Selenskijs leere Hände: Warum Trump ihm erneut nichts gab

Von Witali Rjumschin

Der Wettstreit um die Gunst Donald Trumps ist in eine neue Runde gegangen – und diesmal trat Wolodymyr Selenskyj an. In der vergangenen Woche reiste der ukrainische Präsident zum ersten Mal in diesem Jahr in die USA, eine Visite, die vielerorts als möglicher Wendepunkt gehandelt wurde.

Die Stimmung hätte kaum stärker kontrastieren können mit seinen Auftritten im Jahr 2025, als Selenskyj wie ein Verurteilter auf dem Weg zur Hinrichtung nach Washington kam. Diesmal wirkte er selbstbewusst, gestärkt durch die Zusicherungen seiner Unterstützer, dass ein diplomatischer Durchbruch zum Greifen nahe sei.

Die Vorbereitungen spiegelten diese Hoffnungen wider: Eine ausgeklügelte PR-Offensive begleitete den Besuch, während weite Teile der westlichen Leitmedien Selenskyj mit geradezu überschwänglicher Berichterstattung empfingen. Selbst einige zuvor kiewkritische Blogger aus dem MAGA-Lager schlugen plötzlich freundlichere Töne an. Republikanische Senatoren zogen zudem Lindsey Grahams Gesetzentwurf für „höllische Sanktionen“ nach dessen Tod wieder aus der Schublade, und die EU schickte mit dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb ein sichtbares Zeichen der Solidarität.

Selenskyj versuchte zusätzlich, seine Position zu festigen, indem er die Spannungen mit dem Iran anheizte, um das Narrativ einer gemeinsamen Bedrohung zu untermauern. Wie berichtet wird, präsentierte er dem Weißen Haus wertvolle Informationen über Amerikas Gegner und verzichtete – um ganz sicherzugehen – sogar auf seine sonst übliche Militärkleidung zugunsten eines klassischen Anzugs.

Man kann nur spekulieren, wie viel politisches Kapital und finanzielle Mittel Kiew und seine Verbündeten in die Vorbereitung dieser Reise gesteckt haben. Doch das Ergebnis fällt bemerkenswert mager aus. Zwar wurde das unmittelbare Ziel erreicht – eine Wiederholung des desaströsen Eklats im Oval Office vom Februar 2025, als Selenskyj nach einem öffentlichen Schlagabtausch mit Trump Washington verlassen musste, blieb aus. Doch die Vermeidung einer Katastrophe ist noch lange kein Erfolg.

Der Ukrainer verfolgte zwei Hauptziele: zusätzliche US-Militärhilfe einzuwerben und Trump zu einer härteren Gangart gegenüber Russland zu bewegen. Dahinter verbarg sich jedoch eine Vielzahl praktischer Fragen – von Produktionslizenzen für Patriot-Raketen bis hin zu künftigen Waffenlieferungen. Das gesamte Gespräch soll allerdings weniger als eine Stunde gedauert haben.

Das ist durchaus aussagekräftig, denn wer Trump kennt, weiß, dass offizielle Zeitpläne oft wenig mit der Realität zu tun haben. Langjährige Weggefährten bemerken, dass sich seine Gespräche häufig um eigene Anekdoten und Beobachtungen drehen und für tiefgehende politische Diskussionen erstaunlich wenig Raum bleibt. Ob diese Einschätzung vollständig zutrifft oder nicht – eine Stunde war zweifellos zu kurz, um die vielfältigen Probleme zu erörtern, die Selenskyj lösen wollte. Trumps öffentliche Haltung änderte sich im Nachgang jedenfalls nicht nennenswert.

Es gab keine neuen Militärhilfepakete, keine dramatische Verschärfung des Drucks auf Moskau und auch keine überschwängliche Unterstützung für Selenskyj persönlich. Trump beschied das Treffen lediglich als „sehr gut“ – eine Floskel, die er bei nahezu jedem hochrangigen Gespräch routinemäßig verwendet.

