Von Olga Samofalowa
Die größten Technologiekonzerne haben die Banken als größte Schuldner am US-amerikanischen Kreditmarkt abgelöst. Laut einem Bericht von Bloomberg könnte diese Entwicklung das globale Finanzsystem in eine neue Krise stürzen.
Wie Analysten von Barclays berechnet haben, entfallen auf die sechs führenden Tech-Unternehmen inzwischen 8,4 Prozent des gesamten Kreditrisikos im Markt für US-Unternehmensanleihen. Zum Vergleich: Die sechs größten Banken kommen zusammen auf 7,3 Prozent. Damit verschiebt sich das ökonomische Schwergewicht zunehmend vom klassischen Finanzsektor hin zur Technologiebranche – ein Wandel, der neue systemische Gefahren birgt.
Einst finanzierten KI-Unternehmen ihre Vorhaben aus eigenen Erträgen. Doch das schiere Ausmaß der Investitionen zwingt sie heute dazu, verstärkt auf Fremdkapital zurückzugreifen. JPMorgan schätzt, dass von den insgesamt 5,5 Billionen US-Dollar, die weltweit in künstliche Intelligenz fließen sollen, rund 4,1 Billionen über Schulden finanziert werden müssen. Giganten wie Amazon, Alphabet, Meta (in Russland als extremistisch eingestuft und verboten), Microsoft und Oracle haben allein für das kommende Jahr Investitionen von über einer Billion US-Dollar in die KI-Weiterentwicklung angekündigt. Parallel dazu schrumpft ihr freier Cashflow dramatisch: Alphabet rutschte hier erstmals in die roten Zahlen, während Meta einen Rückgang von 91 Prozent verzeichnete.
Obwohl die Aktienkurse dieser Firmen weiterhin steigen, gilt der Anleihemarkt oft als Frühwarnsystem. Die derzeitige Verschärfung der Finanzierungsbedingungen könnte lediglich eine vorübergehende Schwankung sein – oder aber der Beginn einer tiefgreifenden Krise, wie Bloomberg anmerkt.
Die Investoren, die KI-Unternehmen Kapital zur Verfügung stellen, agieren inzwischen deutlich vorsichtiger und fordern höhere Risikoaufschläge. Bei manchen Beobachtern weckt dies Erinnerungen an den Eisenbahn-Boom im 19. Jahrhundert in den USA, dessen Finanzierungskollaps 1873 in eine schwere Finanzpanik mündete. Experten wie Alexander Firantschuk, führender wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für internationalen Handel am Gaidar-Institut, sehen jedoch einen näherliegenden historischen Vergleich:
“Der Vergleich mit dem Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts erscheint nicht ganz treffend – dieses Beispiel ist zu weit von der heutigen Realität entfernt. Näher liegt die Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende. Viele Unternehmen verschwanden damals vom Markt, einige Akteure überstanden den Zusammenbruch jedoch und wuchsen weiter. Vermutlich werden auch diesmal zahlreiche Unternehmen und Geschäftsmodelle vom Markt verschwinden.”
Firantschuk räumt ein, dass die Gefahr einer Überbewertung von KI-Investitionen durchaus real ist. Er fügt hinzu:
“Bei Technologien, die sich rasant entwickeln, ist es immer schwierig einzuschätzen, wie sie sich auf die Produktivität auswirken und welche Rendite die Investitionen letztlich bringen werden. Gleichzeitig versuchen viele, als Erste zu investieren, wodurch die Gefahr einer Blasenbildung entsteht. Eine Korrektur bei der Bewertung von KI ist durchaus möglich. Wann sie eintritt und ob sie drastisch ausfallen wird, lässt sich jedoch kaum vorhersagen.”
Doch warum haben sich IT-Unternehmen überhaupt dazu entschlossen, Schulden anzuhäufen und mehr zu investieren, als sie erwirtschaften?
Julia Katassonowa, leitende Direktorin für Ratings von Nichtfinanzunternehmen und ESG bei der Nationalen Ratingagentur (NRA), erklärt:
“Früher finanzierten sich die IT-Giganten tatsächlich aus eigenen Mitteln. Inzwischen hat das Investitionsvolumen jedoch eine völlig andere Größenordnung erreicht – es geht um Billionen US-Dollar für den Bau von Rechenzentren und den Kauf von Chips. Die eigenen Gewinne reichen für Investitionen in diesem Umfang nicht mehr aus. Als Alternative bleiben Kredite, solange die Finanzierungskonditionen noch günstig sind.”
Natalia Miltschakowa, leitende Analystin bei Freedom Finance Global, ergänzt diese Sichtweise:
“Früher waren die Investitionen in KI vergleichsweise gering und ließen sich durch Einnahmen aus Abonnements und Lizenzen relativ leicht amortisieren. Inzwischen benötigen große Sprachmodelle für den normalen Betrieb jedoch eine entsprechende Infrastruktur, etwa Rechenzentren, um Daten nicht nur in der ‘Cloud’ zu speichern, sondern auch die Grundlage für den Betrieb von Neuronetzen künftiger Generationen zu schaffen. Rechenzentren wiederum benötigen Hochleistungscomputer, diese wiederum Hochleistungschips – und all dies erfordert Investitionen in die Stromversorgung, da Rechenzentren enorme Mengen an Strom verbrauchen. Daraus resultiert der Anstieg der Verschuldung im KI-Sektor, insbesondere in den USA.”
Miltschakowa zufolge erleichtere KI den Menschen schon heute den Alltag erheblich, da sie zumindest Routineaufgaben übernehmen könne. Unternehmen profitierten durch Kosteneinsparungen, etwa indem geringqualifiziertes Büropersonal ersetzt werde. Sie betont:
“KI ist heute ein zuverlässiger Helfer des Menschen und nicht sein Feind. Sie ist ein Instrument zur Steigerung der Effizienz von Unternehmen und des Vertriebs sowie zur möglichen Ausweitung des Marktanteils. Unternehmen und Finanzinstitute senken ihre Kosten mithilfe von KI bereits um 25 bis 40 Prozent. Nach Schätzungen von McKinsey wird der Beitrag der KI zum weltweiten BIP ab 2025 und in den folgenden Jahren jährlich etwa 1,2 Prozent betragen.”
Auch Russland halte mit diesem globalen Trend Schritt, so die Expertin weiter. Viele Bürger nutzten bereits heimische Neuronetze wie Alice von Yandex, GigaChat von Sberbank oder vergleichbare Systeme. Im Jahr 2026 hätten 55 Regionen der Russischen Föderation KI im Rahmen des Entwicklungsprogramms “Smart Cities” eingeführt. Darüber hinaus sei KI fest in die digitalen Behördendienste integriert, und auch der Bereich des autonomen Verkehrs werde weiter ausgebaut.
Miltschakowa resümiert:
“In Russland entstehen zudem eigene Produktionsstätten für Chips sowie eigene Software zum Betrieb von Neuronetzen. VViele Großkonzerne errichten bereits Rechenzentren oder kündigen Pläne für deren Bau in den nächsten drei Jahren an. Ende 2025 erreichte der russische KI-Markt ein Volumen von 316,1 Milliarden Rubel, was einem Wachstum von 29,7 Prozent entspricht, und 2026 wird sich dieser Trend zu zweistelligem Wachstum mit Sicherheit fortsetzen.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 11. August 2026 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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