Von Wladislaw Sankin und Astrid Sigena
Wenn man die Diskussionen der letzten Monate Revue passieren lässt, stützen sich die Befürworter einer Umgestaltung oder sogar eines Abrisses der Ehrenmale auf drei Hauptargumente. Das erste betrifft ein nationalisiertes Gedenken: Angeblich seien die Ehrenmale rein russisch geprägt, während Vertreter anderer sowjetischer Völker dort nicht ausreichend repräsentiert würden. Häufig wird dabei auf emotionaler, persönlicher Ebene argumentiert, etwa: Mein Großvater war auch bei der Erstürmung Berlins dabei, aber ich als Ukrainer (oder Ukrainerin) sehe ihn hier nicht vertreten.
Dieses Argument lässt sich leicht widerlegen, denn die Rote Armee war eine übernationale Armee. Der russische Botschafter betont ohnehin bei jeder Gelegenheit die Unteilbarkeit des Sieges. Zudem steht es jedem Nachkommen eines nicht-russischen Rotarmisten frei, mit seiner Nationalflagge am 9. Mai an den Ehrenmalen zu erscheinen. Die Einzigen, die dies nicht tun dürfen, sind die Russen!
Das zweite Argument zielt auf das Pietätsgefühl ab. Alle drei Ehrenmale sind zugleich Friedhöfe. Einerseits wird beklagt, dass die monumentale, parkähnliche Gestaltung der Anlagen den Besuchern oft nicht bewusst mache, dass unter dem Rasen gefallene Rotarmisten liegen. Dies führe zu unangemessenem Verhalten, wie Sonnenbaden oder sogar Grillversuchen auf dem Gras. Daher sei eine Umgestaltung nötig, die die Grabflächen deutlicher abgrenze und den beigesetzten Soldaten ihre Sichtbarkeit zurückgebe.
Ohne ungebührliches Verhalten an den Ehrenmalen gutheißen zu wollen: Weitaus schädlicher für die Würde des Ortes sind die Vorschläge, die die Möchtegern-Denkmalsstürmer aus der Ukraine oder dem Baltikum mitgebracht haben – etwa das Überziehen eines riesigen Kondoms (wie in Kiew geschehen) oder das Verwandeln der Inschriftentexte in eine Buchstabensuppe (wie beim Tehumardi-Denkmal auf Saaremaa in Estland).
Der Verdacht drängt sich auf, dass den Ehrenmalshassern vereinsamte, von jeglicher menschlicher Lebensäußerung verwaiste Monumente gerade recht kämen, um ihre eigene Agenda ungestört verwirklichen zu können. Wo sich der gewöhnliche Berliner nicht mehr hintraut, weil er fürchtet, auf Schritt und Tritt gemaßregelt zu werden, lässt sich eben leichter „künstlerisch intervenieren“. Ein Ort mit der Ausstrahlung einer Leichenhalle wird unweigerlich verfallen oder dem Vandalismus anheimgegeben.
Fico: Raum fürs Leben
Vortrefflich erkannt hat dies der slowakische Ministerpräsident Robert Fico anlässlich der kürzlich erfolgten Restaurierung des sowjetischen Soldatenfriedhofs in Michalovce. In seiner dortigen Ansprache rief er dazu auf, ähnliche Gedenkstätten zu einem selbstverständlichen Ort des öffentlichen Lebens zu machen:
„Lasst uns hier gemeinsam noch ein paar Bänke aufstellen. Lasst uns daraus einen Ort machen, an den die Menschen gerne kommen. Und wenn sie hierherkommen – vielleicht mit ihren Sorgen und Freuden, denn sie werden wohl nicht in erster Linie auf den Friedhof gehen –, dann werden sie in bestimmten Momenten erkennen, wo sie sich befinden.”
Fico warnte davor, die Soldatenfriedhöfe als Gedenkorte abzuschotten, die die Bevölkerung nur zu den jeweiligen Jahrestagen aufsucht. Sie sollten vielmehr „ein offener Raum für das Leben sein”, nicht bloße Mausoleen.