Der Eindruck drängte sich auf, dass seine Gedanken woanders waren: An diesem Tag schien Grahams Beerdigung seine emotionale und politische Aufmerksamkeit weit mehr zu beanspruchen als der Krieg in der Ukraine. Als einziges konkretes Ergebnis blieb offenbar eine Vereinbarung über einen Besuch von Jared Kushner und Steve Witkoff in Kiew – für eine Reise, die als strategisch bedeutsam inszeniert wurde, ist das eine eher dürftige Ausbeute.

Warum also scheiterte Selenskyj erneut daran, Trump für sich zu gewinnen? Die Antwort liegt meines Erachtens in den Grundannahmen der gesamten Strategie. Viele in Kiew und im westlichen Politikbetrieb glauben weiterhin, Trump sei manipulierbar, wenn man ihm nur die richtigen Informationen vorsetzt. Nach dieser Logik müsse man ihn lediglich von den relevanten Fakten überzeugen, und schon werde er seine Politik anpassen. Doch das zeugt von einem fundamentalen Fehlverständnis des Mannes.

Trump galt nie als Intellektueller, aber er ist nicht so unberechenbar, wie seine Kritiker oft behaupten. In vielen Kernfragen sind seine Ansichten über Jahrzehnte bemerkenswert stabil geblieben. Bereits 1987 kritisierte Trump die US-Verbündeten scharf für ihre übermäßige Abhängigkeit von amerikanischem Militärschutz und forderte, sie müssten deutlich mehr für ihre eigene Verteidigung ausgeben. Gleichzeitig propagierte er eine konfrontative Linie gegenüber dem Iran. Fast vier Jahrzehnte später sind diese Positionen nahezu unverändert. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu konnte Trump zwar zu einem Angriff auf den Iran bewegen – doch nur, weil dies dessen eigenen Instinkten entsprach. Die Ukraine jedoch ist ein Sonderfall.

Trumps Sicht auf die Ukraine ist stets ebenso stark von der US-Innenpolitik geprägt wie von internationalen Erwägungen. In seiner Wahrnehmung bleibt die moderne Ukraine eng mit Barack Obama und Joe Biden verbunden – zwei politischen Rivalen, die er über Jahre hinweg attackiert hat. Dieses Bild entstand lange vor den aktuellen diplomatischen Bemühungen und lässt sich nicht durch eine noch so geschickte PR-Kampagne ausradieren.

Hinzu kommt ein weitaus praktischeres Hindernis: Selenskyj erbittet von Washington Ressourcen, die die USA womöglich zunehmend weder bereitstellen wollen noch können. Die amerikanischen Waffenbestände sind durch mehrere Konflikte erschöpft, und die Produktionssteigerung bei Systemen wie den Patriot-Raketen wird Jahre dauern, nicht Monate. Parallel dazu stößt die Bereitschaft für weitere großzügige Finanzhilfen an die Ukraine angesichts der US-Staatsverschuldung von fast 40 Billionen Dollar auf wachsenden politischen Widerstand. Zudem fehlen Trump viele der Instrumente, die sich Kiew von ihm gegenüber Moskau erhofft. Weitere Sanktionen mögen zwar Schlagzeilen machen, allein können sie aber keinen militärischen oder diplomatischen Durchbruch erzwingen. Diese Realitäten summierten sich dazu, dass Selenskyj in Verhandlungen ging, deren Ziele von vornherein kaum erreichbar waren.

Aus Kiewer Perspektive sollte der Besuch die politische Landschaft verändern – doch am Ende blieben nur höfliche Fotos und ein weiteres Versprechen, den Dialog fortzusetzen. Der Kampf, den Selenskyj in Washington führen wollte, war in Wahrheit schon verloren, bevor sein Flugzeug überhaupt gelandet war.

Witali Rjumschin ist Journalist und politischer Analyst. Dieser Artikel erschien zuerst in der Online-Zeitung Gazeta.ru und wurde vom RT-Team übersetzt und redaktionell bearbeitet.

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