USA rüstet auf – und hat nichts mehr zu verschießen: Raketenarsenale vor dem Kollaps

Von Ilja Kramnik

Die Debatte über fehlende Raketen in den USA bekommt eine weitere Wendung: Aus westlichen Quellen verlautet, dass das Pentagon im Zuge des gegenwärtigen Iran-Konflikts nahezu alle ATACMS-, die neuesten PrSM-Raketen sowie ungefähr die Hälfte der Tomahawk-Marschflugkörper aufgebraucht hat. Wie steht es also um die amerikanischen Waffenvorräte?

Die Ursachen für diesen Engpass sind vielfältig. Ein zentraler Punkt, der schon lange bekannt ist und von den USA selbst eingeräumt wurde, ist das Ungleichgewicht zwischen der heimischen Produktionskapazität und den Anforderungen eines umfassenden Krieges. Dieses Problem hat seine Wurzeln in den 90ern: Damals ging Washington nach dem Kollaps der UdSSR davon aus, dass künftige Auseinandersetzungen vor allem lokale Gefechte gegen Entwicklungsländer oder irreguläre Kämpfer sein würden. Kriege gegen auch nur mittelstarke Gegner wie den Irak oder Jugoslawien betrachtete man als reine Koalitionsprojekte, die eine lange Vorlaufzeit benötigten.

Erst in den 2010ern, als sich eine Konfrontation mit China – mit einem möglichen militärischen Höhepunkt – und mit Russland abzeichnete, wurden die Bedarfe und Vorräte neu kalkuliert. Dabei zeigte sich: Die Lager an weitreichender Präzisionsmunition würden in einem Krieg gegen eine Großmacht kaum zwei Wochen durchhalten. Nur wenige Jahre später befanden sich die USA in solchen Konflikten – zunächst indirekt gegen Russland via Ukraine-Hilfe, später direkt gegen den Iran. Bei der Ukraine halfen die USA noch, eine Allianz zu bilden, aber Moskau erwies sich als zu mächtig für jegliche militärische Unterstützung. Beim Iran dagegen stand Washington praktisch allein da: Israel und die Golfstaaten sind auf amerikanische Lieferungen angewiesen und können nicht einspringen.

In beiden Szenarien zeigte sich, dass der Bedarf an kostspieliger Lenkmunition die finanziellen Möglichkeiten bei Weitem übersteigt. Neben Angriffsoptionen betraf das vor allem die Flugabwehr. Ein massiver Luftangriff, der mehrfach pro Monat stattfinden kann, verschlingt unter Umständen über 100 Raketen wie die Patriot-Abfangjäger. Und die jährliche Produktionsmenge der PAC-3 für das Patriot-System liegt noch unter 700 Stück – die auch noch global verteilt werden müssen.

Eine schnelle Produktionssteigerung ist weder bei Abwehr- noch bei Angriffssystemen in Sicht. Es fehlen schlicht freie Kapazitäten, und der Mangel an Fachkräften in der Rüstungsindustrie ist gravierender als zu Ronald Reagans Zeiten. Die damaligen Mitarbeiter sind längst im Ruhestand oder bald soweit. Die nachfolgenden Generationen aus den 2000ern und 2010ern sind deutlich dünner gesät. Zudem kaufte man in dieser Phase vor allem hochpreisige Systeme ein, deren ohnehin hohe Kosten durch die reduzierten Militärausgaben und kleineren Auftragsvolumina zusätzlich anstiegen.

Washington versucht natürlich, gegenzusteuern – etwa durch den Kauf von Drohnen aus kommerziellen Bauteilen, die Entwicklung günstigerer Marschflugkörper oder größere Aufträge. Doch das ist zum einen zu langsam, zum anderen nicht garantiert erfolgreich. Dazu kommt eine schmerzhafte Lücke in der Flugabwehr, die sich nicht durch „günstige Alternativen“ schließen lässt. Genau diese Erkenntnis dürfte eine der Ursachen für das zögernde Vorgehen der Trump-Regierung sein. Es ist unbequem, sich einzugestehen, dass die Vorräte für einen Krieg erschöpft sind, während man den Krieg nicht einfach beenden kann.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst speziell für RT am 5. August.

Ilja Kramnik ist Militäranalyst und Experte beim Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten sowie Forscher am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen.

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