AfD-Skandal auf Münchner Sicherheitskonferenz: Lucassen schießt gegen eigene Partei – “Das ist Wahnsinn!

Von Wladislaw Sankin und Astrid Sigena

Rüdiger Lucassen hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Seine Kampfansagen an innerparteiliche Gegner platziert er gezielt in der von der AfD ansonsten geschmähten Mainstreampresse. Kürzlich ließ er gegenüber Funke-Chefredakteurin Melanie Amann verlauten, er werde sich künftig nicht mehr darum scheren, ob der russlandfreundliche, pseudo-pazifistische Flügel seiner Partei über seine Äußerungen jammere (als ob er sich je darum geschert hätte!). Lucassen: “Für mich ist der Besuch auf dieser MSC auch die nächste Stufe meiner eigenen Befreiung. Ich mache ab jetzt mein Ding.”

Für das – laut Amann – pseudopazifistische Lager hat Lucassen nur noch Spott übrig. Nach vier Kriegsjahren implodiere gerade “das Lager der Russlandfans und Friedensbewegten”. In der militärischen Diktion Lucassens: “Die kämpfen hinhaltend”, befänden sich also bereits auf dem Rückzug. Der Abgeordnete strahlt Selbstsicherheit aus. Auch bei der Reporterin Rena Lehmann hinterließ Lucassen einen “sichtlich beschwingten” Eindruck.

Kein Wunder, denn auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) reißen sich die Gesprächspartner um den ehemaligen Bundeswehr-Oberst. Nicht nur internationale Medien, sondern auch Politiker der etablierten Parteien wie der CSU-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Florian Hahn. Der Kontakt zu NATO- und Bundeswehrmilitärs war ohnehin nie abgerissen, auch wenn Lucassen diskret bleibt, was die Namen seiner Gesprächspartner betrifft. Immerhin teilt er der Presse mit, er habe Gelegenheit gehabt, mit dem SACEUR Alexus G. Grynkewich, dem Oberbefehlshaber der NATO-Truppen in Europa, zu sprechen.

Ob dabei auch sein eigens für die MSC verfasstes Positionspapier “Europas Sicherheit. Unser Kontinent. Deutschlands Führung” zur Sprache kam, lässt Lucassen offen. In dem geheimen, mit Partei- und Fraktionsführung nicht abgestimmten Papier fordert der verteidigungspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion eine massive Aufrüstung der Bundeswehr und ernennt Deutschland zur “Führungsnation in Europa” (RT DE berichtete). Der außenpolitische Sprecher der AfD, Markus Frohnmaier, musste in einem Interview mit RT DE einräumen, von diesem Papier keine Kenntnis zu haben.

Mit nennenswertem Widerstand gegen seine Alleingänge muss Lucassen vorerst nicht rechnen. Zur Münchner Sicherheitskonferenz war Frohnmaier nicht eingeladen, und ein in Medien angekündigtes Treffen mit US-Staatssekretärin Sarah Rogers fand nicht statt. Offenbar legten die USA, die Berichten zufolge die Teilnahme der AfD an der MSC durchsetzten, keinen Wert auf die Anwesenheit des auf deutsche Interessen und einen Ausgleich mit Russland bedachten Frohnmaier.

Stattdessen waren auf der Sicherheitstagung neben Lucassen die weitgehend unbekannten Bundestags-Neulinge Anna Rathert und Heinrich Koch von der AfD anwesend, die sich teils selbst gewundert haben sollen, wie sie zu dieser Einladung kamen. Anna Rathert konnte immerhin stolz verkünden, sie habe Mitarbeiter von US-Außenminister Marco Rubio “im Vorbeigehen” getroffen.

Fraktions- und Parteiführung lassen Lucassen offenbar freie Hand bei seinem Amoklauf gegen den offiziellen verteidigungspolitischen Kurs der AfD, der derzeit keine Wiedereinführung der Wehrpflicht vorsieht. Die kürzlich erfolgte Missbilligung des Fraktionsvorstands gegenüber dem Abgeordneten aus Nordrhein-Westfalen war die mildestmögliche Maßnahme. Damit drückte der Vorstand lediglich sein Missfallen darüber aus, dass Lucassen eine Bundestagsrede für eine Abrechnung mit Björn Höcke genutzt hatte. Die beiden sind nicht nur in der Frage der Wehrpflicht scharfe Kontrahenten. Von einer formalen Ordnungsmaßnahme sah die Fraktionsspitze ab. Nicht einmal zu einer Rüge konnte sie sich durchringen.

