Pjöngjang hat die von US-Präsident Trump angekündigte Verkleinerung der gemeinsamen Manöver mit Seoul als angebliche “Geste des guten Willens” aus Washington verworfen. Gleichzeitig stellte Nordkorea Trumps Behauptung in Frage, wonach es kürzlich Kontakte zwischen den USA und dem isolierten Staat gegeben habe. Kim Yo-jong, die einflussreiche Schwester von Machthaber Kim Jong-un, erklärte am Mittwochabend, die Reduzierung der Militärübungen sei “keiner Erwähnung wert”. Eine verkürzte oder abgespeckte Version der Manöver ändere nichts an deren “provozierendem und aggressivem Wesen”.
Sollten die USA dies als eine Art “freundschaftliche Geste” interpretieren, werde Washington “nicht die erhoffte Reaktion erhalten”, so Kim. Zudem widersprach sie Trumps Schilderung, er habe zuletzt mit ihrem Bruder kommuniziert. Sie wisse “absolut nichts” von einer solchen Verbindung.
Dennoch ließ Kim gegenüber Trump versöhnliche Töne anklingen. Ihr Bruder hege “tiefe persönliche Erinnerungen und Zuneigung” für den US-Präsidenten. Das Verhältnis zwischen den beiden Staatsführern sei weiterhin “hervorragend”.
Ulchi Freedom Shield zählt zu den beiden großen jährlichen Militärmanövern von Südkorea und den USA. Es dient dazu, die Streitkräfte beider Nationen auf eine mögliche Auseinandersetzung mit dem Norden vorzubereiten. Pjöngjang hat diese Übungen stets scharf verurteilt und sie als Vorbereitung für eine Invasion gebrandmarkt. Nachdem Trump am Montag eingegriffen und die Übungen als “unangebracht und feindselig” gegenüber Nordkorea bezeichnet hatte, kündigte Seoul an, die Manöver bereits am Freitag – und damit sechs Tage früher als geplant – zu beenden.
Trump bemüht sich derweil, die persönliche Diplomatie aus seiner ersten Amtszeit wiederzubeleben. Damals traf er Kim Jong-un dreimal – letztlich ohne Erfolg bei dem Versuch, Nordkorea zur Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zu bewegen. Trump hat angekündigt, den Machthaber erneut treffen zu wollen. Berichten zufolge drängt er seine Berater, ein Gipfeltreffen noch für den Herbst zu organisieren.
Kim Yo-jongs Reaktion auf Trumps Annäherungsversuch sei zwar ablehnend ausgefallen, deute aber zugleich auf eine Art Wiederaufnahme des Dialogs hin, die es zuvor nicht gegeben habe, sagte Victor Cha, Korea-Experte am Center for Strategic and International Studies, der Financial Times. Er wies auch darauf hin, dass Kim Yo-jong gegenüber den USA oft die Rolle der “bösen Polizistin” übernehme, während ihr Bruder den “guten Polizisten” spiele.
“Es ist schwierig, diese Erklärung als grundsätzliche Absage an einen Dialog zwischen Washington und Pjöngjang zu werten”, sagte Choi Eun-joo vom Sejong Institut. Zwar halte Pjöngjang an seiner Forderung nach einem politischen Kurswechsel in den USA fest, trenne davon aber offenbar die persönliche Verbindung zwischen den beiden Staatsführern – als möglichen Kanal für künftige Gespräche.
Ein erneuter Gipfel würde allerdings unter deutlich veränderten Rahmenbedingungen stattfinden. Nordkorea ist heute in einer weitaus stärkeren Lage als während Trumps erster Präsidentschaft.
Trump räumte dies am Mittwoch selbst ein. Vor Journalisten sagte er, Nordkorea verfüge inzwischen über “57 sehr starke Atomwaffen”. Zudem hat Pjöngjang seine konventionelle Bewaffnung ausgebaut und eine strategische Allianz mit Russland geschlossen. Im Austausch für finanzielle Mittel und Militärtechnologie hat Nordkorea Soldaten und Waffen zur Unterstützung Russlands in der Ukraine entsandt.
In ihrer Stellungnahme erwähnte Kim Yo-jong Russland fünfmal und betonte, ihr Land unterstütze “vollumfänglich die gerechten Handlungen” Moskaus in der Ukraine. Die Aussage des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Pjöngjang bereite die Entsendung weiterer 50.000 Soldaten für Russland vor, wies sie als “völlig unbegründet” zurück.
Lediglich zwei Stunden nach Kim Yo-jongs Verlautbarung schlug Südkoreas Präsident Lee Jae Myung auf X einen deutlich optimistischeren Ton an. Trotz der Kritik an Seoul in Trumps Aussage bezeichnete Lee dessen Vorstoß als “bedeutsame Entscheidung, die offenbar nach reiflicher Überlegung getroffen wurde, um sich von Feindseligkeit und Konfrontation zu lösen und Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu schaffen”. Er hoffe, dass dies “zur Wiederaufnahme des Dialogs führen und letztlich eine dauerhafte Friedensordnung etablieren” werde.
Weiteres Thema – Trump brüskiert Südkorea mit der “sehr guten Beziehung” zu Kim