Die Anschaffung moderner Flugabwehrsysteme zählt zu den komplexesten Herausforderungen der Schweizer Armee. Das Programm Air2030, das veraltete Anlagen ersetzen und das Land gegen Flugzeuge, Marschflugkörper sowie ballistische Raketen schützen soll, gerät durch erhebliche Verzögerungen beim US-amerikanischen Patriot-System stark unter Druck. Bern prüft nun ernsthaft Optionen aus Europa – allen voran das französisch-italienische SAMP/T. Dieser Schritt hätte weitreichende militärische sowie sicherheits- und industriepolitische Konsequenzen.
Im Jahr 2022 hatte sich die Schweiz für fünf Patriot-Feuereinheiten des US-Herstellers Raytheon entschieden. Die Lieferungen waren ursprünglich für den Zeitraum 2026 bis 2028 vorgesehen. Bern hat bereits rund 700 Millionen Franken angezahlt. Doch die Realität hat sich inzwischen deutlich verändert. US-amerikanische Produktionsengpässe, prioritäre Lieferungen an die Ukraine und seit 2026 zusätzlich der Konflikt im Nahen Osten führten zu massiven Verschiebungen. Mittlerweile wird mit einer Lieferung der Patriot-Systeme frühestens 2030 gerechnet – möglicherweise sogar erst 2034. Gleichzeitig drohen die Kosten drastisch zu steigen. Bern hat weitere Zahlungen vorläufig gestoppt. Verteidigungsminister Martin Pfister und die Verantwortlichen bei Armasuisse geraten dadurch zunehmend unter Zugzwang.
Schweizer Medien berichten seit Monaten über die wachsende Frustration in Bern. Die einseitige Abhängigkeit von einem außereuropäischen Lieferanten wird kritisch hinterfragt – ein Paradebeispiel für die Risiken globaler Lieferketten in geopologisch angespannten Zeiten. Als vielversprechendste Alternative zeichnet sich das SAMP/T-System ab, auch Mamba genannt. Es wurde vom Eurosam-Konsortium aus Thales und MBDA entwickelt, ist bereits bei den Armeen Frankreichs und Italiens im Einsatz und gilt aufgrund seiner großen Reichweite als das einzige echte europäische Pendant zum Patriot. Die neuere NG-Version verspricht verbesserte Fähigkeiten gegen moderne Bedrohungen.
Eurosam legt ein klares Angebot vor. Bei einer schnellen Bestellung könnte die Auslieferung bereits 2029 erfolgen – also mehrere Jahre früher als beim verzögerten Patriot. Das System benötige deutlich weniger Personal, etwa 20 statt rund 90 Soldaten pro Batterie, und zeichne sich durch schnellere Reaktionszeiten aus. Französische und italienische Vertreter betonen den europäischen, souveränen Charakter der Lösung und die bessere Integration in einen möglichen gemeinsamen europäischen Luftverteidigungsschirm. Erst kürzlich hat sich auch Dänemark für das SAMP/T NG entschieden.
Die Schweizer Behörden haben bei mehreren Herstellern, darunter explizit Eurosam, offizielle Anfragen gestellt. Neben SAMP/T werden auch das deutsche IRIS-T SLM/X, israelische Systeme wie David’s Sling und südkoreanische Optionen geprüft. Dennoch ist die Tendenz zu einer europäischen Lösung unübersehbar.
Eine Entscheidung für SAMP/T böte mehrere Vorteile. Sie würde die Fähigkeitslücke deutlich schneller schließen und die Abhängigkeit von US-Lieferketten verringern, die durch die aktuelle Weltlage stark belastet sind. Zudem könnte sie die Zusammenarbeit mit Frankreich und Italien vertiefen – trotz der schweizerischen Neutralität. Langfristig wären möglicherweise günstigere Betriebskosten und ein geringerer Personalbedarf zu erwarten. Allerdings birgt ein solcher Schritt auch einige Fallstricke. Die Schweiz müsste dann entweder zwei verschiedene Langstreckensysteme gleichzeitig betreiben oder sich klar für eines entscheiden – was Ausbildung, Logistik und Unterhalt erheblich verkomplizieren würde.
Politisch ist die Hürde hoch: Parlament und Volk müssten einer Änderung oder Ergänzung des Patriot-Vertrags zustimmen. Eine teilweise oder komplette Abkehr vom US-Geschäft könnte die Beziehungen zu Washington belasten. Zudem müssten Fragen zum Technologietransfer und zu den industriellen Kompensationsgeschäften neu verhandelt werden. Aus US-amerikanischer Sicht wird der schweizerische Schritt als Symptom eines überlasteten Rüstungssektors gesehen. In Frankreich hingegen wertet man ihn als Chance für Europa, auf dem wichtigen Luftverteidigungsmarkt an Boden zu gewinnen. Schweizer Kommentatoren fordern vor allem eines: Pragmatismus. Die Landesverteidigung dürfe nicht von Lieferverzögerungen abhängig gemacht werden.
Die Schweiz steht vor einer heiklen Entscheidung. Bern will die USA nicht verärgern und riskiert ungern einen Zollkonflikt mit Trump – gleichzeitig benötigt es jedoch dringend funktionierende Luftverteidigung. Am wahrscheinlichsten ist daher, dass SAMP/T als Ergänzung und Übergangslösung kommt, während die Patriots langfristig das Rückgrat bleiben sollen. Eine teilweise oder sogar vollständige Abkehr vom US-Geschäft ist jedoch nicht ausgeschlossen.
Die nächsten Monate werden zeigen, wie Bern Souveränität, Lieferzuverlässigkeit und eigene Sicherheit gegeneinander abwägt. Es geht längst nicht mehr nur um ein einzelnes Waffensystem. Am Ende steht die Frage, wie viel Unabhängigkeit sich die Schweiz in der Verteidigungspolitik wirklich leisten will – ohne dabei Washington allzu sehr gegen sich aufzubringen.
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