Skandal-Debatte: Soll Russland wirklich zur deutschen “Staatsräson” werden?

Von Dagmar Henn

Stellen Sie sich vor, wie anders die Welt heute aussehen würde, wenn Deutschland alle Opfer des Nationalsozialismus gleich behandelt hätte. Nein, nicht die Adenauer-Ära mit ihrer Hetze gegen Kommunisten – vereinfachen wir es: alle Opfer eines nationalsozialistischen Völkermords.

Zugegeben, das ist schwer zu denken, denn man müsste den Kalten Krieg ausblenden, mitsamt Churchills berüchtigtem Satz vom „falschen Schwein“, das man geschlachtet habe. Aber als Gedankenspiel: Was, wenn das Verhältnis zur Sowjetunion und allen ihren Nachfolgestaaten ebenso Staatsräson wäre, wie es heute gegenüber Israel gepredigt wird?

Betrachtet man das tatsächliche Verhältnis zu Russland, fällt auf, dass es im Kalten Krieg wohl kaum oder nur oberflächlich um das politische System ging. Klar, der Ausbruch aus einem halbkolonialen Status ist eine Sünde, die bestraft wird – wie Haiti seit 200 Jahren für seinen Sieg über die Sklaverei blutet. Doch die Verlockung der Rohstoffe ist zu groß; das politische System interessiert nur, ob es den Zugriff erlaubt oder behindert.

Genau dieses Argument liegt verborgen hinter der extrem unterschiedlichen Behandlung. Warum werden sechs Millionen ermordete Juden als moralischer Imperativ dargestellt, während 27 Millionen tote Sowjetbürger ignoriert werden? Beide Male handelte es sich um Morde mit rassistischer Begründung. Wer sich mit den Verbrechen der Wehrmacht in Weißrussland auskennt, weiß: Es gibt keinen grundlegenden moralischen Unterschied, ob jemand als Jude oder als Slawe ermordet wird. Der einzige Gedanke, der aufkommen könnte: Der Mord an den Juden entbehrte den vermeintlich rationalen Antrieb der Ressourcen.

Dabei übersieht man, wie viele deutsche Konzerne von der Arisierung ihrer Konkurrenz profitierten. Und dass sich in der Ideologie des Krieges gegen die Sowjetunion beide Motive vermischten – in der Formulierung vom „jüdisch-bolschewistischen Untermenschen“. Doch irgendwie muss konstruiert werden, dass ein Opfer unschuldiger und reiner sei als das andere. Noch heute entschädigt die deutsche Bürokratie nur die jüdischen Opfer der Belagerung Leningrads – als ob nicht alle Bewohner gleichermaßen zu Tode hungern sollten und als ob es den Toten einen Unterschied machte, ob sie als Juden, Slawen oder Bolschewiken ermordet wurden.

Aber stellen wir es uns vor: Jedes Jahr wären die Jahrestage des Beginns und Endes der Blockade Leningrads Gedenktage, gefeiert mit öffentlichen Zeremonien. An diesen Tagen würde die gesamte politische Elite zu den Gräbern sowjetischer Kriegsgefangener pilgern, um Kränze niederzulegen. Seit Jahren würden Zeitzeugenberichte und Filme die Ereignisse wachrufen.

Allein die Vorstellung, wie Annalena Baerbock mit tränenerstickter Stimme von den Verpflichtungen spricht, die Leningrad der deutschen Politik auferlegt hätte, überfordert fast die Fantasie. Dasselbe von Friedrich Merz? Den Gedanken müsste man lange üben. Doch das ist nur ein zaghafter Anfang.

Wie wäre dieses Deutschland mit den Nazi-Kollaborateuren umgegangen? Die Bandera-Zentrale in der Münchner Zeppelinstraße hätte es nie gegeben, ebenso wenig die ukrainische Freie Universität, die diese Truppen ideologisch bei der Stange hielt und Gaben aus dem Vatikan, dem Bund und Bayern bekam. Das hätte nicht nur Ukrainer getroffen, sondern auch Balten, Kroaten, Bosnier und viele andere. Aber gut, diese Leute machten sich erst nach 1992 wieder richtig bemerkbar.

