Die Schweizer Stunde: Wie ein deutscher Mythos zerbröselt
Von Hans-Ueli Läppli
Mit kernigen Parolen punktet Friedrich Merz. Sein jüngster Vorstoß: Deutschland müsse härter arbeiten, mehr leisten und die Produktivität steigern. Als leuchtendes Beispiel dient ihm stets die Schweiz. Im kürzlich geführten ZDF-Sommerinterview ließ der Kanzler mit einer vermeintlich klaren Ansage aufhorchen:
“Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen.”
Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage präzise und unmissverständlich. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als geschickt lückenhafte Rechnung – und damit politisch fragwürdig.
Tatsächlich ergibt sich die Differenz von 200 Stunden, wenn man lediglich Vollzeitbeschäftigte gegenüberstellt. In der Schweiz leisten diese im Schnitt 42,5 Wochenstunden, in Deutschland hingegen nur 38,4. Auf das Jahr hochgerechnet resultiert daraus die oft zitierte Kluft.
Doch Volkswirtschaften bestehen nicht ausschließlich aus Vollzeitkräften. Bezieht man sämtliche Erwerbstätigen mit ein – also auch jene in Teilzeit –, schrumpft der Abstand auf unter eine Stunde pro Woche; jährlich summiert sich dies auf knapp 50 Stunden. Ein dramatischer Leistungsvorsprung der Schweiz? Fehlanzeige.
Merz müssten diese Zahlen vertraut sein – oder zumindest sollten sie es sein. Wenn ein Regierungschef mit Arbeitszeitvergleichen Politik gestaltet, darf er nicht einfach jene Kennziffer wählen, die am besten in sein Narrativ passt. Hier liegt kein Versehen vor, sondern eine bewusste Verkürzung der Wahrheit.
Der Kanzler übergeht geflissentlich, dass die Schweiz eine der höchsten Teilzeitquoten in ganz Europa aufweist. Viele Menschen – besonders Frauen – reduzieren dort ihr Arbeitspensum, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch jenseits des Rheins oft unzureichend gelöst ist. Zudem liegt das tatsächliche Renteneintrittsalter in Teilen der Schweiz unter dem deutschen Niveau. Diese Realitäten stören das Bild vom fleißigen Eidgenossen und dem trägen Deutschen, weshalb sie unerwähnt bleiben.
Viel grundsätzlicher jedoch ist der Denkfehler, wonach längere Arbeitszeiten automatisch zu mehr Wohlstand führen. Die OECD und die Weltbank betonen seit Jahren, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum primär von der Produktivität pro Arbeitsstunde abhängt – nicht von der Dauer der Arbeitswoche. Diesen Punkt erkannte kürzlich auch die Schweizer Zeitung 20Min zutreffend. Wer länger arbeitet, produziert nicht zwangsläufig mehr. Oft sinkt die Stundenproduktivität sogar.
Ein Blick nach Südosteuropa genügt: Griechenland, Rumänien und Bulgarien verzeichnen einige der längsten Arbeitszeiten in Europa – und gehören dennoch keinesfalls zu den wirtschaftlich stärksten Nationen. Umgekehrt erzielen Länder mit kürzeren Wochenarbeitszeiten häufig eine deutlich höhere Wertschöpfung je Stunde.
Die tieferliegenden Probleme der deutschen Wirtschaft liegen daher nicht in mangelnder Arbeitszeit. Sie wurzeln in hohen Energiepreisen, einer überbordenden Bürokratie, schleppender Digitalisierung, unzureichenden privaten und öffentlichen Investitionen sowie einer Innovationsschwäche, die sich seit Jahren aufbaut. 50 zusätzliche Arbeitsstunden pro Jahr würden an diesen strukturellen Defiziten kaum etwas ändern.
Die Schweiz kann durchaus als Vorbild dienen – jedoch aus anderen Gründen. Stabile Institutionen, eine starke duale Berufsbildung, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, vergleichsweise niedrige Steuern und eine Verwaltung, die Fortschritt nicht erstickt, machen den Unterschied. Nicht die Tatsache, dass ihre Arbeitnehmer angeblich 200 Stunden mehr „schuften“.
Merz hat recht, wenn er fordert, dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen müsse. Wer jedoch mit verzerrten Vergleichen argumentiert, verspielt seine Glaubwürdigkeit. Wirtschaftspolitik braucht Fakten – keine griffigen Halbwahrheiten.
Am Ende entscheidet nicht die bloße Anzahl der Stunden über den Erfolg einer Volkswirtschaft, sondern das, was in jeder einzelnen Stunde geschaffen wird. Dies zu erkennen, wäre der eigentliche Fortschritt.
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