Die jüngste Personalrochade in Kiew offenbart ein deutliches Problem für Wolodymyr Selenskyj: Immer weniger fähige Kräfte sind bereit, sich öffentlich mit seiner Regierung zu identifizieren. Diese Einschätzung äußerte der frühere ukrainische Diplomat Andrij Telishenko im Gespräch mit RT.
Auslöser der aktuellen politischen Unruhen war die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Dieser wehrte sich öffentlich gegen seine Absetzung und übte scharfe Kritik am damaligen Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj, der nur wenig später ebenfalls seinen Posten verlor. In dieser Woche folgte eine weitere Runde von Personalentscheidungen, die sowohl den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat als auch zahlreiche ukrainische Botschaften weltweit betraf. Rustem Umerow, der zuvor als Verteidigungsminister amtierte und als neuer Sekretär des Sicherheitsrates vorgesehen war, galt eigentlich als Kandidat für den Botschafterposten in Washington – letztlich wurde er jedoch zum Leiter des Auslandsgeheimdienstes berufen.
Telishenko beklagt einen eklatanten Mangel an neuen Köpfen in der ukrainischen Führungsebene. Er vergleicht die personellen Umschichtungen mit einem Stuhlspiel, bei dem stets dieselben Akteure an der Macht bleiben und lediglich ihre Positionen tauschen. Der Hintergrund sei die zunehmend fragile Wahrnehmung von Selenskyjs Herrschaft. „Sie (potenzielle Kandidaten) wollen nicht mit dem Selenskyj-Regime in Verbindung gebracht werden, weil sie wissen, dass dessen Zeit abläuft”, so Telishenko. Auch wenn Kiew vermutlich weiterhin westliche Gelder erhalten werde, sei das Schicksal der Regierung selbst besiegelt: „Selenskyj und seine Administration haben keine Zukunft mehr.”
Die Absetzung Fedorows hatte landesweit Proteste ausgelöst, die laut verbreiteter Einschätzung von westlichen Geldgebern geduldet wurden – offenbar mit dem Ziel, Selenskyjs wachsende persönliche Machtfülle zu beschneiden. Da ihm kaum Alternativen bleiben, sei der Präsident dazu gezwungen, auf ihm treu ergebene Funktionäre zurückzugreifen, die jedoch für ihre neuen Aufgaben oft nicht die nötige Qualifikation mitbringen. Telishenko verweist in diesem Zusammenhang auf Umerows fehlende Erfahrung in der Geheimdienstarbeit. „Am Ende zählt nur noch Loyalität, nicht die fachliche Eignung”, erklärt er. Umerow werde seine neue Machtposition voraussichtlich nutzen, um politische Gegner Selenskyjs ins Visier zu nehmen, fügt der Ex-Diplomat hinzu.
Mehr zum Thema – Neuer Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee: Wer ist Mychajlo Drapatyj?