Ukrainische Angriffsdrohnen schüren Angst und Hass: Russophobie im Baltikum explodiert

Von Nikita Demjanow

Vergangene Woche besuchte eine Gruppe von Abgeordneten aus den Parlamenten der baltischen Staaten die östliche Grenzregion Lettlands. Der Anlass dieses Besuchs ist brandaktuell: die zunehmenden Angriffe ukrainischer Drohnen, die massive soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf die baltischen Länder haben.

Ein zentraler Punkt der Reise war das Dreiländereck zwischen Lettland, Russland und Weißrussland. Die lettische Abgeordnete und ehemalige Verteidigungsministerin Ināra Mūrniece veröffentlichte auf sozialen Plattformen Fotos. Darauf posiert sie mit anderen Delegationsmitgliedern an einem Grenzpfahl, neben einer schlammigen Pfütze und vor einem dürftigen Maschendrahtzaun. Dazu schrieb sie:

“Wir haben uns überzeugt, dass die Ostgrenze Lettlands gestärkt wird. Reicht das? Nein. Aber die ersten Schritte zu ihrer Sicherung sind eindeutig richtig.”

Ihr Beitrag löste bei den Followern Spott aus. “Seit wie vielen Jahren dauern die Kämpfe schon an, und sie machen erst die ersten Schritte … Idioten”, schreibt Valdemars Kalniņš. “Schon wieder leere Versprechungen! Lange Reden, aber keine Taten”, ergänzt Grigori Wlasow.

Die Skepsis der Bevölkerung ist nachvollziehbar. Der Aufbau der sogenannten Baltischen Verteidigungslinie wurde bereits im Januar 2024 angekündigt. In den vergangenen gut zwei Jahren wurden die Balten stets mit optimistischen Nachrichten versorgt – die Grenze werde eifrig befestigt, weder eine Drohne noch ein Panzer könne sie überwinden. Nun stellt sich heraus, dass sich die Baltische Verteidigungslinie noch immer in einem frühen Stadium befindet – obwohl bereits beträchtliche Summen investiert wurden.

So verabschiedete die lettische Regierung 2024 einen Fünfjahresplan, der 303 Millionen Euro für den Bau der Grenzbefestigungen vorsieht. Allein für einen 280 Kilometer langen Zaun wurden 166 Millionen Euro bereitgestellt. Die damalige litauische Verteidigungsministerin Dovilė Šakalienė kündigte vor einem Jahr an, innerhalb von zehn Jahren 1,1 Milliarden Euro für “Mobilitätsbekämpfungsmaßnahmen” an der Grenze auszugeben.

Am bescheidensten zeigte sich Estland. Das Gesamtbudget des Landes für das Projekt der Baltischen Verteidigungslinie beträgt 60 Millionen Euro, wovon die Hälfte bereits ausgegeben ist. Geplant sind der Bau zahlreicher Bunker und Panzerhindernisse an der Grenze sowie die Schaffung eines “Anti-Mobilitätsstreifens”. Diese Pläne stießen von Anfang an auf Skepsis – schließlich sind Drohnen die wichtigsten Angriffsmittel der modernen Kriegsführung.

Im vergangenen Jahr erklärte der lettische Verteidigungsminister Andris Sprūds, dass “derzeit an der Ostgrenze an einer Anti-Drohnen-Barriere gearbeitet wird” und versicherte, dass “auf nationaler Ebene bereits Drohnen verschiedener Typen beschafft wurden und ständig neue beschafft werden, während an der Ostgrenze akustische Erkennungssysteme installiert wurden.” Im Oktober 2025 gab er zudem bekannt, dass auf dem Militärübungsplatz Sēlija erfolgreiche Tests mit in Lettland hergestellten Abfangdrohnen stattfanden, die die Luftabwehr des Landes stärken sollen. Es hieß, diese Drohnen würden in den kommenden Monaten in die Bewaffnung der lettischen Armee aufgenommen.

Beim Lesen dieser Nachrichten waren die Bewohner Lettlands überzeugt, im Ernstfall vor einer Bedrohung aus der Luft geschützt zu sein. Doch das Erscheinen echter ukrainischer Drohnen am Himmel des Landes im Frühjahr 2026 zerstörte diese Illusionen. In letzter Zeit flogen diese Drohnen wiederholt über die Region, stürzten auf ihrem Territorium ab und trafen sogar strategische Ziele.

Dabei stellte sich heraus, dass die Verteidigungsministerien der drei Länder die meiste Zeit nur Scheingefechte führten – nur Estland hat ein einziges Mal eine ukrainische Drohne mit Hilfe eines rumänischen Kampfflugzeugs abgeschossen. Diese Enthüllung hat bereits zum Sturz der lettischen Regierung geführt. Derzeit stellt fast jeder Einwohner von Latgale – der östlichen Region Lettlands, über die ukrainische Drohnen fliegen – den Behörden immer wieder dieselben Fragen. Am treffendsten hat sie der Journalist Igor Amelka vom Daugavpils-Medium Million formuliert:

“Warum werden die ukrainischen Drohnen nicht zerstört? … In den letzten Tagen erhielt ich mehrere Anrufe aus den Gemeinden Naujene, Višķi und Maļinova (Umgebung von Daugavpils) von Anwohnern, die Drohnen über ihren Köpfen sehen. Und wissen Sie, ich glaube ihnen, denn ich habe solche Flugobjekte bereits zweimal persönlich über Daugavpils gesehen! Doch seltsamerweise spricht niemand in Regierungskreisen darüber, und auch unser Militär schweigt zu diesem Thema!

