Achtung, Deutschland! Russlands Botschafter warnt vor katastrophalen Folgen
Von Wladislaw Sankin
Am vergangenen Sonntag fand im Berliner Sprechsaal eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Frieden durch Dialog” statt. Der russische Botschafter Sergei Jurjewitsch Netschajew stellte sich dort den Fragen der BSW-Politikerin und Publizistin Sevim Dağdelen. Die Veranstaltung drehte sich um den Tag des Sieges, die Erinnerungskultur, Gedenkpolitik sowie um die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen und den Frieden.
Es war nur folgerichtig, die Gedenkproblematik zum zentralen Thema zu machen. In den drei Tagen vor der Matinee mit Dağdelen hatte der Botschafter nämlich sechs öffentliche Termine zum Tag des Sieges über den Hitler-Faschismus wahrgenommen. Dazu gehörten Kranzniederlegungen, eine Umbettung, die Teilnahme am „Unsterblichen Regiment” sowie eine Grundsatzrede beim Empfang in der russischen Botschaft.
Parallel dazu hat Kiew in den vergangenen Tagen seine Bemühungen verstärkt, die deutsche Gedenkkultur zu „ukrainisieren” – unterstützt durch den Bundestag und Berliner Behörden. Höhepunkt dieser Kampagne war das öffentliche Versprechen von Dr. Christian Rauhut, dem Leiter des Berliner Landesamtes, sowjetische Ehrenmale mit performativen Mitteln umzuwidmen. Er würdigte diese „Umschreibung der Geschichte” sogar als notwendig und wünschenswert.
Sevim Dağdelen zählt zu den wenigen verbliebenen Persönlichkeiten der öffentlichen Politik, die diese Politisierung des Gedenkens zugunsten einer politischen Agenda scharf verurteilen. Sie weist unermüdlich auf die enormen Verluste der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg hin und würdigt die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Trotz starken Gegenwinds tritt sie konsequent für Dialog und gegen die Ausgrenzung Russlands ein. Ähnliches ließ sich auch über das Publikum im völlig überfüllten Sprechsaal sagen. Als die schwarze Limousine vorfuhr und Sergei Netschajew ausstieg, gab es spontanen Applaus. Das Interesse war so groß, dass die Veranstalter mehr als hundert Anmeldungen absagen mussten.
Gleich zu Beginn bezeichnete Sergei Netschajew den Sieg über den Rassismus Nazi-Deutschlands als riesige Heldentat des multinationalen und multikonfessionellen sowjetischen Volkes. Der Preis dafür sei mit 27 Millionen Menschenleben enorm und absolut einmalig in der Geschichte gewesen. „Wobei: Auf diesem Wege haben wir nicht nur unser Territorium, die Sowjetunion, vom Nazismus befreit, sondern mehrere Staaten Europas, wo der Nazismus Fuß gefasst hat und diese Länder eigentlich zu den Alliierten des Nazi-Deutschlands gemacht hat.”
Er wies darauf hin, dass das Thema Genozid für Deutschland nicht neu sei, und verwies auf die Anerkennung der Hungersnot in der Sowjetukraine Anfang der 1930er-Jahre als Genozid durch den Bundestag – ein Schritt, den er als völlig ungerechtfertigt bezeichnete. Auch deutsche Kolonialverbrechen in Afrika seien inzwischen als Genozid anerkannt worden, merkte er an. Sevim Dağdelen erinnerte an die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern und die Rolle des Kaiserreichs als Verbündeter der Türkei bei diesem Verbrechen. Die Anerkennung sei ein zäher und schwieriger Prozess.
Insgesamt herrschte zwischen der BSW-Politikerin, dem Botschafter und dem Publikum im überfüllten Sprechsaal bei den Erinnerungsfragen geringe Uneinigkeit. Botschafter Netschajew ließ durchblicken, dass Russland genug Geduld und Beharrlichkeit habe, um die notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Gerechtigkeit müsse wiederhergestellt werden, betonte er. Versuche „mancher Bundespolitiker”, historische Fakten über die Rolle der Sowjetarmee bei der Befreiung Europas vom Nazismus zu leugnen, bezeichnete er als sehr enttäuschend.
Als Diplomat scheut Sergei Netschajew davor zurück, Politiker seines Gastlandes namentlich zu kritisieren. Gemeint haben könnte er jedoch keinen Geringeren als Bundeskanzler Friedrich Merz, der in seinem Statement am 8. Mai die Rolle der Sowjetunion mit keinem Wort erwähnte. Damit folgt er offenbar der neuen Sprachregelung der Bundesregierung, wonach dieses Land im positiven Kontext nicht mehr erwähnt werden darf.
Solche Tendenzen nannte Netschajew eine „Verfälschung der Geschichte” und sagte, man sei „kategorisch dagegen”. Es sei inakzeptabel, „die Lehren des Krieges im Sinne der heutigen politischen Konjunktur umzudeuten”. Die Verbote russischer, weißrussischer und sowjetischer Symbole an den Feiertagen am 8. und 9. Mai in Berlin bezeichnete er als „kontraproduktiv” und schlicht „bedrückend”. Dağdelen ergänzte, ein Kollege sei gestern im Treptower Park von der Polizei aufgefordert worden, ein weiß-blau gestreiftes T-Shirt auszuziehen, weil es zu sehr an die russische Marine erinnere. Er habe daraufhin oberkörperfrei bleiben müssen. „Ich dachte, wir sind in Absurdistan.”
Bei der abschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum durfte der Autor dieser Zeilen eine Frage nach konkreten Handlungsoptionen gegen die geplante Umwidmung der sowjetischen Ehrenmale stellen. Gemeint war ein inoffizielles Versprechen der Berliner Denkmalbehörde, die Ehrenmale künftig mittels Performances umzudenken, vorgetragen von deren Leiter in einer propagandistisch aufgeladenen Aktion vor Ort – unsere Redaktion berichtete.
In seiner Antwort wies der Botschafter auf die Militarisierung Deutschlands hin, die mit der vermeintlichen russischen Bedrohung begründet werden müsse. „Wie kann man Befreier als einen Feind interpretieren?”, fragte er. „Da klappt was nicht in diesem Puzzle.” Da müsse man etwas umdenken, und das beginne mit der Geschichte. Er stellte noch einmal klar, dass Russland kategorisch gegen „die unobjektive Auslegung der Geschichte” sei. Egal, welche politische Konjunktur diese Fälschungen initiiere, fördere und voranbringe – er hoffe sehr, dass das keine weitere Entwicklung bekomme. Er hoffe, dass