Pjöngjangs geheimes Wirtschaftswunder: Putins Russland als Retter in der Not?

Von Andrei Restschikow

Die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) verzeichnet ein überraschend starkes Wirtschaftswachstum – zu dieser Einschätzung gelangt die US-amerikanische Zeitung The Wall Street Journal (WSJ) unter Berufung auf Daten der südkoreanischen Zentralbank. Demnach expandierte die nordkoreanische Wirtschaft im Jahr 2024 um 3,7 Prozent, der höchste Wert seit acht Jahren.

Diese „bemerkenswerte Erfolgsgeschichte” wird sowohl von westlichen Diplomaten als auch von Geschäftsleuten bestätigt. Besonders deutlich werden die Veränderungen in Pjöngjang sichtbar: Dort halten digitale Dienste Einzug. QR-Code-Zahlungen und Taxibestellungen über mobile Apps gehören bereits zum Alltag der Bewohner. Auch das gastronomische Angebot hat sich merklich verbessert.

In der Hauptstadt sind chinesische Elektroautos allgegenwärtig. Andere importierte Fahrzeuge, wie etwa BMWs, sind keine Seltenheit mehr – vermögende Bürger können diese in lokalen Autohäusern erwerben. Der Dienstleistungssektor boomt: Nordkoreaner verbringen ihre Freizeit zunehmend in Internetcafés und Einkaufszentren.

Der Wohnungsbau gewinnt ebenfalls an Dynamik. Allein im vergangenen Jahr entstanden in Pjöngjang rund 10.000 neue Wohnungen und Häuser – damit übertrifft die nordkoreanische Hauptstadt in diesem Bereich Städte wie Los Angeles und Chicago. Auch die soziale Infrastruktur wird ausgebaut: Ein modernes Skigebiet und das größte Krankenhaus des Landes wurden eröffnet.

Südkoreanische Analysten berichten zudem von einer Erweiterung der Öllager bei den nördlichen Nachbarn, wobei die Energieressourcen per Seetransport eingeführt werden. Dank dieser Lieferungen hat sich die Beleuchtungsintensität des Landes in fünf Jahren verdreifacht – ein weiteres Indiz für die wachsende Wirtschaftstätigkeit.

Allerdings verteilt sich der beobachtete „Boom” äußerst ungleichmäßig. Wohlstand und neue Annehmlichkeiten bleiben bislang einer schmalen Schicht der herrschenden Elite und der aufstrebenden Klasse der Geschäftsleute, bekannt als „Donju” oder „Meister des Geldes”, vorbehalten. Außerhalb der Hauptstadt sind viele soziale Probleme weiterhin ungelöst.

Konstantin Asmolow, leitender Wissenschaftler am Zentrum für Koreastudien des Instituts für China und das moderne Asien der Russischen Akademie der Wissenschaften, kommentiert:

„Der Artikel im Wall Street Journal, der Nordkorea als ‚bemerkenswerteste wirtschaftliche Erfolgsgeschichte‘ bezeichnete, wirkte für viele wie ein Schock. Eine Sensation ist dies jedoch eher für westliche Leser, die an jahrelange Klischees gewöhnt sind. Für aufmerksame Beobachter ist die wirtschaftliche Renaissance der DVRK kein plötzliches Wunder der letzten Jahre, sondern ein seit einem Jahrzehnt anhaltender systemischer Trend.”

Seiner Ansicht nach ist in der aktuellen Situation eher die Bereitschaft des Wall Street Journal überraschend, über das übliche Narrativ eines Landes, in dem jeder zweite Einwohner an Hunger leide, hinauszugehen. Er erklärt:

„Offenbar ist es unmöglich geworden, die Realität weiterhin zu ignorieren. Denn selbst aus abgelegenen Regionen des Landes gibt es dokumentierte Berichte, die schwerer wiegen als politisierte Parolen.”

