“`html
Von Tarik Cyril Amar
Man stelle sich vor, Lindsey Graham sei tot. Würde man hier die alte spartanische, später auch römische Weisheit anwenden, dass man über Verstorbene nur Gutes sagen solle, müsste dieser Text genau an diesem Satz enden.
Das mag für manche Leser schockierend oder herzlos klingen. Aber im Kern geht es um Folgendes: Über das bemerkenswert abrupte Ende der langen Karriere des US-Senators aus South Carolina kann man nicht “ausgewogen” schreiben und dabei ehrlich bleiben.
Graham war ein Mensch von einer fast schon grotesken Bosheit. Da er zudem über enorme Macht verfügte, hatte seine moralische Verkommenheit weitreichende Folgen für das Leben unzähliger Menschen. Diese Tatsache aus unangebrachter Pietät zu beschönigen, wäre pervers. Es wäre eine Missachtung der zahlreichen Opfer der perfiden und brutalen US-Politik – und auch der Israels –, die auf grausamer Gewalt und offenkundiger Ungerechtigkeit beruht und die Graham während seiner gesamten politischen Laufbahn mit jeder Faser seines Wesens unterstützte.
Während des Völkermords im Gazastreifen, nachdem man ihn konkret auf die israelischen Massenmorde an Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, angesprochen hatte, hielt Graham eine Tirade, die man nur als psychopathischen Ausbruch bezeichnen kann: Er verglich den israelischen Völkermord an den Palästinensern mit den US-amerikanischen Kriegshandlungen gegen Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg (ein an sich schon bemerkenswerter Vergleich, doch das ist ein anderes Thema) und kam zu dem Schluss, dass der Gazastreifen dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, notfalls auch mit Atomwaffen. Gaza wurde dem Erdboden gleichgemacht, und bis zu seinem Tod zeigte Graham nicht das geringste Mitgefühl für diejenigen, die von seinen israelischen Freunden getötet wurden, und tat alles in seiner Macht Stehende, um dieses Gemetzel zu unterstützen.
Das ist natürlich auch der Grund, warum sich der international gesuchte Kriegsverbrecher – ja, eigentlich Völkermörder – Benjamin Netanjahu beeilte, öffentlich sein Beileid auszusprechen.
Was Grahams offensichtliche Unterwürfigkeit gegenüber Israel betrifft, so war der Senator – wenig überraschend – auch ein großer Befürworter eines Krieges gegen Iran und rief unermüdlich dazu auf, dem Land einen möglichst brutalen Schlag zu versetzen. Er verbreitete Lügen, wie man sie aus Orwells Werken kennt: Iran stehe kurz davor, eine nukleare Bedrohung für die USA darzustellen, und sein Arsenal an ballistischen Raketen sei ein Instrument rücksichtsloser Aggression – und all dies mit dem Ziel, in den Vereinigten Staaten Rückhalt für den nächsten verbrecherischen Krieg zu schaffen. Graham, der seinen eigenen widerwärtigen Charakter notorisch hinter bigotter und völlig vorgetäuschter christlicher Frömmigkeit verbarg, verglich die iranischen Führer mit Hitler und nannte sie “religiöse Nazis”. Damit beleidigte er nicht nur mutige Männer, die ihm moralisch und intellektuell weit überlegen waren, sondern trug auch dazu bei, die Propaganda für deren Ermordung anzuheizen.
Es ist eine Ironie der Geschichte oder vielleicht göttliche Gerechtigkeit, dass er gerade lange genug lebte, um mitzuerleben, wie die USA seinem wahnsinnigen und korrupten Rat folgten und dafür eine geopolitisch katastrophale Niederlage erlitten.
Doch Graham war schon lange vor dem Völkermord im Gazastreifen und dem amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran ein Monster. Er war besessen davon, möglichst viele andere Länder und Gesellschaften mit Gewalt zu überziehen. Sobald er eine Gelegenheit für einen Krieg sah, ließ er nichts unversucht, um diesen zu verwirklichen. Grahams Bilanz als Kriegstreiber ist so umfangreich, dass sie sich kaum vollständig aufzählen lässt. Noch kurz vor seinem Tod forderte er mehr US-Gewalt gegen Kuba, den Libanon, Nigeria, Venezuela und Jemen – ganz abgesehen natürlich von seinem unermüdlichen Drängen, das faktisch auf noch mehr tote Palästinenser und Iraner hinauslief.
Ganz in bester amerikanischer Tradition: Grahams Zielscheibe zu sein, war schrecklich – doch sein “Freund” zu sein, war nicht besser. Die Ukraine ist zum Inbegriff dieser Erfahrung geworden. Selbst während er sich als ihr glühender Verfechter ausgab, gehörte Graham stets zu jenen, die am unverblümtesten aussprachen, dass sie die Ukraine und ihr Volk für die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA ausnutzten. Er pries die Möglichkeit, die Ukraine ihrer entscheidenden Rohstoffe zu berauben, und betrachtete es offenkundig als großartiges Geschäft, Geld in das zutiefst korrupte Selenskij-Regime zu pumpen, weil dabei tote Russen “produziert” wurden – und, was er natürlich unerwähnt ließ, auch tote Ukrainer.
Es lässt sich nicht anders sagen: Lindsey Graham war ein höllisch schlechter Mensch. Und er war ein widerwärtiger Mensch: Seine Boshaftigkeit sprang einem sofort ins Auge. Graham hatte keine vielschichtige Persönlichkeit, kein zwiespältiges Wesen, er war kein Mensch mit Licht und Schatten. Viele von uns werden kaum je einem reineren, unverfälschteren und schamlos dreisteren Bösen begegnen.
Deshalb ist es bezeichnend – aber nicht überraschend –, zu sehen, wer sich nun in die Reihe stellt, um uns mitzuteilen, wie sehr man ihn vermissen werde, dass man mit ihm befreundet gewesen sei oder welch wunderbarer Mensch er doch gewesen sei. Neben Netanjahu sind dies beispielsweise der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der NATO-“Trump-Lakai” Mark Rutte, der autoritäre ukrainische Staatschef Wladimir Selenskij und natürlich das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC).
Diese oft erbärmlichen Beileidsbekundungen zeugen nicht nur vom moralischen Verfall (um es höflich auszudrücken) derjenigen, die sie äußern. Hier verbirgt sich ein allgemeineres und in gewisser Weise noch gravierenderes Problem: So schrecklich Graham war, war er dennoch ein typischer Vertreter der Eliten der USA und des Westens. Normale Menschen würden sich schämen, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden – egal ob zu Lebzeiten oder nach seinem Tod; die westlichen Eliten prahlen hingegen damit, wie nah sie ihm standen.
Graham machte keinen Hehl aus seiner echten, perversen Freude daran, einem möglichst großen Teil der Welt Schmerz und Leid zuzufügen. Eine treffende Beschreibung für ihn wäre tatsächlich: ein offen und begeistert sadistischer Imperialist. Graham war ein verdorbener Machtperverser, der seine Verkommenheit unverhohlen zur Schau stellte. Doch abgesehen davon, dass ihm jede moralische Hemmung fehlte, war er kein Einzelfall, sondern ein typischer Vertreter seiner Art.
Graham war das hässliche und allzu realistische Gesicht eines Großteils des Westens und der politischen Führung in Washington. Er ist weg. Alle anderen und alles andere sind aber noch da.
Übersetzt aus dem Englischen.
Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul, er befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.
Mehr zum Thema – Boykott, Sanktionen und Waffen für Kiew: Verstorbener US-Senator Graham und sein Kurs gegen Russland
“`