US-Rückzug aus dem Nahen Osten: Das Ende einer Ära – Warum es keine Alternative gibt!

Von Rainer Rupp

Die Publikation Foreign Affairs genießt einen besonderen Stellenwert, da sie vom “US-Council for Foreign Relations” herausgegeben wird. Diese einflussreiche Denkfabrik, in der hochrangige Vertreter aus Politik, Militär und Wissenschaft vereint sind, hat es sich seit Langem zur Aufgabe gemacht, die expansiven Ziele der US-Elite und ihrer Verbündeten mit strategischen Analysen und Handlungsempfehlungen zu untermauern.

Darüber hinaus verstehen es die Ratsmitglieder meisterhaft, die oftmals fragwürdigen Aktionen des US-Imperialismus mit einem ideologischen Rahmen zu versehen, der sie als gerechtfertigte Maßnahmen für Demokratie und Menschenrechte erscheinen lässt. Dies geschieht häufig unter dem Deckmantel humanitärer Interventionen oder der Förderung freier Märkte.

Ein Umdenken in den USA?

Bislang prägten die Beiträge in Foreign Affairs nicht selten die außenpolitischen Entscheidungen der USA maßgeblich. Umso bemerkenswerter ist ein aktueller Artikel mit dem Titel “Amerika muss den Nahen Osten loslassen”, der eine grundlegende Neuausrichtung fordert. Der Untertitel lautet:

“Der gescheiterte Iran-Krieg sollte einen längst überfälligen Rückzug auslösen.”

Dieser Beitrag reiht sich ein in eine wachsende Zahl kritischer Stimmen aus dem Umfeld des Rats, die in jüngster Zeit vermehrt zu vernehmen sind.

Könnte dies der Beginn einer fundamentalen Neuorientierung sein? Hat der gescheiterte und völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran in Washington die Einsicht befördert, dass die militärischen Kapazitäten der USA längst nicht mehr für eine globale Hegemonie ausreichen? Fehlen nicht längst entscheidende Ressourcen wie “Seltene Erden” sowie die industriellen und technologischen Grundlagen? Oder hat die Verbreitung kostengünstiger und präziser Drohnen die Kriegsführung so verändert, dass Länder des Globalen Südens, die über eine widerstandsfähige Gesellschaft verfügen, besser gegen Angriffe des Westens gewappnet sind?

In diesem Kontext hat sich besonders in den letzten Jahren die Kluft zwischen den ambitionierten Zielen Washingtons und den tatsächlichen Möglichkeiten des US-Militärs, der Industrie und der Gesellschaft deutlich vergrößert. Diese Überforderung wurde spätestens seit Beginn des Angriffskriegs gegen den Iran offensichtlich und ist auch der US-Bevölkerung bewusst geworden, die den Krieg inzwischen mehrheitlich ablehnt.

Allerdings scheint die herrschende Klasse in den USA wenig Rücksicht auf den Willen des Volkes zu nehmen. Dieses Muster ist auch in Europa und Deutschland zu beobachten. Entscheidend für die künftige Außenpolitik ist daher die Haltung des sicherheitspolitischen Establishments, und hier zeichnet sich ein Wandel ab. In den jüngsten Veröffentlichungen des Rats finden sich zunehmend radikale Neubewertungen der globalen Machtansprüche der USA.

In diesem und den folgenden zwei Beiträgen werden wir diese Neuorientierung analysieren. Zunächst jedoch sollten wir die militärtechnologischen Veränderungen und rüstungsindustriellen Engpässe betrachten, die von den Strategen der “einzigen Supermacht” lange ignoriert wurden und nun zum Eingeständnis des Scheiterns im Iran-Krieg geführt haben. Dies einzugestehen, fällt der Trump-Administration und weiten Teilen des Kongresses schwer, weshalb sie weiterhin an der Illusion festhalten, dass ein Wunder sie aus der Krise führen wird.

“Der Leitwolf lahmt”: Ein Imperium in der Krise

Die Entscheidungsträger sind in einer Ära aufgewachsen, in der die USA nach dem Zerfall der Sowjetunion nahezu uneingeschränkt global agieren konnten. Ob mit wirtschaftlichen Sanktionen, politischen Umstürzen oder militärischen Interventionen – die USA formten die Weltordnung stets zu ihren Gunsten.

Willige Verbündete in Europa und Asien profitierten dabei von den Gaben des US-Leitwolfes. Dieses System aus Belohnung und Bestrafung hielt die Vasallenstaaten in Schach.

