Eine historische Ankündigung wäre beinahe in einer Rede über Cyberangriffe und eine überfällige Bildungsreform untergegangen. Doch zum Abschluss seiner Ansprache zum Nationalfeiertag erklärte Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein am Samstag auf der Schlosswiese einen Wendepunkt für das Fürstenhaus. Nach 420 Jahren können nun auch Frauen den Thron des Fürstentums besteigen.
Seit 1606, als der erste regierende Fürst Karl I. gemeinsam mit seinen Brüdern Maximilian und Gundakar die Grundsätze des Hauses Liechtenstein festlegte, galt eine unmissverständliche Regel: Die Thronfolge war ausschließlich männlichen Nachkommen vorbehalten. Frauen waren gänzlich davon ausgeschlossen. Zwar wurde diese Bestimmung zuletzt 1993 überarbeitet, ihr Kern blieb jedoch unangetastet.
Doch damit ist nun Schluss. Wie das Fürstenhaus am Nationalfeiertag bekannt gab, wurde die entsprechende Änderung des Hausgesetzes mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit aller stimmberechtigten Familienmitglieder angenommen. Die männliche Primogenitur wird durch die absolute Primogenitur ersetzt. Nicht mehr das Geschlecht bestimmt die Thronfolge, sondern allein die Geburtsreihenfolge. Das erstgeborene Kind des amtierenden Fürsten oder der amtierenden Fürstin wird künftig Thronfolgerin oder Thronfolger – unabhängig davon, ob es sich um einen Sohn oder eine Tochter handelt.
Darüber hinaus erhalten alle weiblichen Nachkommen des Fürstenhauses bei Fragen des Hausgesetzes künftig dieselben Mitwirkungsrechte wie ihre männlichen Verwandten. Diese Neuerung kommt ausgerechnet von jenem Mann, der sich noch vor wenigen Jahren öffentlich dagegen ausgesprochen hatte. In einem Interview aus dem Jahr 2019 erklärte Alois, das Fürstenhaus lehne regierende Fürstinnen aus Stabilitätsgründen ab. Die langfristige Berechenbarkeit von Hausgesetz und Verfassung sei wichtiger als das Geschlecht, so seine damalige Begründung.
Sieben Jahre später klingt die Argumentation anders. In der Mitteilung des Fürstenhauses wird Alois nun mit den Worten zitiert, die Gesetzesänderung solle sicherstellen, dass sowohl das Fürstentum als auch das Fürstenhaus von der Person regiert werde, die am besten auf diese Aufgabe vorbereitet worden sei – nicht zwangsläufig vom ältesten Sohn. Voraussetzung bleibt allerdings, dass die künftigen Thronfolger in Vaduz aufwachsen und von klein auf mit den Besonderheiten von Fürstentum und Fürstenhaus vertraut gemacht werden.
An der Spitze der aktuellen Thronfolge ändert sich zunächst nichts. Fürst Hans Adam II. bleibt formelles Staatsoberhaupt. Die Ausübung der Hoheitsrechte hat er jedoch bereits 2004 an seinen ältesten Sohn Alois delegiert. Dieser ist mit Herzogin Sophie von Bayern verheiratet. Das Paar hat vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter.
An erster Stelle der Thronfolge nach Alois steht weiterhin dessen ältester Sohn Prinz Joseph Wenzel. Die nächste Frau in der Reihenfolge ist Prinzessin Marie Caroline, das zweitgeborene Kind von Alois. Nach der neuen Regelung steht sie damit an dritter Stelle, hinter ihrem älteren Bruder. Zum Zug käme sie nur, wenn einer ihrer Brüder aus der Thronfolge ausscheidet, etwa durch einen Verzicht. Marie Caroline heiratete Ende August 2025 den Investmentmanager Leopoldo Maduro Vollmer.
Praktische Auswirkungen auf die Thronfolge dürften sich damit erst in den kommenden Generationen zeigen. Zunächst geht es vor allem um eine neue Regelung für die Zukunft. Mit diesem Schritt reiht sich Liechtenstein in eine lange Liste europäischer Monarchien ein, die ihre Erbfolgeregeln in den letzten Jahrzehnten an die Gleichstellung der Geschlechter angepasst haben – darunter etwa Schweden, die Niederlande und Belgien. Bis zuletzt war das Fürstentum eine der letzten verbliebenen Monarchien Europas mit strikt männlicher Erbfolge. Mit der Reform übernimmt nun Monaco diese Rolle als letzte europäische Monarchie mit rein männlicher Thronfolge.
Für das kleine Alpenland mit rund 40.000 Einwohnern, dessen Fürstenhaus im europäischen Vergleich ungewöhnlich weitreichende politische Befugnisse besitzt, ist die Neuregelung mehr als eine familieninterne Randnotiz. Sie beendet eine über vier Jahrhunderte alte Tradition und eröffnet die Möglichkeit, dass eines Tages auch in Vaduz eine Frau den Thron besteigen könnte.
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