Schock-Skandal um DDR-Hymne: Chrupalla und Siegmund begehen „politische Sünde“

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War es ein bewusster Akt oder ein unbedachter Moment? Als der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla den sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle bat, am Ende der Versammlung die deutsche Nationalhymne anzustimmen, erwarteten viele wohl die vertrauten Klänge von „Einigkeit und Recht und Freiheit”. Doch es kam anders: Stattdessen erklang die Melodie der ehemaligen DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen”.

Chrupalla und Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat aus Sachsen-Anhalt, blickten etwas verunsichert drein, als Steimle die erste Strophe des DDR-Liedes anstimmte. Auch das Publikum schien ratlos. Die beiden AfD-Politiker entschieden sich schließlich doch, mitzusingen. Auf Anregung der ehemaligen Grünen-Politikerin Antje Hermenau folgte später auch die „westdeutsche Hymne”.

Steimle rechtfertigte seine Wahl mit den Worten:

„Der Text ist so großartig. Und jedes Wort stimmt, als wäre es heute. Und das ist bei großen Sachen eben immer so. Die sind allgemeingültig. Wir gehören zusammen. Wir sind Deutsche. Ende der Debatte!”

Der Applaus des Publikums war ihm gewiss.

Bemerkenswert ist, dass gerade die zweite Strophe der von Johannes R. Becher verfassten Hymne – „Glück und Friede sei beschieden / Deutschland, unserm Vaterland. / Alle Welt sehnt sich nach Frieden, / reicht den Völkern eure Hand. / Wenn wir brüderlich uns einen, / schlagen wir des Volkes Feind. / Lasst das Licht des Friedens scheinen, / dass nie eine Mutter mehr / ihren Sohn beweint.” – perfekt zum Motto der Veranstaltung „Keen Getue, keen Gemache, für den Frieden!” gepasst hätte. In Dessau wurde diese Strophe jedoch nicht gesungen.

Chrupalla und Siegmund dürften bereits auf der Bühne geahnt haben, dass die ihnen und ihrer Partei kritisch gegenüberstehende BRD-Mainstream-Presse diesen Vorfall zu einem Hymnen-Skandal aufbauschen würde. Die AfD behauptete auf der Plattform X zunächst fälschlich, Chrupalla habe „Auferstanden aus Ruinen” gar nicht mitgesungen, löschte diesen Beitrag jedoch kurz darauf wieder. Zu diesem Zeitpunkt war die Dessauer Doppel-Hymne bereits in fast allen großen BRD-Medien zum Thema geworden.

Für die politische Konkurrenz, insbesondere im Westen des Landes, war dies ein gefundenes Fressen im Wahlkampf. Martin Huber, Generalsekretär der bayerischen CSU, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur:

„Mit dem Absingen der DDR-Hymne zelebriert die AfD hier ein brutales Unrechtsregime und entlarvt sich einmal mehr als extremistisch und geschichtsvergessen. Die AfD spaltet Deutschland und unsere Gesellschaft.”

Alexander Heppe vom hessischen CDU-Landesverband erinnerte auf X an die Toten der Mauer und sprach von einer Verhöhnung der Opfer der Diktatur durch das Mitsingen der „DDR-Hymne der Mörder”. CDU-Mann Manuel Schwalm kreierte sogar ein Bild, das AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im FDJ-Hemd zeigte.

Auch aus anderen Parteien kam Kritik: Der Historiker Jan Claas Behrends, Mitglied der SPD, erkannte „die Lust der AfD an der Selbstunterwerfung gegenüber Russland” am „Absingen von Johannes R. Bechers Hymne eines Vasallenstaates”. Ralf Fücks von den Grünen twitterte:

„Interessant, wie stramm rechts und DDR-Nostalgie zusammengehen.”

Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, äußerte sich ebenfalls ablehnend in der Rheinischen Post. Sie habe sich stets gegen eine Verharmlosung der DDR ausgesprochen. Dazu gehöre auch das Singen der DDR-Nationalhymne, da diese eine hohe Symbolkraft habe „für einen Staat, der eine Diktatur war, ein Unrechtsstaat, der seine Bürger überwachte, der sie schikanierte, der sie einsperrte. Ein Staat, in dem fundamentale Menschenrechte tagtäglich verletzt wurden”.

Die Hauptakteure des Hymnen-Vorfalls, AfD-Politiker Tino Chrupalla und der Satiriker Uwe Steimle, verweigern jede Form der Distanzierung. Chrupalla erklärte gegenüber RTL/N-TV, die Liedzeile „Auferstanden aus Ruinen” drücke die Hoffnung der Bürger auch heutzutage aus. Er sprach von einer unnötigen nachträglichen und künstlichen Skandalisierung.

Auch Steimle verteidigte das Singen der ersten Strophe der DDR-Hymne. Gegenüber Kontrafunk meinte er, er habe sich nichts vorzuwerfen. Er sei mit der DDR-Hymne groß geworden. Er singe auch „die andere Hymne” mit, aber:

„Ich bin nicht angekommen in der BRD.”

Als Satiriker wolle er aufrütteln, und aus einem „alten Linken” könne man ihn nicht zu einem „neuen Rechten” machen. Er fügte hinzu, er sei überrascht, wie textsicher die Menschen gewesen seien.

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