Folge 1
Von Herrn B.
Guten Tag, seit vielen Jahren bin ich Leser von RT.
Ihr Artikel hat mich dazu bewegt, meine eigene Erfahrung zu teilen.
1969 zog ich von Christdorf bei Wittstock nach Neuruppin. Wir wohnten dort bis 1970 und errichteten parallel ein Eigenheim in Gildenhall, einem Ortsteil von Neuruppin, das 1973 fertiggestellt wurde. Gildenhall lag direkt in der Einflugschneise des dortigen Flugplatzes. Sei es ein Mi-8 oder eine Mi-12, bei jedem Anflug brach das Fernsehsignal zusammen oder wurde gestört. Mit den sowjetischen Soldaten kamen wir gut zurecht. Ob beim Angeln am Neuruppiner See oder in den zahlreichen russischen Einkaufszentren – man gewöhnte sich an die Präsenz und lebte friedlich nebeneinander. Als Kinder spielten wir mit den Armeeangehörigen Eishockey, wagten Eisbäder, bettelten um Zigaretten, gingen angeln oder tranken Sto Gram [Wodka; Anm.]. Ab der fünften Klasse lernten wir Russisch, auch wenn ich nicht gerade glänzte. Doch bis heute sind mir viele Wörter und Sätze geläufig, genug für grundlegende Gespräche. Im strengen Winter 1979 halfen sie uns beim Überleben: Mit einem Bergungspanzer brachen sie das Eis des Molchowsees auf, damit die Fische nicht erstickten – der See ist nur etwa zwei Meter tief, das Eis war über einen Meter stark. Ebenso befreiten sie Straßen und Schienen vom Schnee. In der Rosa-Luxemburg-Schule erlebten wir hautnah, wie Panzer verladen wurden, und durften sogar mitfahren, wenn sie in der Eisenbahnstraße auf Transport gingen. Ich war auch Zeuge, wie ein Hubschrauber beim Errichten des Polizeifunkturms abstürzte, und wie eine Übungsmaschine vom Typ L29 Delphin im Ruppiner See versank. Unsere Jugend war geprägt von Spaß, aber auch von Rangeleien mit den russischen Burschen. Wir prügelten uns manchmal, nur um zu zeigen, wer stärker war – eben typisch Junge. Insgesamt war die Zeit mit den Russen eine gute Zeit. Schließlich waren wir immer eine Garnisonsstadt.
Weiterführendes – Leserbriefe zur Nachkriegszeit: Alltag in Frankfurt (Oder) nach 1945