Die Akte Rose: Journalisten rollen mutmaßlichen Mord in deutschem Polizeirevier neu auf
Seit über 26 Jahren tappt Iris Rose im Dunkeln. Die Mörder ihres Ehemannes wurden, vermutlich beabsichtigterweise, nie gefasst. Der damals 36-jährige Maschinenbauingenieur Hans-Jürgen Rose starb am 8. Dezember 1997 an schweren inneren Verletzungen, die durch brutale Misshandlungen – unmittelbar nach seinem Aufenthalt im Polizeirevier Dessau, Sachsen-Anhalt – verursacht wurden.
Die Ermittlungen zu Roses Todesumständen hat die Dessauer Staatsanwaltschaft längst endgültig eingestellt. Doch ein “Recherchezentrum” hat den Fall wieder aufgerollt, Teile der Ermittlungsakten geleakt und Anzeige gegen Polizeibeamte beim Generalbundesanwalt erstattet. Der darin geäußerte Verdacht: Womöglich deckt der Staat einen brutalen Mord durch Polizisten, der sich in einen Komplex ähnlicher mutmaßlicher Verbrechen im selben Revier einreiht. Nicht nur manipulierte Akten sprächen dafür.
Manipulierte Akten
Der Journalist Luke Harrow begründete die eingeleiteten Schritte auf einer Pressekonferenz des Rechercheteams Ende März mit einem “gründlichen Aktenstudium”, Interviews mit den Hinterbliebenen und einer involvierten Rechtsmedizinerin sowie mit einem selbst beauftragten Gutachten. Letzteres soll belegen, dass die inzwischen teilweise auf der Internetplattform “Frag den Staat” veröffentlichten Akten nachträglich manipuliert worden sind.
Der renommierte britische Schriftforensiker John Richard Welch hat demnach die umfangreichen Dokumente zum Fall Rose gründlich begutachtet, erläuterte Harrow. Welch habe viele nachträgliche Manipulationen gefunden, die aufgrund damals noch fehlender technischer Möglichkeiten gut erkennbar seien.
Witwe wurde “belogen und verdächtigt”
Sie sei “froh, nach so vielen Jahren hier sitzen zu dürfen”, berichtete die Witwe des Opfers, Iris Rose, auf der Konferenz. Viele Jahre lang sei sie als Angehörige des Getöteten “belogen und sogar selbst verdächtigt” worden. Sie habe zudem kaum Informationen zu den Ermittlungen erhalten, “die Anträge wurden immer abgelehnt”, erinnerte sie sich und fügte an: “Die Täter leben ja noch und sie zeigen keine Reue.”
Es gelang den Journalisten zudem, die damals für den Fall zuständige Gerichtsmedizinerin Uta Romanowski zu interviewen. In ihrem Obduktionsbericht hatte sie damals geschrieben, man habe “zahlreiche schwere stumpfe Gewalteinwirkungen, insbesondere auf den Rücken, das Gesäß und die unteren Gliedmaßen” festgestellt, die noch zu Lebzeiten des Opfers erfolgt seien. Im mitgefilmten Gespräch bestätigte Romanowski ihre damalige Einschätzung. Sie frage sich, warum die Ermittler dieser offenkundig nicht weiter nachgingen.
Anzeige wegen Mordverdachts
Im Ergebnis habe die dreijährige Recherche ihres Teams ergeben, ergänzte Sprecherin Nadine Saeed, “dass mindestens vier Polizeibeamte der damaligen Nachtschicht Hans-Jürgen Rose mit Tritten und Schlägen, vor allem mit Schlagstöcken, misshandelten und folterten und ihn dann, gegen 4.30 Uhr am 7. Dezember 1997, vor einem Wohnhaus etwa 200 Meter vom Polizeirevier entfernt im T-Shirt abgelegt haben, offenbar in der Absicht, das Opfer dort sterben zu lassen”.
Daher habe ihr Team zusammen mit den Hinterbliebenen und einem Rechtsanwalt am 28. März Strafanzeige gegen vier involvierte Beamte gestellt, in deren Obhut Hans-Jürgen Rose unmittelbar vor seinem Auffinden gewesen war, so Saeed weiter. Der Vorwurf darin laute: Verdacht des Mordes durch Staatsbedienstete – ein Verbrechen, das nicht verjährt.
Recherchen der Autorin
Bereits im Jahr 2018 hatte die Autorin dieses Beitrages eine eigene Recherche zum Fall Rose unter anderem veröffentlicht, die sich mit der Darstellung des Recherchezentrums weitgehend deckt.
Der Artikel von damals beschreibt den Hergang nach Aktenlage, die vielen Widersprüche darin und die massiven Verletzungen des Opfers, die bei der Obduktion festgestellt wurden, darunter gerissene Organe sowie Rippen- und Wirbelbrüche. Dies führte zu schweren inneren Blutungen, einer Querschnittslähmung und schließlich zum Versterben von Rose im Krankenhaus am Tag nach seinem Auffinden.
Zwei weitere ungeklärte Todesfälle
Der Fall Rose kam im Zuge der Ermittlungen zum Feuertod des Flüchtlings Oury Jalloh an die Öffentlichkeit. Jalloh verbrannte im Januar 2005 im gleichen Polizeirevier bis zur Unkenntlichkeit. Von der Staatsanwaltschaft