Dabei ist Lucassen Wiederholungstäter. Schon als er in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow Parteikollegen wegen ihrer Russland-Kontakte des “Volksverrats” bezichtigt hatte, blieben ernsthafte Konsequenzen aus. Spätestens jetzt, nach Lucassens gegen Russland gerichteter Militärplanung, wäre ein Parteiausschlussverfahren fällig. Andernfalls muss sich die AfD fragen lassen, ob sie tatsächlich einen Friedenskurs verfolgt.

Die inkonsequente Haltung der AfD in dieser Frage ist der politischen Konkurrenz nicht verborgen geblieben: Das BSW Bayern titulierte die AfD auf der Plattform X als “Schrödingers Friedenspartei”. Und Frederick Broßart vom BSW-Landesvorstand Niedersachsen kritisierte das Auftreten des AfD-Politikers Rainer Rothfuß auf der Anti-Siko-Demo in München angesichts des offenkundigen Militarismus Lucassens gar als “heuchlerisch”.

Rothfuß distanzierte sich zwar auf der Münchner Demo von Lucassens Bestrebungen nach einer militärischen Führungsrolle Deutschlands in Europa bei der Verteidigung der NATO-Ostflanke. In seiner Rede kündigte er an, er werde mit Lucassen “ein ernstes Wort sprechen”. Er sei geschockt gewesen, als sein Parteikollege in den Medien “losgaloppiert” sei. Der verteidigungspolitische Sprecher der AfD vertrete mit seinen Aufrüstungsplänen nicht den Mainstream der Partei. Parteilinie sei es vielmehr, die Belastungen für die Bürger verringern zu wollen und nicht “ins Blaue hinein” aufzurüsten. Ansonsten waren die Gegenreaktionen innerhalb der AfD jedoch verhalten. Lediglich vom AfD-Bundestagsabgeordneten und Höcke-Vertrauten Torben Braga und vom Abgeordneten im EU-Parlament Petr Bystron kam auf X offener Widerspruch zu Lucassens Thesen.

Im Übrigen beschränkte sich die innerparteiliche Kritik auf die wenig kameradschaftlichen öffentlichen Attacken Lucassens gegen den thüringischen Parteikollegen. Lucassens Engagement für seine “Kaste” mag außergewöhnlich sein, letztlich unterstützt jedoch eine Mehrheit der AfD-Politiker die Aufrüstung der Bundeswehr. In diesem Punkt ist man sich durchaus mit Lucassen einig. Kritik gibt es allenfalls aus dem parteinahen Umfeld, so von Jürgen Elsässer, Siegfried Daebritz oder Aron Pielka.

Den Wünschen der Wählerbasis entspricht der Laisser-faire-Kurs der Parteispitze gegenüber Lucassen nur bedingt. Zwar stimmte eine Mehrheit der Befragten bei einer parteiinternen Umfrage für die Wiedereinführung der Wehrpflicht, und auch AfD-Wähler sprechen sich regelmäßig in Umfragen dafür aus. Russland wird dabei jedoch nicht als potenzieller Gegner betrachtet, im Gegensatz zu der offenbar von Lucassen vertretenen Auffassung. Auch die höheren Militärausgaben der Bundesregierung lehnen sie mehrheitlich ab. 74 Prozent der AfD-Anhänger rechnen einer Umfrage zufolge nicht damit, dass russisches Militär die baltischen Staaten oder einen östlichen NATO-Partner wie Polen angreifen könnte. Einer anderen Befragung zufolge glauben sogar nur 12 Prozent der AfD-Wähler an einen möglichen Angriff Russlands.

Dafür teilen selbst die AfD-Wähler mehrheitlich die Skepsis der übrigen Deutschen gegenüber US-Präsident Trump, wenn auch in etwas geringerem Ausmaße. Immerhin 51 Prozent von ihnen halten die USA unter Donald Trump nicht mehr für einen verlässlichen Partner, sondern für einen Gegner. Bei der Gesamtbevölkerung sind es 70 Prozent. Zu dieser skeptischen Haltung der eigenen Anhängerschaft passen die Lobeshymnen des AfD-Spitpersonals, sobald sie auf US-Regierungsvertreter treffen, nur schlecht.

Offenbar hört die Führungsriege der AfD lieber auf Stimmen wie die von Alexander Grau, der die AfD-Friedenstauben im Magazin “Cicero” als “Wohlstandsspießer im Gewand des Patrioten” niedermachte. Björn Höckes Wunsch nach einer außenpolitischen Neuorientierung und seine Verweigerungshaltung bei einer Wehrpflicht für die real existierende BRD seien “kindisch” und “sentimentale Träumereien” eines Nationalromantikers.

