Wie erst jetzt öffentlich wurde, stießen Archäologen bereits im Juli bei Ausgrabungsarbeiten in der Erzengel-Kathedrale des Moskauer Kremls auf drei bislang für verschollen gehaltene Sarkophage. In einem davon fanden sich menschliche Gebeine, die nun einer der bedeutendsten Gestalten des russischen Mittelalters zugeordnet werden konnten: dem Großfürsten Dmitri Donskoi, der in der Russisch-Orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt wird.
Der Sarkophag mit den sterblichen Überresten des Großfürsten galt seit 1864 als verloren. Bei Restaurierungsarbeiten hatten Arbeiter seinerzeit die Grabplatten vertauscht und seinen Sarg – wie sich jetzt herausstellte – versehentlich unter dem Schrein seines Vaters Iwan II. aus der Dynastie der Rurikiden beigesetzt.
Am Dienstag wurden Teile der Reliquien des Fürsten Donskoi den Gläubigen zur Verehrung übergeben, wie die Nachrichtenagentur RIA Nowosti unter Berufung auf Kreise der Russisch-Orthodoxen Kirche berichtete. Aus diesem Anlass zelebrierte der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kirill, in der Kathedrale einen Gottesdienst vor den öffentlich ausgestellten Reliquien.
„Einige Reliquien des Fürsten Dmitri Donskoi, die aus dem Sarkophag in der Erzengel-Kathedrale entnommen wurden, sind mit dem Segen von Patriarch Kirill den Gläubigen zur Verehrung übergeben worden”,
erklärte der Gesprächspartner der Agentur. Er ergänzte, dass die Überreste nahezu vollständig erhalten seien, mit Ausnahme des linken Fersenbeins. Der Kirchenvertreter räumte ein, dass der linke Fuß vermutlich im 19. Jahrhundert Schaden genommen habe, als man eine Tränenflasche aus dem Sarkophag entnahm und sie zur Aufbewahrung in die Waffenkammer brachte.
Archäologische und anthropologische Untersuchungen hätten zweifelsfrei bestätigt, dass es sich bei den Gebeinen tatsächlich um die des heiligen Großfürsten handele. Die Reliquien seien fast vollständig bewahrt, hieß es seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Dmitri Donskoi (1350–1389) bestieg bereits im Alter von zwölf Jahren den Großfürstenthron. Seine historische Bedeutung liegt vor allem in seiner Rolle im Kampf um die Befreiung Russlands vom tatarisch-mongolischen Joch. Am 8. September 1380 errang sein Heer auf dem Kulikowo-Feld zwischen Nepriadwa und Don einen entscheidenden Sieg gegen die Truppen des Khans Mamai. Fortan trug Fürst Dmitri den Beinamen „Donskoi” („vom Don”).
Die endgültige Loslösung Moskaus aus der Vasallenstellung datiert auf das Jahr 1480, als Iwan III. die Tributzahlungen einstellte und die zur Strafaktion herangerückten mongolischen Verbände nach tagelangem Zögern an der Ugra abzogen, ohne eine Schlacht zu wagen. Dennoch gilt die Schlacht auf dem Kulikowo-Feld als Wendepunkt im Befreiungskampf der russischen Fürstentümer: Die Position Moskaus innerhalb des mongolischen Herrschaftsgefüges, der „Goldenen Horde”, war danach derart gestärkt, dass man bereits von einer faktischen Autonomie sprechen konnte.
Zwar führte Khan Tochtamysch zwei Jahre später einen Vergeltungsfeldzug durch, belagerte Moskau und plünderte die Stadt 1382 vollständig. Auch die Tributpflicht wurde wiederhergestellt – doch die Zentralmacht musste den besonderen Status des Moskauer Fürstentums anerkennen und ihm Privilegien zugestehen, die es später zum Kristallisationspunkt der russischen Unabhängigkeit werden ließen.
Die Verehrung des Fürsten setzte praktisch unmittelbar nach seinem Tod ein. Im Jahr 1988, anlässlich des tausendjährigen Jubiläums der Taufe Russlands, erfolgte schließlich seine Heiligsprechung auf dem Lokalkonzil der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Die Erzengel-Kathedrale im Kreml dient als letzte Ruhestätte Moskauer Großfürsten und Zaren, darunter auch Zar Alexei Michailowitsch und der Halbbruder Peters des Großen. Abgesehen vom Sarkophag Iwans IV. (des „Schrecklichen”), der sich im unzugänglichen Altarraum befindet, können Besucher anhand der Inschriften auf den Gräbern die russische Geschichte nachvollziehen. Erst mit der Gründung Sankt Petersburgs als neuer Hauptstadt endete diese Tradition: Sämtliche russischen Kaiser und Kaiserinnen ab Peter dem Großen fanden in der Peter-und-Paul-Festigung an der Newa ihre letzte Ruhestätte.
Mehr zum Thema – Das tragische Schicksal des russischen Volkes. Teil 1: Auf den Straßen von Paris; Teil 2: Die Unseren werden nicht kommen