Seit seiner Promotion hat sich Timo Lochocki intensiv mit der Eindämmung rechtspopulistischer Strömungen befasst. Der Politikwissenschaftler ist bestens vernetzt: Er war oder ist Mitglied bei renommierten Institutionen wie dem German Marshall Fund of the United States, der Stiftung Mercator, der Atlantik-Brücke, den Open Society Foundations und dem European Council of Foreign Relations. Diese Kontakte ebneten ihm den Weg für eine steile Karriere. Obwohl ihm Fachkenntnisse im Gesundheitswesen fehlten, holte ihn der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) 2019 in die Leitungsabteilung seines Ministeriums. Lochocki sollte dort helfen, das Vertrauen der Bevölkerung in geplante langfristige Sozialreformen zu stärken.
Während der Corona-Pandemie leitete Lochocki das Referat “Strategische Planung” im Bundesgesundheitsministerium und war maßgeblich an der Entwicklung der Corona-Politik beteiligt. Seit Anfang 2026 lehrt der 40-Jährige als Professor an der privaten Quadriga Hochschule in Berlin. Parallel dazu führt er eine Beratungsfirma, die unter anderem die Bundesregierung berät.
Lochocki ist also kein Unbekannter. Umso bemerkenswerter sind seine jüngsten Äußerungen. In einem Interview mit dem Sender n-tv sprach er sich für eine deutsche Einflusssphäre in Europa aus, die Deutschland notfalls auch durch Wahlbeeinflussung sichern solle. Sein Ziel: nicht nur die AfD in Deutschland zurückzudrängen, sondern den Rechtspopulismus in ganz Europa zu bekämpfen. Dafür brauche es eine “deutsche Monroe-Doktrin”.
Die Monroe-Doktrin stammt ursprünglich aus den USA des 19. Jahrhunderts und besagt, dass sich raumfremde Mächte nicht in die Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre einmischen sollen. In einer erweiterten Auslegung erklärten die USA die Karibik und Südamerika zu ihrer Einflusssphäre und beanspruchten das Recht auf Interventionen, etwa durch Putsche oder Militäreinsätze. Dieses Prinzip erlangte zuletzt durch Donald Trumps Vorgehen als sogenannte “Donroe-Doktrin” neue Aktualität.
Lochocki argumentiert, Deutschland brauche einen Ring von Verbündeten, die sich dem Einfluss Chinas, Russlands und der USA widersetzen. Es sei “überlebensnotwendig, dass unsere europäischen Partner auf die proeuropäische, prodemokratische und damit auf die deutsche Seite gezogen werden”.
Um dies zu erreichen, benötige Deutschland einerseits “Hard Power” wie wirtschaftliche Stärke und militärische Aufrüstung. Andererseits müsse Berlin aber auch Einfluss auf Wahlen in anderen Ländern nehmen. Lochocki betont, es gehe nicht um geheimdienstliche oder militärische Interventionen, sondern um die Schwächung “autoritärer Kräfte” in anderen europäischen Staaten.
Schon viel sei gewonnen, wenn die deutsche Politik in Wahlkampfzeiten auf polarisierende Debatten verzichte, die “von reaktionären Kräften in anderen Ländern missbraucht werden könnten”. So könne es ausreichen, “sich für ein halbes Jahr diskret mit dem Migrationsthema zurückzuhalten, wenn es eine wichtige Wahl in Osteuropa gibt”.
Dem Politik-Professor ist es dabei gleichgültig, ob Deutschland bei den europäischen Nachbarn Sympathien gewinnt. Aus seiner Sicht sei es “vollkommen egal, ob die anderen uns dann weniger mögen”. Der Grund dafür liegt für ihn auf der Hand: Russland.
“Wenn wir abwägen müssen, ob uns ein Staat weniger mag oder ob seine Regierung prorussisch ist, dann muss klar sein: Deutsche Interessen sind in diesen Jahren deckungsgleich mit demokratischen Interessen und auch deckungsgleich mit europäischen Interessen. Wir müssten akzeptieren, dass dann und wann jemand sagt: Das war aber nicht so nett. Deutschland verteidigt nun an vorderster Front Europa und die liberale Demokratie. Da ist ‘Gemocht-Werden-Wollen’ eindeutig keine relevante Denkkategorie mehr.”
Lochockis Forderung ist im Grunde nur eine Systematisierung von Tendenzen, die bereits in der deutschen Außenpolitik vorhanden sind. Besonders die deutschen parteinahen Stiftungen sind für ihre Einflussnahme auf die Politik ihrer Gastländer bekannt. In diesem Sinne wäre Lochockis deutsche Monroe-Doktrin als ein Sich-Ehrlich-Machen deutschen Machtstrebens zu verstehen.
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