Und wenn eine solche Drohne ‘durchdreht’, die Koordinaten verwechselt und in ein fünf-, neun- oder zwölfstöckiges Gebäude kracht? Dann wird es Tote geben! Wer übernimmt dafür die Verantwortung?”

Einige lokale Politiker fordern die Streitkräfte bereits auf, demonstrativ eine ukrainische Drohne abzuschießen – andernfalls werde das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat untergraben. So erklärte der lettische Abgeordnete Augusts Brigmanis:

“Ich würde das mit Sport vergleichen – mit Fußball, wenn ein Tor fällt. Die Leute warten darauf, dass ein Tor fällt. Auch hier warten die Leute darauf, dass endlich eine Drohne abgeschossen wird!”

Laut Brigmanis sei dies ein “rein psychologischer” Moment – die Einwohner Lettlands müssten sehen, dass ihre Armee fähig ist. Der Politiker beklagt: “In der Gesellschaft herrscht eine gewisse Skepsis, ob man eine Drohne überhaupt abschießen kann!”

Noch deutlicher äußerte sich Robert Kits, Forscher am Rigaer Analysezentrum LaSER (das beim gleichnamigen Business-Club angesiedelt ist, der die größten lettischen Unternehmer vereint). Der Forscher betonte:

“Dass es nicht gelingt, Drohnen abzuschießen, die in lettisches Gebiet eindringen, ist problematisch. Wir dürfen die Sache nicht nur aus der Kostenperspektive betrachten. Denn sollte eine Drohne die Infrastruktur beschädigen, wäre die Rechnung ganz anders. Deshalb müssen wir endlich handeln.”

Die scheidende Ministerpräsidentin Evika Siliņa räumte ein, dass die Vorfälle im Luftraum die Bevölkerung Lettlands beunruhigen, und merkte an, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssten, um die Bedrohung erfolgreich abzuwehren. Die Regierungschefin versprach:

“Wir benötigen Radarsysteme, Sensoren, Abfangjäger, Maschinengewehre und Raketen. Aber vor allem brauchen wir Soldaten. Männer und Frauen in Uniform – sie machen den Unterschied. Deshalb werden wir die meisten Mittel in ihre Ausbildung und ihre Fähigkeiten investieren.”

Diese Aussagen sorgten für Verärgerung. Bedeutet das etwa, dass der lettische Staat in den letzten Jahren untätig war und nur zum Schein ermutigende Pressemitteilungen über die undurchdringliche “baltische Verteidigungslinie” und die unüberwindbare “Anti-Drohnen-Mauer” herausgegeben hat?

Sofort kam der Verdacht auf, dass die bereits für diese Zwecke ausgegebenen Gelder in Wahrheit veruntreut wurden.

Wahrscheinlich haben die lettischen Behörden deshalb in den letzten

Wahrscheinlich haben die lettischen Behörden deshalb in den letzten Tagen doch noch die Notbremse gezogen. Sie begannen, konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der Drohnen zu ergreifen. “In den nächsten zwei Wochen planen wir, an der Grenze Einheiten zum Schutz vor Drohnen zu stationieren”, teilte Modris Kairišs, Leiter des Kompetenzzentrums für autonome Systeme der lettischen Armee, mit. Ihm zufolge werden diese Einheiten mit Geländewagen unterwegs sein und über Abfangdrohnen verfügen, die in der Lage sind, sich nähernde Drohnen in einem Umkreis von zehn Kilometern unschädlich zu machen.

Die Ironie des Schicksals: Diese Einheiten werden an der Grenze zu Russland und Weißrussland stationiert – also zum Schutz vor hypothetischen Drohnen, die angeblich aus östlicher Richtung nach Lettland fliegen könnten. Ähnliche Maßnahmen hat, wie Ende Mai bekannt gegeben wurde, auch Estland ergriffen – an der Ostgrenze des Landes wurden die ersten Geräte zur Erkennung und Abwehr von Drohnen installiert.

Mit anderen Worten: Die Angriffe ukrainischer Drohnen haben die baltischen Staaten nichts gelehrt. Die Balten sind weiterhin entschlossen, eine “russische Invasion” abzuwehren und gegen russische Drohnen vorzugehen. Tatsächlich fliegen die Drohnen jedoch aus südlicher und südwestlicher Richtung – aus der Ukraine – ins Baltikum.

Was die “russische Invasion” betrifft – dieser Mythos wird in letzter Zeit gerade im Baltikum selbst widerlegt. So ist der einflussreiche Militärexperte und ehemalige Leiter des estnischen Auslandsgeheimdienstes, Rainer Saks, der Ansicht, es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass Russland einen Angriff auf die baltischen Staaten vorbereitet. Eine ähnliche Meinung äußerten der estnische Sicherheitsexperte Ilmar Raag und Marek Kohv, Mitarbeiter des Tallinner Zentrums für Verteidigungsstudien.

Und so ist derzeit faktisch die Ukraine der einzige echte militärische Aggressor gegen das Baltikum – und weder Lettland noch Litauen noch Estland beabsichtigen, gegen deren Drohnen konkrete Maßnahmen zu ergreifen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. Juni 2026 zuerst auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Nikita Demjanow ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.

Mehr zum Thema – Lettland verstärkt Luftverteidigung nach angeblichem russischen Drohnenangriff

Schreibe einen Kommentar