Doch nun zeigt der Leitwolf deutliche Schwächen: Seine Flugzeugträger veralten, und seine finanziellen Ressourcen schwinden angesichts der massiven Verschuldung. Gleichzeitig zerfällt die US-Gesellschaft zunehmend in sich selbst.

Während Trump bei seinen Kriegen und der Unterstützung Israels auf die Gefolgschaft des Kongresses zählen kann, wächst im eliten Sicherheitsestablishment die Erkenntnis, dass die militärische Überdehnung nicht mehr tragbar ist.

Drohnen als Spielveränderer

Vor allem die Flugzeugträger, einst das Symbol der US-Militärmacht, sind zunehmend verwundbar. Kostengünstige, aber präzise Antischiffraketen, die mit hoher Geschwindigkeit und wendigen Manövern operieren, haben diese Träger als Druckmittel gegen Länder wie Iran nahezu wertlos gemacht. Andere Staaten, die sich nicht mehr von den USA bevormunden lassen wollen, werden ihre Arsenale entsprechend ausbauen.

Bislang war die Strategie der Trägerverbände, sich der Küste auf etwa 50 Kilometer zu nähern, um von dort ihre Kampfjets zu starten. Diese sollten zunächst die gegnerische Luftabwehr ausschalten und dann mit präzisen Bomben die Küstenverteidigung zerstören.

Da die Trägerflugzeuge ohne Zusatztanks nur eine Reichweite von etwa 400 Kilometern haben, konnten sie nach der Ausschaltung der Luftabwehr weiter ins Landesinnere vordringen. Die Träger selbst näherten sich dann der Küste, um mit Artillerie Landziele zu beschießen.

Zusätzlich kamen teure Cruise Missiles gegen besonders geschützte Ziele zum Einsatz, allerdings nur in begrenzter Anzahl.

Der Iran hat nun erstmals demonstriert, dass diese Taktik nicht mehr funktioniert: Aus Angst vor iranischen Antischiffraketen halten die US-Träger einen Abstand von mindestens 300 Kilometern. In den ersten Kriegstsetzten die USA großzügig ihre teuren Langstreckenraketen ein, in der Hoffnung auf eine schnelle Kapitulation Irans. Dabei wurden oft zweit- und drittklassige Ziele getroffen, ohne dass die Piloten in den iranischen Luftraum eindringen mussten. Einige wenige, die sich bei Kommandooperationen weiter vorwagten, bezahlten dies mit dem Leben oder der Gefangenschaft.

Inzwischen berichten US-Medien unter Berufung auf Pentagon-Quellen, dass der Vorrat an diesen hochentwickelten Raketen erschöpft ist. Um den Krieg mit solchen Distanzwaffen fortzusetzen, müsste die US-Führung ihre “eisernen Reserven” angreifen, die eigentlich für einen möglichen Konflikt im Pazifik oder gegen Russland vorgesehen sind.

Natürlich verfügen die Amerikaner weiterhin über zahlreiche Schwerkraft- und Gleitbomben. Letztere werden aus großer Höhe abgeworfen und per GPS ins Ziel gelenkt, das bis zu 100 Kilometer entfernt sein kann. Doch um Ziele im iranischen Landesinneren zu treffen, müssten sich die Piloten in die Reichweite der landgestützten Flugabwehr begeben. Beim Einsatz von Gleitbomben müssten sie sogar große Höhen erreichen, was sie für das gegnerische Radar leicht erkennbar machen würde.

Da die iranischen Luftabwehrsysteme offenbar weiterhin intakt sind, scheut die US-Führung das Risiko hoher Verluste an teuren Flugzeugen und die peinliche Vorstellung gefangener Piloten. Stattdessen fordert Trump nun lautstark einen Waffenstillstand, und das für den Nahen Osten zuständige CENTCOM-Kommando hat seit fast einer Woche keine Angriffe mehr gegen Iran durchgeführt.

Selbst als Iran in den letzten Tagen weitere Öltanker stoppte, die entgegen der CENTCOM-Anweisung die Straße von Hormus entlang der omanischen Küste passieren wollten, blieb die angedrohte Vergeltung aus.

In Teil II werden wir uns dem eingangs erwähnten Artikel in “Foreign Affairs” widmen, der mit seinem Titel “Amerika muss den Nahen Osten loslassen” für Aufsehen gesorgt hat.

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