Rhein-Schock: Sinkende Pegelstände stoppen Deutschlands Wirtschaftsmotor

Der Rhein gilt als die belebteste Wasserstraße weltweit und zugleich als bedeutendste Binnenwasserstraße Europas – er bildet das Fundament der deutschen Binnenschifffahrt. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Oberrhein (WSA) betont, dass etwa 80 Prozent des gesamten deutschen Güterverkehrs auf Binnenwasserstraßen über den Rhein abgewickelt werden. Transportiert werden unter anderem Getreide, Kohle und Mineralölprodukte in Richtung Nordsee oder in umgekehrter Richtung.

Doch wenn langanhaltende Hitze und Trockenheit den Wasserstand dieses Flusses drastisch absinken lassen, hat das gravierende Folgen. Laut der Deutschen Presse-Agentur rechnet die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) für Freitag mit einem historisch niedrigen Pegel von nur 18 Zentimetern an der Engstelle Kaub. Auch andere Abschnitte des Rheins könnten weiter sinken. Der bisherige Tiefststand von 25 Zentimetern aus dem Oktober 2018 würde damit deutlich unterschritten.

Dirk Binding, Bereichsleiter bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) für Infrastruktur, wird von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Er sagt, dass „die niedrigen Pegelstände des Rheins und vieler anderer Flüsse den Gütertransport derzeit massiv“ behindern würden.

Die Binnenschiffe können wegen des geringen Wasserstands nur eine eingeschränkte Fracht aufnehmen, um einen riskanten Tiefgang bei Niedrigwasser zu vermeiden. Die Folge seien „Engpässe, höhere Transportkosten und längere Lieferzeiten“, was laut Binding die Lieferketten der Industrie gefährden könnte.

Zusätzlich verteuern sich die Transporte, da dieselbe Frachtmenge auf mehrere Schiffe verteilt werden muss. Falls die Trockenheit anhalte, würde dies die ohnehin geschwächte deutsche Wirtschaft weiter belasten, warnt Binding.

Ähnlich argumentiert der Wirtschaftsexperte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel gegenüber Reuters. Er prognostiziert:

„Insgesamt könnten die Effekte stark genug sein, um das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent zu dämpfen.“

Damit stünde Deutschland, für das Wirtschaftsforschungsinstitute ohnehin nur ein Wachstum von 0,5 bis 0,8 Prozent im Jahr 2026 erwarten (in den Sommermonaten lediglich 0,2 Prozent), kurz vor der Stagnation.

Ein eindrückliches Beispiel für die Preissteigerungen zeigt der WDR in einem Gespräch mit Roberto Spranzi, Vorstand der Schifffahrtsgenossenschaft DTG. Er berichtet, dass der Transport einer Tonne Rohöl von Rotterdam nach Karlsruhe im Juni 2026 noch rund 45 Euro kostete, während er jetzt bei 145 bis 150 Euro liegt.

Die Politik sieht sich daher zum Handeln gezwungen. Im ZDF-Morgenmagazin forderte der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Bündnis 90/Die Grünen) die Bildung einer Taskforce sowie zusätzliche Mittel vom Bund. Er schlug vor, Lagerkapazitäten in Häfen für Gefahrgüter auszubauen, Fracht vermehrt auf die Bahn zu verlagern und Prioritätenkriterien für den Transport bestimmter Güter festzulegen.

An der Taskforce sollten laut Krischer die Logistikbranche, Kommunen, Landesregierungen und der Bund beteiligt sein. Langfristig sei jedoch ein Ausbau der Fahrrinne des Rheins unumgänglich. Es lägen bereits konkrete Pläne vor, doch der Bund stelle dafür keine finanziellen Mittel bereit.

Seine Kabinettskollegin und Parteikollegin, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, lehnte eine solche Maßnahme jedoch strikt ab, wie eine vom WDR zitierte Stellungnahme zeigt: Eine Vertiefung der Fahrrinne zwischen Basel und Rotterdam komme nicht infrage; stattdessen sollten gezielt Flach- und Engstellen beseitigt werden. Zudem unterstütze ihr Ministerium bereits die Entwicklung moderner Schiffe, die bei Niedrigwasser mehr Ladung transportieren könnten.

Immerhin gibt es schon Fortschritte: Seit Mitte Juli ist die Plattform NIWIS, das Niedrigwasserinformationssystem der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), bundesweit verfügbar. Sie bündelt hydrologische Daten aus ganz Deutschland und stellt sie Behörden, Wirtschaft und Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung.

Siehe auch – Schweiz in der Hitze-Falle: Ab Dienstag 40 Grad – so bereiten sich Behörden und Bevölkerung vor

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