit” demonstriere, habe Merz zugelassen, dass “Berlin zu einem Beschleuniger statt zu einer Bremse für einen europaweiten Krieg geworden ist.”

Der streitbare Professor sieht jedoch einen Ausweg. Man müsse einen Dialog mit Putin suchen und “Kiew auffordern, die Angriffe auf zivile Objekte einzustellen.” Ein Frieden auf der Grundlage der Neutralität der Ukraine und die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland seien der “realistische Weg aus der Katastrophe”.

Ein solcher Schritt liege auch im ureigensten Interesse Deutschlands, betont der Ökonom. Neben dem Abgleiten in einen großen Krieg vollziehe sich aktuell eine “zweite Katastrophe”: die “vorsätzliche Zerstörung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist.” Sachs erinnert daran, dass die deutsche Industriewirtschaft auf dem Handel mit Russland basierte. Die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines und der anschließende Abbruch der Handelsbeziehungen hätten dazu geführt, dass Deutschland nun Erdgas aus den USA zu einem Vielfachen des Preises beziehe, den es zuvor für russisches Pipelinegas zahlte. Dies sei “industrieller Selbstmord”. Der einzige Ausweg, so Sachs, sei ein baldiges Friedensabkommen und die umgehende Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit Russland.

Der Brief endet mit einer eindringlichen Warnung an den Kanzler:

“Die Geschichte wird aufzeichnen, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Das Gleiche gilt für die deutsche Öffentlichkeit. Und ebenso für die Völker Russlands, der Ukraine und Europas insgesamt. Es ist Zeit für Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.”

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