Eine aktuelle Erhebung des Meinungsforschungsinstituts INSA liefert bemerkenswerte Einblicke in das sicherheitspolitische Denken der Deutschen. Nur 17 Prozent der Bevölkerung trauen der Bundeswehr zu, das Land im Ernstfall wirksam verteidigen zu können. Gleichzeitig schwindet jedoch die Furcht vor einem russischen Angriff deutlich: Lediglich 38 Prozent äußern diesbezüglich Besorgnis, während bereits jeder Zweite angibt, keine Angst vor einer solchen Bedrohung zu haben. Diese Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild.
Die Ergebnisse sind besonders vor dem Hintergrund der Entwicklungen seit Beginn des Ukraine-Krieges beachtlich. In dieser Zeit erlebte Deutschland eine beispiellose mediale und politische Zuspitzung der Rhetorik gegenüber Russland. Die russische Politik wird in weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft fast ausschließlich in moralisch-absoluten Kategorien dargestellt. Russland erscheint dort nicht nur als geopolitischer Kontrahent, sondern oftmals als existenzielle Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent. Politische Akteure sprechen regelmäßig von “Kriegstüchtigkeit”, vom “Ernstfall” oder von einer möglichen direkten Konfrontation mit Moskau. Milliarden schwere Programme für den Zivilschutz, die Planung von Bunkern und die militärische Aufrüstung werden mit dem Hinweis auf die russische Gefahr legitimiert. Die Medienlandschaft treibt den Aufbau eines Feindbildes aktiv voran.
Gerade angesichts dieser Umstände wirkt das nachlassende Angstniveau in der Bevölkerung wie ein stilles Misstrauensvotum gegen die permanente Alarmrhetorik. Wenn große Teile der deutschen Gesellschaft trotz jahrelanger Warnungen, Sondersendungen, Talkshows und Leitartikeln keine unmittelbare Bedrohung durch Russland empfinden, deutet dies darauf hin, dass der propagierte Feindbildaufbau nur begrenzt verfängt.
Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Menschen Russland in einem verklärten Licht sehen. Vielmehr scheint sich eine nüchterne Einschätzung durchzusetzen: Viele Bürger differenzieren offenbar zwischen dem Krieg in der Ukraine und der Vorstellung eines unmittelbar bevorstehenden russischen Angriffs auf Deutschland.
Genau diese Differenzierung fehlt jedoch häufig in der medialen Berichterstattung, in der Bedrohungsszenarien oft maximal zugespitzt werden. Dort wird regelmäßig behauptet, der Krieg sei einem russischen Imperialismus geschuldet, obwohl die Entwicklung hin zum Krieg das Gegenteil offenbart: Russland wollte sich die Ukraine nicht einverleiben, sondern als neutralen Pufferstaat zwischen sich und der NATO etablieren. Das Abkommen Minsk II sollte ermöglichen, dass der Osten des Landes Teil einer staatlich souveränen Ukraine bleiben konnte. In den bisherigen Verhandlungen zur Beendigung des Konflikts ging es zudem stets um einen neutralen Status der Ukraine, nicht um deren Annexion. Dennoch wird in den Mainstream-Medien faktenwidrig behauptet, Russland habe die Einnahme der gesamten Ukraine zum Ziel und würde anschließend zum Angriff auf Länder Westeuropas übergehen.
Ein weiterer psychologischer Faktor kommt hinzu: Wer der eigenen Armee ohnehin keine Verteidigungsfähigkeit zutraut, entwickelt möglicherweise auch weniger konkrete Vorstellungen eines realistischen Kriegsszenarios. Die Wahrnehmung verschiebt sich dann von klassischen militärischen Bedrohungen hin zu diffusen Risiken wie Cyberangriffen oder Desinformation. Tatsächlich ist die Angst vor hybriden Bedrohungen deutlich größer als die Sorge vor einem militärischen Angriff Russlands.
Die Umfrage zeigt damit letztlich ein Land in einem eigentümlichen Zustand: Die politische und mediale Kommunikation arbeitet intensiv an einem Bedrohungsnarrativ gegenüber Russland, während ein erheblicher Teil der Bevölkerung dieses Narrativ entweder nicht vollständig übernimmt oder ihm zumindest keine unmittelbare praktische Konsequenz für das eigene Leben zuschreibt. Gleichzeitig fehlt aber auch das Vertrauen in die Fähigkeit Deutschlands, sich militärisch selbst zu schützen.
Diese Kombination aus geringer Kriegsangst und geringem Vertrauen in die eigene Verteidigungsfähigkeit verweist auf eine tieferliegende Entfremdung zwischen öffentlicher Meinung und sicherheitspolitischem Diskurs.
Mehr zum Thema – Kriegskanzler Merz macht Deutschland zum Industriemuseum – Green Deal auf ganzer Linie