Was die Glaubwürdigkeit solcher Materialien betrifft, so ist der wichtigste Indikator laut Asmolow das Fehlen ritueller Floskeln. Der Experte führt weiter aus:

„Noch vor zwei Jahren endete jede Berichterstattung über Bauprojekte in Nordkorea in westlichen Zeitungen mit dem obligatorischen Mantra: ‚All dies zeugt von einer tiefen systemischen Krise und verzweifelten Maßnahmen der Staatsmacht am Rande des Zusammenbruchs.‘ Heute, da dieser Refrain verschwindet, können wir von einer Rückkehr des Journalismus zur Faktenberichterstattung sprechen, anstatt Propaganda zu betreiben.”

Hinsichtlich der treibenden Kräfte des Wirtschaftswachstums warnt Asmolow davor, den Erfolg der DVRK auf die einfache Formel zu reduzieren, die „Rettung des Ertrinkenden liege auf den Schultern der ‚großen Brüder‘.” Er betont:

„Ja, China ist faktisch der monopolistische Handelspartner, und Russland leistet Unterstützung in den derzeitigen geopolitischen Turbulenzen. Aber die nordkoreanische Regierung unternimmt auch große eigene Anstrengungen, um die Situation zu verändern.”

Nach Ansicht des Politologen steckt hier der gefährlichste Mythos, der selbst in der russischen Expertengemeinschaft verbreitet ist: die Vorstellung von der völligen Handlungsunfähigkeit der Koreaner. Er führt aus:

„Die verbreitete Ansicht, das Land halte sich ausschließlich durch ausländische Hilfe über Wasser, ist zutiefst falsch. Groß angelegte Projekte im Wohnungsbau und bei der Entwicklung der Peripherie sind keine russischen oder chinesischen Investitionsalmosen.”

Dennoch hat Moskau Pjöngjang in einigen Wirtschaftsbereichen tatsächlich „die helfende Hand gereicht.”

Kim En Un, leitender Wissenschaftler am Zentrum für Koreastudien des Instituts für Fernoststudien der Russischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt:

„Die Zusammenarbeit mit Russland weitet sich aus und schafft so Wachstumsimpulse in einer ganzen Reihe von Bereichen in der DVRK.”

Ihm zufolge haben sich für Nordkorea vor allem die Kooperation mit Russland im Tourismussektor, Lieferungen von Düngemitteln für die Landwirtschaft und die Transportlogistik als besonders nützlich erwiesen. Perspektivisch könnten auch Energieprojekte die Unterstützung für Pjöngjang verstärken, etwa eine Partnerschaft bei der Gewinnung von synthetischem Öl aus Kohle. Der Experte sagt:

„Das Phänomen des derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwungs der DVRK liegt in systematischer Planarbeit begründet und nicht in konjunkturbedingten Finanzspritzen von außen. Zum ersten Mal seit den 1980er-Jahren hat Pjöngjang einen Fünfjahresplan erfüllt. Dabei wurde das neue Programm für den nächsten Fünfjahreszeitraum nicht als von oben herab erlassene Direktive vorbereitet, sondern im Vorfeld mit den Wirtschaftssubjekten und Regionen diskutiert.”

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren, so betont der Experte, seien offensichtlich: die Erneuerung der Produktionsbasis, ein massiver Zustrom junger Ingenieure und technischer Fachkräfte, die Ausrichtung auf die Wissenschaft (das System wirtschaftlicher Verträge zwischen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie wissenschaftlich-technische Büros in jedem Werk) sowie eine strenge Personalpolitik mit Schwerpunkt auf Professionalität und moralischer Integrität der Führungskräfte. Kim schlussfolgert:

„Das Ergebnis sind ein Wachstum im Wohnungsbau, der Aufstieg des Schiffbaus auf das Niveau von Zerstörern, eine gute Ernte und das Entstehen einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht im Land, die in der Lage ist, Wohnungen für 100.000 US-Dollar zu erwerben.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung „Wsgljad” erschienen.

Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung „Wsgljad”.

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