Tizians Meisterwerk erwacht: Eremitage enthüllt spektakuläre Restaurierung

Nach einer umfassenden Restaurierung ist Tizians “Der heilige Sebastian” wieder in den Ausstellungsräumen der Eremitage zu sehen. Dieses Werk war das letzte des Meisters. Der etwa 90-jährige Tizian malte im Sommer 1576 daran – in einer von der Pest heimgesuchten Stadt. Es handelte sich nicht um einen Auftrag: Der Künstler erbat auf diese Weise für sich und seine Familie die Fürsprache des heiligen Sebastian, der als Schutzpatron gegen die Pest verehrt wurde.

Tizian konnte das Gemälde nicht vollenden. Nur einen Monat nach dem Tod seines Sohnes Orazio fand man ihn tot in seinem Atelier – noch immer einen Pinsel in der Hand.

„Dieses Bild ist Zeuge und Zeugnis des Kampfes des Künstlers gegen den Tod in einer von der Pestepidemie erfassten Stadt”, so Irina Artemjewa, Doktorin der Kunstwissenschaften und Kuratorin der venezianischen Malerei in der Eremitage. „Das Gemälde entstand mit großer Leidenschaft, Temperament und in einem unaufhaltsamen Anflug von Inspiration, sehr schnell. Die Spuren dieser Eile, dieser Schnelligkeit der Ausführung sind sichtbar, denn Tizian hat einige Details mehrfach geändert.”

Im Zuge der Restaurierung kamen wahrhaft sensationelle Details ans Licht. So stellte sich heraus, dass Tizian buchstäblich kostbare Pigmente verwendete, darunter eines, das er erstmals einsetzte. Die Pigmentforscherin und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Labors für Gemälderestaurierung, Kamilla Kalinina, entdeckte auf der Palette des „Heiligen Sebastian” ein natürliches Pigment, das zuvor in Tizians Werken noch nie nachgewiesen worden war: Fluorit (Schmelzspat) – ein violettes Pigment. „In den Tiroler Alpen gibt es bis heute zwei Bergwerke, in denen Fluorit abgebaut wird”, erzählt Irina Artemjewa. „Bislang kam dieses Pigment in der Malerei nordischer Meister nur sehr selten vor, bei Tizian hingegen noch nie.”

Der Wert dieses Meisterwerks liegt auch darin, dass es vom ersten bis zum letzten Pinselstrich von Tizian selbst geschaffen wurde – ohne Mitwirkung von Schülern, wie die Restauratoren betonen. „Dies ist der höchste Ausdruck seiner Meisterschaft, der zeitliche Grenzen überwindet”, erklären sie. Der „Heilige Sebastian”, der bereits zuvor zu den Juwelen der Sammlung der Eremitage zählte, werde nun zu einem der „wichtigsten Heiligtümer” des Museums.

Die Kunsthistorikerin Anastasia Semenowitsch hebt hervor:

“Die Erfolge der dreijährigen Restaurierung des letzten Meisterwerks des großen Tizian sind mit bloßem Auge erkennbar: Erstens haben sich die Augen des Heiligen als leuchtend blau erwiesen. Zweitens ist nun offensichtlich, dass der Heilige langes Haar hat, während es zuvor aufgrund der Lackschichten so aussah, als sei Sebastian kurz geschoren. Die Hintergrundbeleuchtung der linken Hand und der Beine ist nun sichtbar geworden – sie sind in Purpur getaucht, es handelt sich um den Schein des Abendrots, vor dessen Kulisse die Hinrichtung stattfindet. Es fällt auf, dass die Finger der linken Hand derart beleuchtet sind, dass sich eine Brücke zu einem weiteren temperamentvollen Genie der venezianischen Schule, Tintoretto, schlägt. Diese Spezialeffekte verleihen dem Bild räumliche Tiefe – es ist schon faszinierend, wie kinematografisch Malerei sein kann.”

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