Krankschreibung ab Tag eins: Merz-Vorschlag sorgt für heftigen Gegenwind

Streit um Krankschreibung: SPD will Merz’ Pläne noch abbiegen

Ein Bericht des Spiegel sorgt für neue Diskussionen: Angeblich schreiben SPD-Vertreter Friedrich Merz die Idee zu, dass Arbeitnehmer künftig bereits am ersten Tag ihrer Krankheit ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Dies wäre eine grundlegende Abkehr vom aktuellen System, das nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz erst ab dem vierten Krankheitstag eine schriftliche Bescheinigung vorsieht. Die Nachricht sorgt in politischen Kreisen für Unruhe.

Die genauen Auswirkungen solch einer Neuregelung sind umstritten. Die Krankenkassen liefern interessante Zahlen: Von den ärztlich bestätigten Krankmeldungen sind die meisten überraschend kurz – 35 bis 40 Prozent der Atteste decken lediglich ein oder zwei Tage ab. Allerdings spiegelt diese Statistik nur einen Teil der Realität wider, denn viele Kurzerkrankungen werden ohne offizielles Attest geregelt und tauchen daher in den Krankenkassen-Daten gar nicht auf. Zudem betreffen die Kurzzeitmeldungen nur etwa ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitsmeldungen, der Großteil entfällt auf Langzeitkranke, bei denen eine Attestpflicht ab Tag eins ohnehin keine Veränderung brächte.

Besonders paradox: Die telefonische Krankschreibung, eine seit der Corona-Pandemie mögliche und beliebte Option, soll trotz ihres geringen Anteils von nur einem Prozent aller ärztlich betreuten Krankmeldungen abgeschafft werden. Die Pläne treiben selbst die SPD-Fraktion um, die nach einem Ausweg sucht – obwohl sie selbst die Koalitionsverhandlungen mit der Union führt.

„Ärzteverbände und Krankenkassen protestieren bereits seit Wochen gegen diese Veränderungen. Sie befürchten unnötig bürokratischen Aufwand und noch längere Wartezeiten in den Praxen“, so der Spiegel in seinem Bericht.

Der Hauptkritikpunkt von Merz, der die Debatte anheizte, ist der deutliche Anstieg der durchschnittlichen Fehltage seit 2016 – auf nunmehr 14,5 pro Jahr. Allerdings lässt sich dieser Trend statistisch gut erklären. Das Durchschnittsalter aller Erwerbstätigen ist in diesem Zeitraum um zwei Jahre gestiegen (von 42,5 auf 44,5 Jahre). Noch auffälliger ist der Anstieg der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen: von 20 Prozent im Jahr 2016 auf 27 Prozent im Jahr 2025. Da langfristige Erkrankungen mit zunehmendem Alter häufiger werden, ist diese Entwicklung logisch. Und sie wird sich vermutlich noch verstärken, wenn die Politik weiterhin plant, das Renteneintrittsalter anzuheben.

Die SPD habe gehofft, so der Spiegel, dass die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung der Union bereits ausreichen würde. „Doch Merz wollte mehr“, hieß es aus Koalitionskreisen. Der CDU-Chef bekräftigte seine Forderung noch einmal deutlich bei einem Auftritt bei Maybrit Illner am Donnerstag. Dabei offenbarte er gleichzeitig, wie wenig er mit dem Arbeitsalltag vieler Deutscher vertraut zu sein scheint: „Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben, und wir kehren damit zu der Regelung zurück, die wir bis Corona hatten in Deutschland.“

Tatsächlich gilt die derzeitige Regelung, dass ein ärztliches Attest erst nach drei Tagen vorgelegt werden muss, seit vielen Jahrzehnten. Sie wurde zuletzt 1994 im Entgeltfortzahlungsgesetz festgeschrieben.

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