Grau geißelt das AfD-Milieu, das zu einem Drittel die Wehrpflicht ablehne, als “bequem, feige und egoistisch”. Man sei “fett und träge, kleinmütig und spießig”. Graus Fazit: “Ein Land, das solche Patrioten hat, braucht keine Vaterlandsverräter mehr”. In den Alleingängen Lucassens sieht er allerdings ein Hoffnungszeichen: Lucassens Auftreten auf der Sicherheitskonferenz gehe in die richtige Richtung. Offenbar habe man in der Führungsriege um Alice Weidel das Problem erkannt. Dem Publizisten Grau zufolge hat also der AfD-Verteidigungspolitiker zumindest den Segen Weidels.

Lucassens erklärtes Ziel ist eine Koalition mit der Union. Diese wird nur möglich, wenn er die Partei an die Außen- und Sicherheitspolitik der Union angleicht. Wie es sein Partei- und Fraktionskollege Rainer Kraft auf X formulierte: “Der Weg ins Kanzleramt führt nicht über den Russenstuss”. Für dieses Ziel ist Lucassen bereit, sich mit Parteikollegen anzulegen und die Verbindungen nach Russland zu kappen. Das Risiko einer weiteren Konfrontation mit Russland durch die Militarisierung Deutschlands nimmt er für einen Platz in der Regierung offenbar in Kauf.

Und wie könnte die Reaktion der Siegermacht des Zweiten Weltkriegs, Russland, auf die politischen Karrieren militaristischer Akteure wie Lucassen aussehen, ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit? In Russland wird die Situation klar registriert: Nach dem letzten Vernichtungskrieg des deutschen Dritten Reichs und seiner europäischen Helfer hat Russland es mit dem heutigen Deutschland mit einem zunehmend aggressiven Wiederholungstäter zu tun.

Es sei daran erinnert, dass ausgerechnet Lucassen am 20. Mai 2025 mit einem Tabubruch für Aufsehen sorgte. In höchst pathetischem Ton würdigte er seinen Vater Hans Lucassen, einen Fallschirmjäger der Wehrmacht, für dessen Teilnahme am Unternehmen Merkur, der deutschen Luftlandeoperation auf Kreta, und später an der Ostfront.

Dabei bediente er sich eines verfälschten Churchill-Zitats, in dem dieser angeblich deutsche Fallschirmjäger für ihre soldatischen Leistungen lobte. Lucassen verlor jedoch kein Wort über die Massaker an Zivilisten, die die Fallschirmjäger bei der Eroberung Kretas verübten.

Überhaupt kein Wort über den verbrecherischen Angriffskrieg Nazi-Deutschlands! Stattdessen Kameradschaft, Soldatentum, dessen Schicksale “zu Tränen rühren”. Diesen Skandal überstand Lucassen unbeschadet; heute erinnert sich weder der deutsche Mainstream noch die AfD an seine für einen Bundespolitiker beispiellose Glorifizierung der Wehrmacht. Folglich verkörpert der Hubschrauberpilot Lucassen, der von einer militärischen Führungsrolle Deutschlands träumt, wie kein anderer die Kontinuität zwischen Wehrmacht und Bundeswehr.

In Russland ist es inzwischen gleichgültig, wer zu welcher deutschen Partei gehört, denn alle machen das Gleiche. Dass der Verteidigungsminister, der mit schelmischem Grinsen zusammen mit dem neonazistischen Warlord Selenskij deutsch-ukrainische Killer-Drohnen vorstellt, ein SPD-Mitgliedsbuch hat, dass Merz, der von der Ausblutung (!) Russlands träumt, zur CDU gehört, und Lucassen, der die “Heldentaten” seines für die Nazis kämpfenden Vaters in die Welt hinausposaunt, zur AfD, spielt keine Rolle mehr. Es handelt sich nur noch um eine aggressiv kläffende, in ihrem Größenwahn verpuppte einheitliche politische Klasse, mehr nicht.

Nunmehr wird Deutschland als russophob-revisionistische und ambitionierte militärische Kraft wahrgenommen. Russlands Aussöhnungsangebote und die sowjetische Hilfe bei der Wiedervereinigung gelten als verhängnisvolle historische Fehler. Dieser Wandel in der Wahrnehmung Deutschlands vollzieht sich auch dank Rüdiger Lucassen. Seine Karriere bei der AfD und in der Bundespolitik wird zur Messlatte und zum Indikator dafür, ob Deutschland noch aus eigener Kraft aus dieser höchstgefährlichen Eskalationsspirale aussteigen kann.

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