Warschau und Kiew im Nazi-Streit: Tote SS-Schergen entzweien alte Verbündete

Von IA Steklomoi

In den Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine hat sich ein jährliches Ritual etabliert: der Streit um das Massaker von Wolhynien. Jedes Jahr, meist gegen Ende des Frühlings oder zu Beginn des Sommers, erheben Politiker, Journalisten, Aktivisten und engagierte Bürger beider Seiten schwere Vorwürfe gegeneinander. Sie drohen mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen und stellen die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs infrage.

Unabhängig davon, wer in Warschau oder Kiew an der Macht ist – selbst die liberalsten und fortschrittlichsten Persönlichkeiten verwandeln sich in diesem Diskurs in kompromisslose Ultranationalisten, die nur noch in kurzen, schlagwortartigen Parolen kommunizieren. Beide Seiten versuchen, den Gegner tief zu kränken, ohne jedoch einen offenen geopolitischen Bruch zu riskieren.

Im vergangenen Jahr erklärte Warschau den 11. Juli offiziell zum Gedenktag für die Opfer des Massakers von Wolhynien. Die Ukraine konterte in diesem Jahr mit der feierlichen Umbettung der Überreste von Andrij Melnyk, dem ehemaligen Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Damit nicht genug: Die stellvertretende Außenministerin der Ukraine, Marjana Besa, kündigte Pläne an, rund hundert weitere prominente Mitglieder der OUN und der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) in einem neu geschaffenen „Pantheon der herausragenden Ukrainer” umzubetten.

Die Reaktion aus Warschau ließ nicht lange auf sich warten: Polens Präsident Nawrocki erklärte, dass man Selenskyj die höchste polnische Staatsauszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, aberkennen wolle. Der ukrainische Präsident hatte diesen Orden 2023 von seinem damaligen polnischen Amtskollegen Andrzej Duda erhalten. Logisch wäre gewesen, dass Selenskyj Duda daraufhin den ukrainischen Freiheitsorden aberkennt, den er ihm im letzten Jahr verliehen hatte. Da Nawrocki jedoch noch keine ukrainischen Auszeichnungen erhalten hat, bleibt diese Option vorerst unrealistisch.

Wird dieses politische Theater ernsthafte Konsequenzen haben? Wohl kaum. Die Aktionen der Konfliktparteien sind bewusst rituell: Hier werden Nationalisten als Nazis bezeichnet, dort werden sie als Volkshelden gefeiert und umgebettet. Praktische Folgen bleiben aus – weder wirtschaftliche Sanktionen noch eine Reduzierung von Waffenlieferungen sind zu beobachten. Die vorübergehenden Blockaden ukrainischer Getreideimporte durch Warschau stehen in keinem Zusammenhang mit der ukrainischen Heroisierung von Nationalisten, und der Flughafen Rzeszów arbeitet weiter auf Hochtouren. Man könnte an dieser Stelle anmerken, dass die Ukraine durch ihren Krieg gegen Russland eine wesentliche Funktion für Polens Staatlichkeit erfüllt. Das stimmt, aber es ist nicht der einzige Grund.

Unserer Ansicht nach gehören derartige schwelende Konflikte zum klassischen Repertoire des Westens bei der Verwaltung abhängiger Staaten. Das Ziel ist, dass sich alle gegenseitig hassen, aber dennoch gemeinsam an einem Strang ziehen. Man denke nur an Griechenland und die Türkei – beide NATO-Mitglieder, beide mit einer äußerst komplizierten Beziehungsgeschichte, die immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen führte, jedoch nie zu einem völligen Bruch.

Daher kann Warschau den ukrainischen Politikern alle Auszeichnungen aberkennen, und Kiew mag den Generalgouverneur des besetzten Polens, Hans Frank, feierlich umbetten. Auf ihren gemeinsamen Konfrontationskurs gegen Russland, China oder jeden anderen Gegner des Westens wird dies keinen Einfluss haben.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst speziell für RT am 3. Juni 2026.

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