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Stand 27. August 2026, 15:12 Uhr
Deutschland

Deutschlands gefährliche Wende: Wie der Gehorsam gegenüber Kapitalinteressen unsere Gesellschaft militarisiert

Lesezeit 4 Minuten aktualisiert 26. August 2026, 21:46 Uhr

Von Felicitas Rabe

Unter dem Titel „Rasende Zerstörung – Ursachen und Folgen der Kriegsvorbereitung“ veranstaltete die Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP) Ende März 2026 ihren Jahreskongress in Berlin. Felicitas Rabe sprach am Samstag mit dem Psychologieprofessor Klaus-Jürgen Bruder über die Konferenzthematik. Im Gespräch ging es darum, was unter dieser „rasenden Zerstörung“ zu verstehen sei, wie die deutsche Gesellschaft zu einer Akzeptanz der Militarisierung gebracht wurde und welche Konsequenzen dies für Gesellschaft und Individuum hat.

Ökonomischer Verfall als Vorbote

Der wirtschaftliche Niedergang in Deutschland habe laut Bruder lange vor dem Kriegsbeginn gegen Russland eingesetzt, nämlich mit der Abkopplung von der russischen Wirtschaft. Zudem sei seit Jahren ein Abbau der deutschen Industrie zu beobachten. Damit habe die Zerstörung der ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft begonnen.

Gegenüber der Bevölkerung sei die Ablehnung russischer Energielieferungen durch ideologische Indoktrination gerechtfertigt worden: Russland sei der Feind. Diese Feindbestimmung zerstöre nicht nur die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Russland, sondern untergrabe parallel auch die bürgerlichen Freiheiten im Inneren – die Möglichkeit, das eigene Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Die mit der Feinderklärung begründete Militarisierung führe zudem zu einer Deformation des Bewusstseins.

Das Erbe der 68er-Bewegung und ihr Scheitern

Wie konnte es nach den antiautoritären Emanzipationsbewegungen der späten 1960er Jahre dazu kommen, dass Menschen in Deutschland heute wieder autoritätshörig den Ideologien der Herrschenden folgen?

Die 68er-Bewegung habe sich laut Bruder um Selbstbefreiung aus dem „Adenauer’schen Muff“ und der obrigkeitsstaatlichen Gehorsamshaltung gedreht. Die herrschende Klasse sei von der rebellierenden studentischen Jugend und sympathisierenden Bevölkerungsteilen völlig überrascht worden. Selbstbewusst hätten die Studierenden ihre Diskurse in die Universitäten getragen und Seminare „umfunktioniert“.

An den Hochschulen sei intensiv über die Hintergründe des Vietnamkriegs, antikoloniale Befreiungsbewegungen und die Möglichkeit einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung diskutiert worden. Im Zentrum stand die Frage, wie Herrschaft und Ausbeutung abgeschafft werden könnten. Es seien Gegenuniversitäten gegründet, neue Zeitungen auf den Weg gebracht und studentische Beteiligung an Berufungsverfahren erkämpft worden. Vor allem aber habe die Bewegung eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus erzwungen.

Die Restauration der Autorität

Diesen Prozess der kulturellen Selbstbefreiung werde heute gründlich zerstört, so Bruder. Bereits relativ bald hätten die Herrschenden wieder Fuß gefasst und eine Gegenbewegung zur Restauration ihrer Macht eingeleitet. Mithilfe der Medien seien Kritiker des autoritären Staates als linksradikal und terroristisch diffamiert worden; Berufsverbote für kritische Lehrer und andere Berufsgruppen seien verhängt worden.

Unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt seien sogenannte Gesinnungsprüfungen für Beamtenanwärter eingeführt worden, um aufmüpfige Kräfte – etwa angehende Lehrer – zu brechen. Zugleich habe die Sozialdemokratie einige emanzipatorische Forderungen politisch umgesetzt. „Mit Zuckerbrot seien die Peitschenhiebe flankiert worden“, um auch Unbeugsame zu beeindrucken. Aktivisten seien mit dem Versprechen der Machtteilhabe geködert worden. So habe man Loyalität zu Staat und Regierung selbst in regierungskritischen Milieus wiederherstellen können.

Dass diese Strategie langfristig aufgegangen sei, zeige sich am folgsamen Verhalten großer Teile der außerparlamentarischen Linken während der Coronazeit. Als der damalige Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, forderte: „Nicht nachdenken, sondern machen!“, sei die überwiegende Mehrheit – auch aus dem antiautoritären linken Spektrum – bedenkenlos dem Corona-Regime gefolgt.

Corona als Testlauf für die Militarisierung

Die Corona-Inszenierung habe aus Bruders Sicht vor allem eine Funktion gehabt: Sie diente der herrschenden Klasse als Test, wie weit sich eine Gesellschaft dirigieren und autoritären Maßnahmen unterwerfen lasse. Dieser Test sei Teil einer umfassenden Strategie zur Militarisierung der Gesellschaft. Zur Militarisierung gehöre schließlich die Einführung und Durchsetzung kriegsvorbereitender Maßnahmen, denen die Gesellschaft zu folgen habe.

Genau um diese verschiedenen Aspekte von Militarisierung und Kriegsvorbereitung gehe es beim diesjährigen Kongress der NGfP. Die „rasende Zerstörung“ erfasse nicht nur Infrastruktur, Industrie und Wohlstand, sondern ziele auch auf das Bewusstsein der Menschen. Der Psychologieprofessor warnte:

„Diese Zerstörung des individuellen wie des kollektiven Bewusstseins ist dramatisch. Die Bürgerrechte werden im großen Stil abgeschafft. Dazu gehören nicht nur das politische Recht auf Teilhabe am demokratischen Geschehen und der Zugang zu der dazu nötigen Information. Dazu gehört alles, was das bürgerliche Leben im weitesten Sinn ausmacht: die Selbstbestimmung über die Wohnung, über die Berufstätigkeit und über die Art und Weise des individuellen Lebens.

Die Militarisierung verlangt von jedem Einzelnen totale Unterordnung, seine Individualität der Staatsräson zu opfern – für den Staat, seine Imperative und Vorgaben gibt sich der Einzelne als soziales, politisches, ja menschliches Wesen auf und wird nichts weiter als ‘variables Kapital’. Das politische Feld gehört nicht mehr dem frei über sich selbst bestimmenden Menschen, das heißt, das politische Feld ist abgeschafft. Das Ziel, die Perspektive dieser ‘Entpolitisierung’ ist der Faschismus.“

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