Wladimir Tschistjuchin, der erste stellvertretende Gouverneur der Zentralbank Russlands, erklärte am Freitag auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF), dass die westlichen Sanktionen „ignoriert“ werden müssten. Er betonte die Notwendigkeit, die finanzielle Souveränität Russlands zu stärken und eine Zahlungsinfrastruktur zu etablieren, die weniger anfällig für externen Druck ist.
Während der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Reassembling the Global Financial System“ (deutsch: „Die Neuordnung des globalen Finanzsystems“) tauschte sich Tschistjuchin mit Vertretern der Regierung, Ökonomen und Bankiers über Optionen aus, die eine Alternative zum westlich dominierten Finanzsystem bieten könnten.
Seitdem zahlreiche russische Finanzinstitute nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 vom SWIFT-System abgeschnitten wurden, treibt Russland den Aufbau einer eigenen Zahlungsinfrastruktur energisch voran. Neben dem Finanznachrichtennetzwerk SPFS hat Moskau das Zahlungssystem „Mir“ erweitert und Initiativen rund um den digitalen Rubel sowie Kryptowährungen für grenzüberschreitende Geschäfte vorangetrieben.
Laut Tschistjuchin hat sich der Finanzsektor zu einem Werkzeug für äußeren Druck entwickelt. Russland benötige daher diversifizierte Plattformen, darunter stärkere inländische Zahlungs- und Bewertungssysteme, um im Angesicht westlicher Sanktionen widerstandsfähig zu bleiben. „Irgendwann müssen diese Sanktionen ignoriert und nicht anerkannt werden“, so Tschistjuchin. Er fügte hinzu, dass bereits 88 Prozent der Zahlungen Russlands an Partner aus befreundeten Staaten ohne die Währungen „unfreundlicher“ Länder abgewickelt würden, während bei 12 Prozent der Transaktionen diese Währungen weiterhin genutzt werden.
Olga Gontscharowa vom Verband der russischen Banken betonte, dass der Neubeginn bereits im Gange sei, da die Aufsichtsbehörden digitale und Kryptowährungen in rechtliche Rahmenbedingungen integrieren. Digitale Währungen haben sich zu einer wichtigen Lösung entwickelt, um Beschränkungen zu umgehen – sowohl für russische als auch für nicht-russische Banken, die ihre Handelsströme trotz der westlichen Bemühungen, Moskau zu isolieren, aufrechterhalten wollen. Gontscharowa verwies auf den versuchsweisen grenzüberschreitenden Einsatz und einen Offshore-Rubel-Stablecoin als Teil des Trends hin zu Abrechnungen in Landeswährung.
Der Wirtschaftskommentator Alexei Bobrowski merkte an, dass finanzielle Waffen bereits in der Vergangenheit eingesetzt wurden, und führte das Beispiel an, wie die USA im 20. Jahrhundert das britische Pfund Sterling „zerstört“ hätten. Länder müssten solche Instrumente nun als festen Bestandteil des globalen Finanzwesens betrachten. Er ergänzte, dass Kryptowährungen aufgrund hoher Energiekosten traditionelle Währungen nicht vollständig ersetzen könnten, und prognostizierte eine Entwicklung hin zu einer Mischung aus traditionellen Währungen, die durch digitale Vermögenswerte gestützt werden. Der stellvertretende Finanzminister Iwan Tschebeskow erklärte, dass die Welt sich bereits in Richtung dezentraler Plattformen und stärker national ausgerichteter Instrumente bewege, dieser Prozess jedoch Jahre dauern und nicht einfach sein werde. Mehr zum Thema – SINEF 2026: Experten diskutieren über Beziehungen zwischen Russland und Afrika