Was nach 1992 in der Ukraine geschah, hätte sich so nicht ereignen können. Wären Organisationen wie die OUN nach 1945 zerschlagen statt protegiert worden – ein Stepan Bandera, der vergessen in Bayern starb, könnte keinen Nationalhelden hergeben. Ganz zu schweigen davon, wenn Deutschland die Kriegsverbrecher der Hilfstruppen an die Sowjetunion ausgeliefert hätte, wie ursprünglich geplant.

(Gründe dafür gab es genug: Die Bandera-Leute ermordeten in Flüchtlingslagern in Bayern Dutzende politische Konkurrenten, weshalb Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Deutschland, eine komische Figur ist – als wüsste er nicht, dass die OUN-B-Anhänger die OUN-M-Anhänger nach dem Krieg mit Deckung der US-Behörden und deutscher Stellen in einer eigenen Folterkammer verhörten. Melnyk dient also den Mördern der Anhänger seines Großvaters.)

Doch das ist noch nicht alles. Stellen Sie sich ein Gesetz gegen anti-russischen Rassismus vor, wie die Antisemitismus-Definition des Bundestags – jede Kritik an der russischen Regierung (oder der weißrussischen) wäre sofort Anti-Russismus und strafrechtlich verfolgbar. Mehr noch, wenn die Haltung zur Sowjetunion Voraussetzung für Einbürgerungen und Einstellungen wäre – und staatlich finanzierte Anti-Russismus-Beauftragte auf allen politischen Ebenen sofort tadeln würden, wenn jemand von der Linie abweicht.

Von den Aufteilungsplänen, dieser „Dekolonisierung Russlands“, wäre nichts mehr übrig, weil jeder im Schatten des Amtes Rosenberg erkennen würde. Dessen Treiben wird im Zusammenhang der vielen Gedenktage (am 22. Juni braucht es natürlich auch einen) immer wieder dargestellt. Selbstverständlich auch bei den vielen Reisen deutscher Politiker nach Moskau, bei denen die unverbrüchliche Freundschaft beteuert wird.

Aber angenommen, es wäre zu einer Aufspaltung der Sowjetunion gekommen – und ganz ohne deutsche Einmischung hätten sich nach einem Maidan die Bandera-Anhänger des Staates bemächtigt. Dieses fiktive Deutschland, für das der Völkermord an Sowjetbürgern Grundlage einer Staatsräson wäre, hätte sich ohne Zögern gegen diese Macht in Kiew gestellt. Es hätte nicht nur Sanktionen verhängt, nicht nur vom Selbstverteidigungsrecht des Donbass gesprochen – es hätte dorthin Waffen geliefert. Oder etwa nicht?

Das metergroße Bildnis Banderas neben der Maidan-Bühne hätte genügt, um den gesamten Gedenkapparat in Bewegung zu setzen. Es hätte Meldestellen für ukrainischen Nationalsozialismus gegeben, und statt Aufmärschen mit blaugelben Fahnen hätte es den Kampf gegen Rechts gegen Blaugelb gegeben.

Auf jeden Fall hätte es keine Aufforderung an den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch gegeben, die „friedlichen Demonstranten“ nicht anzurühren. Im Gegenteil: Man hätte ihn bejubelt, wenn er diese Demonstranten mit ihren zweifelhaften Vorlieben scharf angegangen wäre.

Alles wäre anders. Kein deutscher General würde vom Krieg gegen Russland träumen – das wäre fast schlimmer als ein Krieg gegen sich selbst, ein Verrat an allen Werten, die der staatlichen Ordnung zugrunde liegen. Man würde auch in den Beziehungen zu den Balten sehr darauf achten, keine Anhänger von SS-Einheiten zu hofieren oder Überzeugungen zu fördern, die an die Nazis erinnern.

