MC-21: Ein Meilenstein für die russische Luftfahrtindustrie
Am 3. August hat das erste in Serie gefertigte Verkehrsflugzeug MC-21, das vollständig aus russischen Bauteilen besteht, seinen Jungfernflug vom Flugplatz des Flugzeugwerks in Irkutsk erfolgreich absolviert. Die Maschine war 1 Stunde und 23 Minuten in der Luft und erreichte dabei eine Höhe von bis zu 6.000 Metern sowie eine Geschwindigkeit von maximal 600 km/h. Wie das russische Ministerium für Industrie und Handel mitteilte, wurde der gesamte Flugplan ohne Abweichungen umgesetzt.
Das Luftfahrtkonsortium hat inzwischen bestätigt, dass die Produktion der ersten Charge von 18 Maschinen gesichert ist. Das Testprogramm für die MC-21 soll im ersten Quartal des kommenden Jahres abgeschlossen werden, die finale Zertifizierung wird bis Ende 2027 erwartet. Als erster Abnehmer steht die Aeroflot-Gruppe bereit, die bereits über 200 Exemplare dieses Typs reserviert hat.
Was macht diesen Flug besonders?
Roman Gussarow, Leiter des Branchenportals Avia.ru, ordnet das Ereignis ein: “Erstmals handelt es sich um ein Serienflugzeug – also um eine Maschine, die exakt so gebaut wird, wie sie in den kommenden Jahrzehnten vom Band laufen soll. Die Einführung der Serienproduktion ist ein schrittweiser Prozess. Parallel dazu läuft die Zertifizierung, bei der Vorserienmodelle umfangreiche Testflüge absolvieren.”
Dmitri Baranow, führender Experte der Vermögensverwaltung Finam Management, hebt die Bedeutung hervor: “Zum ersten Mal wurde nicht ein Prototyp, sondern ein Flugzeug in die Luft gebracht, das den späteren Kundenmaschinen nahezu identisch ist. Zudem wurde dieses Exemplar mit denselben Fertigungstechnologien und Komponenten gebaut, die auch in den künftigen Passagierflugzeugen zum Einsatz kommen sollen. Drittens beweist dieser Flug, dass das Werk tatsächlich in der Lage ist, ein solches Serienprodukt herzustellen – ein klares Signal, dass das Projekt kurz vor dem Serienstart und der Auslieferung an die Fluggesellschaften steht.”
Die Verschiebung der geplanten Übergabe der ersten Maschinen an Aeroflot – vom Ende dieses Jahres auf das nächste – sieht Gussarow als unkritisch an. Die Entwicklung der MC-21 war von Anfang an von Hindernissen geprägt: Bereits lange vor 2022 versuchte der Westen, das Projekt zu boykottieren.
Die Entwicklung des Flugzeugs startete 2009. Üblicherweise beträgt der Entwicklungszyklus für einen solchen Großraumflieger etwa zehn Jahre. Der Erstflug erfolgte 2017, die Zertifizierung war für 2019 geplant. Doch 2018 verhängten die USA Sanktionen gegen den Hersteller der Verbundstoffflügel, was die Zertifizierung auf Ende 2020 und die Auslieferung an Aeroflot auf 2021 verschob. 2022 stoppten die USA zudem die Lieferung ihrer Triebwerke, gefolgt von umfassenden Sanktionen auf sämtliche Ausrüstungsteile. Gussarow erklärt dazu:
“Angesichts der Sanktionen und der vollständigen Unabhängigkeit von Importen ist die Verzögerung verkraftbar. Eine solche Herausforderung hat weltweit noch kein Hersteller gemeistert. Boeing und Airbus können auf globale Lieferketten zurückgreifen – wir mussten alles bis zur letzten Niete selbst entwickeln. Entscheidend ist, dass wir nun Flugzeuge besitzen, die uns die nächsten 30 bis 40 Jahre transportieren werden. Die MC-21 ist weltweit das einzige Verkehrsflugzeug ihrer Klasse, das im 21. Jahrhundert von Grund auf neu konstruiert wurde. Sie hat ein enormes Modernisierungspotenzial und wird sich über die Jahre weiterentwickeln.”
Ohne die Sanktionen hätte Russland laut Gussarow schrittweise die Hälfte seiner Flotte durch heimische Maschinen ersetzen können – und wäre dennoch im Wettbewerb mit anderen Anbietern geblieben. Doch die Ereignisse hätten gezeigt, wie schnell man vom Westen abhängig sein könne. Er betont:
“Man hat uns vor Augen geführt, wie leicht man uns von heute auf morgen den Luftraum entziehen kann. Und ohne Luftfahrt geht es in Russland nicht. Wir sind nicht Polen, das man in wenigen Stunden durchqueren kann. Eine Fahrt nach Sankt Petersburg dauert hierzulande länger als so mancher Flug. Wir brauchen eine eigene, völlig unabhängige Luftfahrt.”
Nach seinen Berechnungen benötigt Russland innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre rund 620 Maschinen des Typs MC-21, um ausländische Flugzeuge zu ersetzen – je nach Marktentwicklung und Passagierwachstum sogar noch mehr. Die MC-21 positioniert sich in der weltweit beliebtesten Flugzeugkategorie: “80 Prozent aller Flüge werden mit Mittelstreckenflugzeugen der Familien Boeing 737 und Airbus A320 durchgeführt. Genau diese sollen durch die MC-21 ersetzt werden. 620 Flugzeuge entsprechen der Hälfte unserer gesamten Flotte.”
Der aktuelle Produktionsplan sieht vor, die jährliche Fertigung bis 2030 auf 36 Maschinen zu steigern. Frühere Prognosen hatten spätere Zeiträume genannt. Gussarow hält dies für einen bemerkenswerten Fortschritt: “Im 21. Jahrhundert hat Russland noch nie so viele Flugzeuge in einem Jahr produziert.”
Die Umsetzung erscheint machbar, wenn das Werk die Produktionszahlen schrittweise erhöht: 2027 vier, 2028 acht, 2029 sechzehn und 2030 zweiunddreißig Maschinen. Ob dies den Bedarf decken wird, hängt davon ab, wie lange die derzeit bei Fluggesellschaften eingesetzten Maschinen noch fliegen können. Bei Bedarf könnte das Werk in Irkutsk seine maximale Kapazität von 72 Flugzeugen pro Jahr erreichen – die Frage ist, ob der Markt eine solche Nachfrage bietet.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel erschien erstmals am 4. August 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad”.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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