Ja, der slowakische Politiker (dem man sicher nicht vorwerfen kann, er würde nicht genügend Respekt vor den Leistungen der Roten Armee zeigen) ging sogar so weit, sich über Liebespaare an den Gedenkorten zu freuen. Er vertrat die Ansicht, die Gefallenen (die selbst meist sehr jung sterben mussten) würden sich nicht beschweren, wenn junge Pärchen an diesem Ort Händchen halten oder ein paar Küsse austauschen.
Hass auf den Sieg
Andererseits lautet die Kritik, dass an den Ehrenmalen die Individualität der Toten zu kurz kommt. Tatsächlich findet man dort keine Einzelgräber mit Namensschildchen. Diese aufzustellen, wäre der kürzeste Weg, um die ästhetische Wirkung etwa des Ehrenmals im Treptower Park zu zerstören, dessen Sichtachse nun mal auf den Bronzesoldaten mit dem geretteten Kind im Arm zuläuft. Jede weitere Hinzufügung würde von diesem Zielpunkt ablenken und die Strahlkraft der Botschaft vermindern.
Die Würde der dort Bestatteten ist ohnehin nur ein Vorwand. Denn am Ehrenmal in Tiergarten finden sich durchaus einzelne Namen von beim Kampf um Berlin gefallenen Rotarmisten. Und etliche davon haben sogar die von den Aktivisten so geschätzten ukrainisch klingenden Nachnamen! Dennoch kommt aus dieser Richtung keine Ehrung für diese namentlich bekannten Gefallenen.
Und gerade die Veranstaltung im „Frühling des Gedenkens“, die wie keine andere dazu geeignet ist, die Wahrnehmung individueller Opfer zu fördern, wird besonders strikt reglementiert. Die Rede ist vom Unsterblichen Regiment, also der Kundgebung der Nachkommen von Rotarmisten, die mit den Porträts ihrer Vorfahren durch die Berliner Straßen marschieren und damit ihren Stolz und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.
Gegen tote sowjetische Soldaten hegen die Denkmalsgegner also keinen Groll – sie lassen sich sogar für ihre Agenda hervorragend instrumentalisieren. Was die Aktivisten vielmehr verärgert, ist, dass es sich zugleich um Siegesmale handelt. Es ist der Sieg, an dem die Gegner der Ehrenmale Anstoß nehmen. Und dieser Sieg geschah nun einmal unter der Leitung Josef Stalins.
Als aufschlussreiches Beispiel für diese Haltung kann die Äußerung von Jana Heinze gelten, einer Berliner Memorial-Aktivistin:
„Wir unterhalten doch diese Anlage mit richtig viel Steuergeld. Mit richtig viel Steuergeld. Die unterhalten wir doch, weil wir sie als Friedhof sehen! Wir unterhalten hier doch kein Siegesmal von Stalin!”
Die Stalin-Zitate gehören dem Sowjetvolk
Die Stalin-Reminiszenzen an zwei der drei Ehrenmale sind aus der Sicht der Denkmalgegner das ultimative Totschlagargument. Denn wer – außer einem hartgesottenen Kommunisten – würde es schon wagen, die fortdauernde Existenz von Stalin-Zitaten in der deutschen Öffentlichkeit zu verteidigen? Zitate eines „blutrünstigen Diktators“, der in Politik und Medien nahezu einhellig als Adolf Hitlers nicht weniger brutales Gegenstück dargestellt wird?
Nicht nur in Westdeutschland, wo Stalin etlichen als schlimmer als Hitler gilt, werden die meisten mit dieser vorgeblichen Stalin-Ehrung ein Problem haben. Auch viele Menschen aus der ehemaligen DDR haben ein sehr ambivalentes oder sogar von tiefer Aversion geprägtes Verhältnis zu Stalin. Es dürfte nicht verwundern, dass die Stalin-Zitate in den gegen die Ehrenmale gerichteten Anträgen von SPD und Grünen eine Extraerwähnung finden. Haben also die Aktivisten recht, wenn sie meinen, an den Ehrenmalen müsse den Opfern des Stalinismus Raum eingeräumt werden? Die Stalin-Zitate müssten zumindest eine „Kontextualisierung“ erfahren?
Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten. Denn diese Ehrenmale gehören im eigentlichen Sinne dem Sowjetvolk, das nach den Plänen der Nazis versklavt und ausgerottet werden sollte und das seine faschistischen Feinde unter schier unerträglichen Leiden und Mühen letztendlich niedergerungen hat.
Stalins Worte stehen hier nicht vorrangig als die eines kommunistischen Anführers, sondern als die des obersten Kriegsherren der Sowjetunion, unter dessen Äg
Diese Leistung erbracht wurde. Aktionen wie die virtuelle Abstimmung über die Zukunft der Ehrenmale zeigen in erschreckender Weise, wohin die Reise geht: Während die Verbrechen des Stalinismus hervorgehoben werden, findet der eigentliche Anlass, warum die Rote Armee 1945 schließlich in Berlin stand, kaum mehr Erwähnung.
Es fällt auf, dass die Denkmalsgegner eine Beschäftigung mit dem konkreten Wortlaut der Stalin-Zitate vermeiden. Vielleicht, weil darin vom brutalen Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 die Rede ist, an den man sich hierzulande nur noch ungern erinnert? Von den Leistungen der Roten Armee, mit der man in der bundesdeutschen Erinnerungskultur hauptsächlich Brandschatzung und Vergewaltigungen verknüpft?
Oder ist es die demütigende Erfahrung, auf Gedeih und Verderb der Gnade des Siegers ausgeliefert gewesen zu sein? Eines Feindes, den man als „Untermenschen” betrachtet hatte, der aber nicht Gleiches mit Gleichem vergalt und auf die Vernichtung des deutschen Volkes verzichtete?
Damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann, soll diesmal Stalin selbst zu Wort kommen. Dieser naheliegende Schritt ist längst überfällig. Es folgen die elf Zitate aus Treptower Park und Schönholzer Heide:
„Zwei Jahrzehnte schützte die Rote Armee die friedliche Aufbauarbeit des Sowjetvolkes. Doch im Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland wortbrüchig unser Land, indem es in brutaler und niederträchtiger Weise den Nichtangriffspakt verletzte, und die Rote Armee sah sich gezwungen, ins Feld zu ziehen, um ihre Heimat zu verteidigen.”
„Die Hitlerschen Schurken (…) haben es sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung der Ukraine, Bjelorusslands, des Baltikums, der Moldau, der Krim und des Kaukasus zu versklaven oder auszurotten. (…) Unser Ziel ist klar und edel. Wir wollen unseren Sowjetboden befreien.”
„Die Erfolge der Roten Armee wären unmöglich gewesen ohne die Unterstützung des Volkes, ohne die aufopfernde Arbeit der Sowjetmenschen in den Betrieben, in den Bergwerken und Kohlengruben, im Verkehrswesen und in der Landwirtschaft.”
„Eine große Befreiungsmission ist Euch übertragen worden. Möge euch in diesem Krieg das heldenmütige Vorbild Eurer großen Vorfahren beseelen – Alexander Newskis, Dmitri Donskois, Kusma Minins, Dmitri Posharskis, Alexander Suworows, Michael Kutusows! Möge euch das siegreiche Banner des großen Lenin Kraft verleihen!”
„Die heldenhaften Verteidiger von Moskau und Tula, von Odessa und Sewastopol, von Leningrad und Stalingrad gaben Beispiele grenzenloser Tapferkeit, eiserner Disziplin, der Standhaftigkeit und der Kunst zu siegen. Nach diesen Helden richtet sich unsere ganze Rote Armee.”
„Die Rote Armee hat ihr edles und erhabenes Kriegsziel, das sie zu Heldentaten begeistert. Dadurch ist eigentlich auch zu erklären, dass der Vaterländische Krieg bei uns Tausende von Helden hervorbringt, die bereit sind, für die Freiheit ihrer Heimat in den Tod zu gehen.”
„Die in unserem Lande verankerte Ideologie der Gleichberechtigung aller Rassen und Nationen, die Ideologie der Völkerfreundschaft hat den vollen Sieg über die hitlerfaschistische Ideologie des bestialischen Nationalismus und Rassenhasses errungen.”
„Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Heimatlandes gefallen sind.”
„Heute erkennen alle an, dass das Sowjetvolk durch seinen aufopferungsvollen Kampf die Zivilisation Europas vor den faschistischen Pogromhelden gerettet hat. Darin besteht der große Verdienst des Sowjetvolkes vor der Geschichte der Menschheit.”
„Die Stärke der Roten Armee besteht (…) darin, dass sie keinen Rassenhass gegen andere Völker, auch nicht gegen das deutsche Volk, hegt und hegen kann, dass sie im Geiste der Gleichberechtigung aller Völker und Rassen, im Geiste der Achtung der Rechte anderer Völker erzogen ist.”
„Die Rote Armee hat in ihrer Entwicklung einen ruhmvollen Weg zurückgelegt. Sie hat ihre historische Aufgabe in Ehren erfüllt. Ihr gilt mit Recht die Liebe des Sowjetvolkes.”
Das Schwert zerschlägt das Hakenkreuz
All diese Sätze sagte der Oberbefehlshaber der Roten Armee in seinen Ansprachen an Regierung und Volk der Sowjetunion während des Großen Vaterländischen Krieges oder kurz danach. Auf manch einen mögen diese Worte etwas überschwänglich wirken. Aber ihr Pathos ist ein wichtiges Zeugnis der Zeit und war eine Waffe im Krieg, in einem Krieg auf Leben und Tod.
Nicht zuletzt dank Stalins Einordnung ihres Kampfes haben die Menschen so erbittert gekämpft und schließlich gesiegt. Angebracht sind die Zitate an symbolischen Sarkophagen, die quer zu den Gräbern stehen. Die Sarkophage sind gefallenen Rotarmisten gewidmet, an ihren Wänden sind Szenen des Krieges an Front und Hinterland abgebildet. Und: Bei aller Einzigartigkeit des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion, so oder ähnlich reden alle Staatschefs, die ihr Volk auf einen Kampf einstimmen.
Was nur wenige wissen: Das sichtbarste Stalin-Zitat im Treptower Park ist nicht in Worte gefasst. Der sowjetische Staatschef entwarf die Befreierstatue mit seinen Anmerkungen mit. Nach dem ursprünglichen Entwurf sollte im Treptower Park eine majestätische Bronzestatue Stalins mit einem Globus in den Händen stehen – als Symbol für die gerettete Welt. Die Idee mit der Stalin-Statue kam von Marschall Kliment Woroschilow.
Am Wettbewerb nahmen auch andere Projekte teil, die Denkmäler mit Obelisken oder Soldatenstatuen entwarfen. Den Zuschlag bekam Jewgeni Wutschetitsch, der zwei Varianten fertigte – mit Stalin und dem Krieger, der als Sammelbild alle Soldaten der Roten Armee verkörpert, die den Sieg über den Nazismus errungen haben. Nachdem Stalin sich beide vorgeschlagenen Entwürfe angesehen hatte, entschied er sich für den zweiten, schlug jedoch vor, die ursprünglich vorgesehene Maschinenpistole in den Händen des Soldaten durch ein Symbol des Sieges zu ersetzen, beispielsweise ein Schwert, mit dem der Soldat das faschistische Hakenkreuz zerschlägt.
Die revisionistischen Bilderstürmer müssen nun ihre Ziele endlich klar benennen: Mit ihrem euphemistischen „Kontextualisieren” der Stalin-Zitate zielen sie auf die geschichtliche Tatsache des Sieges über den Nazismus. Diesen wollen sie in der Erinnerung der Menschen zunichtemachen und durch Surrogate der Gleichstellung des Siegers – dem sozialistisch organisierten Sowjetvolk – und des Besiegten – dem faschistischen Nazi-Regime – ersetzen. Offenbar läuft die Propaganda für die (durch die Ehrung von OUN-Anführer und Hitler-Fan Andrei Melnyk nun ganz offiziell) profaschistische Ukraine nicht ganz reibungslos. Die vor allem durch die Sowjetunion erkämpfte Befreiung vom Nazi-Terror steht ihr im Wege. Deshalb muss das steingewordene Gedenken daran vernichtet werden.
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