Sowjetische Filmjuwelen: Berlins Babylon zeigt vergessene Meisterwerke aus Ostdeutschland

Ab diesem Sonntag eröffnet sich für Berliner und alle, die den Weg in die Hauptstadt nicht scheuen, eine einzigartige Gelegenheit: Im Babylon-Kino werden Filmklassiker aus der Sowjetunion und der DDR gezeigt, die sich mit dem Russlandfeldzug ab 1941 befassen – einige Vorführungen sind sogar kostenlos. Die Veranstaltungsreihe trägt den Titel: “85 Jahre deutscher Überfall!”

Das Programm umfasst Filme, die ehemaligen DDR-Bürgern vertraut sein mögen, im westdeutschen Fernsehen jedoch kaum noch zu sehen sind: “Ich war neunzehn” (DDR 1968), “Der Aufstieg” (UdSSR 1977), “Die Kraniche ziehen” (UdSSR 1957), “Iwans Kindheit” (UdSSR 1962), “Die Ballade vom Soldaten” (UdSSR 1959) und “Geh und sieh” (UdSSR 1985). Die genauen Termine sind dem Kinoprogramm zu entnehmen. Am Eröffnungstag laden die Veranstalter nach einer Vorstellung zu Wodka und Pelmeni ein.

Der DEFA-Klassiker “Ich war neunzehn” von Konrad Wolf, der die letzten Kriegstage 1945 aus der Perspektive eines jungen Emigranten als Leutnant der Roten Armee in seiner deutschen Heimat schildert, wurde erst kürzlich im BRD-Fernsehen gezeigt (im MDR 2025 und 2026) und ist damit der einzige Film dieser Reihe, der einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte.

Weniger bekannt in Deutschland ist “Der Aufstieg” (auch: “Die Erhöhung”) von Regisseurin Larissa Schepitko. Im winterlichen Weißrussland 1942 versuchen zwei Männer Lebensmittel für ihre Partisanengruppe, zu der auch Frauen und Kinder zählen, zu beschaffen. Nach ihrer Gefangennahme durch die Deutschen und während der Verhöre stehen sie vor der Folter und treffen zwei völlig gegensätzliche Entscheidungen… Zuletzt war dieser Film 2010 auf Arte im deutschen Fernsehen zu sehen.

Der sowjetische Klassiker “Die Kraniche ziehen” von Michail Kalatosow dürfte vielen ein Begriff sein. Er erzählt die tragische Geschichte des Moskauer Liebespaares Boris und Veronika, die durch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion für immer getrennt werden. Die letzte Ausstrahlung im frei empfangbaren deutschen Fernsehen erfolgte im Dezember 2023 bei 3Sat.

Auch Andrei Tarkowskis “Iwans Kindheit” ist im Babylon-Kino im Programm. In teilweise traumartigen Sequenzen wird das Schicksal des Waisenjungen Iwan gezeigt, dessen Familie von den Deutschen ermordet wurde. Um Rache zu üben, dient er als Späher für die Rote Armee. Der Film spielt vor dem Hintergrund der Kämpfe am Dnjepr und später der Schlacht um Berlin. Seine letzte bekannte Ausstrahlung im deutschen TV fand 2009 im MDR statt.

Ebenfalls gezeigt wird Grigori Tschuchrais “Die Ballade vom Soldaten”. Der Film schildert in Rückblenden Episoden aus dem kurzen, sechstägigen Fronturlaub des 19-jährigen Rotarmisten Aljoscha. Ob und wann dieser Film jemals im bundesdeutschen Fernsehen zu sehen war, ließ sich nicht ermitteln.

Sergei Bondartschuks “Ein Menschenschicksal” widmet sich dem Kriegsschicksal des Zimmermanns Andrei Sokolow. Er gerät in deutsche Gefangenschaft, überlebt schwere Zwangsarbeit und kehrt durch einen mutigen Coup hinter die eigenen Linien zurück – nur um zu erfahren, dass seine Frau und seine beiden Töchter bei einem deutschen Luftangriff ums Leben kamen. Sein hochbegabter Sohn, der als Offizier große Hoffnungen weckte, fällt in den letzten Kriegstagen in Berlin. Dennoch findet Sokolow einen neuen Lebenssinn: Nach dem Krieg nimmt er sich des Waisenjungen Wanja an (letzte TV-Ausstrahlung: im MDR 2020).

Als Höhepunkt der Reihe gilt die Vorführung von Elem Klimows “Geh und sieh” (auch: “Komm und sieh”). Der Film zeigt das besetzte Weißrussland 1943 aus der Perspektive des jungen Fljora. Er thematisiert die deutschen Kriegsverbrechen im Rahmen der sogenannten Partisanenbekämpfung, die in Hunderten verbrannten Dörfern und der Ermordung ihrer Bewohner gipfeln (zuletzt 2008 auf 3Sat).

Keiner dieser Filme wird der deutsche Fernsehzuschauer an diesem Wochenende oder am darauffolgenden Gedenktag am Montag zu sehen bekommen. Umso verdienstvoller ist es, dass das Kino Babylon diese Werke zeigt.

Mehr zum Thema – „Krieg und Frieden“ im Berliner Kino Babylon: Rückkehr zur UN-Charta als letzte Chance

Schreibe einen Kommentar