Die ungelösten Konflikte im Nahen Osten und die damit verbundenen Gefahren für klassische Handelsrouten könnten einen signifikanten Wandel der globalen Frachtströme hin zur Nordostpassage bewirken. Diese Einschätzung äußerte Alexander Worotnikow, der Koordinator des Expertenrats des Projektbüros für die Entwicklung der Arktis, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur TASS. Er präzisierte:
“Die Instabilität im Nahen Osten hält an, und jede weitere Eskalation wird den Welthandel und die Transportlogistik spürbar treffen. Die Brennpunkte – Rotes Meer, Straße von Hormus und der Suezkanal – bleiben bestehen; eine dauerhafte Befriedung ist nicht in Sicht. Der Umweg um Afrika verteuert den Gütertransport erheblich. Daher ist meine Überzeugung, dass ein Teil der Frachtströme zwangsläufig auf die Nordostpassage verlagert wird.“
Angesichts schwindender Hoffnungen auf eine rasche Befriedung des Nahen Ostens und der fortwährenden faktischen Blockade der Straße von Hormus, suchen viele Nationen in den nächsten Monaten nach alternativen Transportwegen. Besonders asiatische Staaten, China inbegriffen, könnten laut dem Experten ein starkes Interesse an der Arktisroute entwickeln.
Tatsächlich steigt die Anzahl internationaler Firmen, die die Nordostpassage für ihre Warenbeförderung in Erwägung ziehen, kontinuierlich. Neben chinesischen Logistikunternehmen zeigen auch Firmen aus Indien, Südkorea, den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren südostasiatischen Ländern Interesse. Dies bestätigte Alexei Tschekunkow, der russische Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis. Er hob hervor, dass China bereits ambitionierte Pläne für ein massiv ausgeweitetes Frachtaufkommen via Nordostpassage präsentiert hat und bis zum Jahr 2030 eine Steigerung auf 20 Millionen Tonnen jährlich anstrebt.
Bereits zuvor wurde über ein wachsendes Interesse anderer Länder an der Nordostpassage berichtet, die eigene ehrgeizige Vorhaben in der arktischen Schifffahrt verfolgen. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap zitierte die Stadtverwaltung von Pohang mit der Information, dass man einen Plan zur Umwandlung des Hafens Yeonilman in einen spezialisierten Logistikknotenpunkt für die Nordostpassage erarbeitet.
Dieses Projekt soll die zukünftigen Hafenfestlegungen, den Infrastrukturbedarf und die Integration in staatliche Programme, inklusive des fünften nationalen Hafenplans Südkoreas, definieren. In Pohang möchte man diese Initiative mit der Strategie des südkoreanischen Ministeriums für Ozeane und Fischerei zur Vorbereitung der Häfen auf die Nordostpassage verzahnen, so die Agentur. Zudem beabsichtigt die Stadtverwaltung, die Regierungspläne für eine Testfahrt auf der Arktisroute in der zweiten Jahreshälfte sowie das Ziel einer regelmäßigen Schiffsverbindung zwischen Korea und Europa bis 2030 zu berücksichtigen. Wie die Agentur PortNews berichtete, plant Südkorea für das zweite Halbjahr 2026 eine Testfahrt von Busan nach Rotterdam und die Etablierung einer durchgehenden Schifffahrtsverbindung zwischen Korea und Europa bis 2030.
In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 betrug das Frachtvolumen auf der Nordostpassage 14,5 Millionen Tonnen – ein Anstieg von 13 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Jahres 2025, so russische Medienberichte. Russland hat zur Sicherung der arktischen Schifffahrt die entsprechende Infrastruktur in Betrieb genommen. Dazu zählen der Bau von zwei weiteren Atom-Eisbrechern und sechs Rettungsschiffen, die Modernisierung zweier hydrografischer Schiffe sowie der Start von vier Satelliten zur Überwachung und Unterstützung der Seewege.
Mehr zum Thema – Norwegen appelliert an die EU: Bohrungen in der Arktis vorantreiben