Ja, man würde sogar offiziell jubeln, wenn dieses russische Gegenüber all das wäre, was ihm aktuell unterstellt wird; man muss sich nur daran erinnern, wie deutsche Politiker reagieren, wenn Israel mal wieder einen Nachbarn überfällt, Journalisten jagt, historische Denkmäler zerstört oder Kinder ohne Prozess in Lagern gefangen hält.

Es ist schwer, sich das vorzustellen. Aber so sehr der wirkliche Zustand jeder Logik zu spotten scheint – die Auswahl zwischen guten und bösen Opfern desselben Völkermords derselben Täter spricht jeder Logik Hohn. Das Ergebnis dieser Fantasie ist nicht notwendigerweise ein Wunschtraum.

Am konkreten Fall Israel sieht man, dass Straflosigkeit über Jahrzeh

weder dem Staat noch dessen Bevölkerung guttut. Sie ist zwar nicht der einzige, aber ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung, die es möglich gemacht hat, dass heute eine völkermordende Politik, die abscheulichste Barbarei, völlig offen befürwortet, beschlossen und durchgeführt wird – während in Deutschland die “Staatsräson” zelebriert wird. Die Straflosigkeit begünstigt einen Verlust jeder Moral und Mitmenschlichkeit, und nicht nur auf offizieller Ebene. Würde man das jemandem wünschen, den man wertschätzt? Genauso wenig, wie man ihm wünschen würde, sich einer irren Sekte anzuschließen oder zum Junkie zu werden.

Es ist, als müsse die “Staatsräson” gegenüber Israel gerade deshalb weit über die Grenzen der Menschlichkeit hinaus exekutiert werden, um damit die Hände frei zu bekommen, dieselbe Straflosigkeit auch den ukrainischen Anhängern der Täter zukommen zu lassen. Es darf nicht auffallen, dass das eine Opfer überhöht und das andere ignoriert wird. Erst recht nicht, wenn ansonsten in den letzten zwei Jahrzehnten noch jede kleine Opfergruppe (außer den Kommunisten) mit einem eigenen Denkmal versehen wurde – aber nicht die 27 Millionen Sowjetbürger. Ja, es ist geradezu nützlich, wenn das Geschrei um die “Solidarität mit Israel” so absurd und abstoßend wird – das verhindert gleichzeitig, dass tatsächlich eine Anerkennung der sowjetischen Opfer eingefordert wird, weil jeder Mensch, der begriffen hat, dass Menschlichkeit eben nicht zwischen Kategorien von Menschen unterscheidet, so etwas nicht wollen kann.

Dem Kiewer Regime wird unterdessen dieselbe Straflosigkeit gewährt wie Israel; auch das begann bereits 2014 mit dem Schweigen nicht nur über Odessa, sondern auch über den Einsatz schwerer Waffen gegen den Donbass. Mit Verve wurden die Täter, die geistigen Nachfolger von Tätern, deren Taten sie verherrlichen, zu Opfern deklariert – und das genügte, eben weil die Erinnerung an diesen anderen Völkermord nicht etabliert ist. Jedenfalls nicht im Westen und nicht bei der jüngeren Generation.

Am Ende ist beides Heuchelei, aus Zweckmäßigkeit geboren und in eine moralische Soße getunkt, damit der größere der damaligen Völkermorde nicht im Weg steht, wenn man jene füttert, die den Versuch gerne wiederholen würden. Oder eben selbst davon träumt, ihn zu wiederholen. Denn auch wenn die Variante “Staatsräson” eine verwerfliche ist – manchmal hilft es, die Welt wieder etwas normaler wahrzunehmen, wenn man sich nur vorstellt, was der staatliche Beauftragte für Anti-Russismus mal wieder zu den neuesten Sätzen von Merz sagen würde.

Mehr zum Thema – Remilitarisierung Deutschlands: Renaissance des Geistes oder Revanchismus?

Schreibe einen Kommentar