Nahostkrieg: Wie der Konflikt Deutschland und die Welt erschüttert

Von Sumitra Bhatti

Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten drohen, die Energieversorgung in Südasien zu untergraben. Indien, Pakistan, Bangladesch und andere Länder der Region sehen sich mit ersten Anzeichen einer möglichen Verknappung von Flüssiggas (LPG) konfrontiert, da der Konflikt die globalen Lieferketten für lebenswichtige Energieträger beeinträchtigt.

Die Sorge greift um sich, auch bei Prahalad Singh. Der 48-Jährige betreibt einen Straßenimbiss in Saket, einem Viertel von Neu-Delhi, und verfolgt auf seinem Handy besorgt die Nachrichten über Gasknappheit, die bereits Lebensmittelbetriebe in mehreren indischen Bundesstaaten trifft. Die Engpässe sind eine direkte Folge des andauernden Krieges gegen den Iran, der durch US-israelische Angriffe ausgelöst wurde. Dieser Konflikt erschüttert die globalen Energieversorgungsketten und sorgt für erhebliche Unsicherheit an den Öl- und Gasmärkten.

“Das wird uns alle treffen”, sagt Singh, der an seinem kleinen Stand chinesisches Essen verkauft und nun genau berechnet, wie lange sein Gasvorrat noch reicht. Die aktuelle Flasche, schätzt er, hält vielleicht noch drei Tage. “Ich mache mir schon Sorgen, ob ich rechtzeitig eine neue bekomme. Unsere Existenz steht auf dem Spiel”, sagt Singh.

In ganz Indien wächst die Unruhe unter Kantinen, Restaurants und Hotels, die für ihren Küchenbetrieb maßgeblich auf gewerbliche Flüssiggasflaschen angewiesen sind. Die Versorgungsprobleme haben die LPG-Preise bereits in die Höhe getrieben. Die Regierung reagierte kürzlich mit Preiserhöhungen: um etwa 60 indische Rupien (0,56 Euro) für Haushaltsgas und rund 115 Rupien (1,08 Euro) für gewerbliche Flaschen.

Die Auswirkungen sind konkret spürbar. Im südindischen Bundesstaat Telangana liegt frisch geschnittenes Gemüse in einem Restaurant namens Biryani House bereit, doch in der Küche herrscht Stille. Ein akuter Mangel an Gasflaschen hat den Besitzer gezwungen, den Betrieb tagsüber einzustellen. Normalerweise benötigt das Lokal zehn Flaschen pro Woche; geliefert wurden bislang nur zwei. “Zu Stoßzeiten ist es hier immer sehr voll, aber wir haben den Betrieb tagsüber eingestellt und werden abends nur noch kurz öffnen. Es ist Ramadan, und das wäre normalerweise eine Hochsaison. Wir sind sehr besorgt”, sagt Aleem Ahmad, der Besitzer. Straßenimbisse und andere Gastronomiebetriebe seien stark betroffen.

Für viele kleine Restaurants in der Region ist der Ramadan traditionell eine der umsatzstärksten Zeiten, da Familien und Berufstätige abends zum gemeinsamen Iftar-Essen ausgehen. Der anhaltende Gasmangel droht nun, dieses Geschäft in einer eigentlich lukrativen Phase zu gefährden.

Der Hotelverband von Bengaluru bestätigte in einer Stellungnahme, dass die Lieferungen gewerblicher Gasflaschen eingestellt wurden, was die Branche in eine äußerst schwierige Lage bringe. “Da Hotels als systemrelevante Einrichtung gelten, sind viele Menschen betroffen – darunter Senioren, Studierende und andere, die auf unsere Versorgung angewiesen sind. Die Ölkonzerne hatten zuvor zugesichert, dass die Gasversorgung 70 Tage lang nicht unterbrochen sein würde. Dieser plötzliche Stopp ist daher ein schwerer Schlag. Wir appellieren an die Zentralregierung, umgehend einzugreifen, die Gasversorgung wiederherzustellen und die Hotelbranche zu unterstützen”, so der Verband.

Berichte über Engpässe bei gewerblichem LPG mehren sich aus Großstädten wie Neu-Delhi, Mumbai, Punjab und Bengaluru. Zahlreiche Restaurants und Catering-Unternehmen berichten von zunehmend schwierigen Betriebsbedingungen.

Die Krise erreicht den Alltag

Auch für Privatpersonen wird die Situation spürbar. Am Rande der Hauptstadtregion Delhi sorgt sich Sandhya Pal, 45, um die Gasversorgung für ihre “Cloud Kitchen”, einen Lieferservice für hausgemachte Mahlzeiten an Büroangestellte und Studenten. “Ich habe auch meine Speisekarte umgestellt und biete seit einer Woche nur noch schnell zubereitete Gerichte an. Ich mache mir große Sorgen, wie lange die Versorgung reicht und dass der Service nicht unterbrochen wird”, sagt Pal. Sie fürchtet, ihre Kunden nicht mehr beliefern zu können. “Ich bete, dass der Krieg bald ein Ende nimmt. Er beeinträchtigt das Leben der Menschen.”

In mehreren indischen Städten herrscht Chaos, da Menschen aus Angst vor weiter steigenden Preisen Schlange stehen, um ihre Gasflaschen aufzufüllen. In Teilen von Uttar Pradesh berichten Anwohner, dass die Unsicherheit viele Haushalte dazu veranlasst hat, vorsorglich zusätzliche Flaschen zu kaufen. “Es herrscht große Unsicherheit. Wir befürchten, dass die Preise weiter steigen könnten”, sagt Pawan Kumar, ein Textilverkäufer, der stundenlang anstand, um eine Haushaltsgasflasche zu ergattern.

Die globale Energiekrise schlägt sich auch in den Kraftstoffpreisen nieder. Beobachter sehen darin eine Spiegelung des allgemeinen Anstiegs der globalen Energiepreise und der anhaltenden Unsicherheit über die Versorgung aus dem unter Druck stehenden Nahen Osten. “Die höheren Kosten für Brennstoffe und Kochgas könnten schon bald zu teureren Restaurantbesuchen, Streetfood, Catering und Transportkosten führen und nach und nach auch die Preise für verpackte Lebensmittel, Gemüse und Lieferdienste in die Höhe treiben, da die Unternehmen die gestiegenen Kosten weitergeben. Die Erhöhung wird die Haushaltsbudgets belasten. Wenn die Gaspreise weiter steigen, werden auch die Lebensmittelpreise unweigerlich steigen”, sagt Aftab Ahmad, 33, Restaurantbesitzer in Neu-Delhi.

Regierung versucht zu beruhigen

Die indische Regierung hat versucht, die öffentliche Besorgnis zu dämpfen und versichert, über ausreichende Vorräte zu verfügen. Das Ministerium für Erdöl und Erdgas erklärte, es habe Maßnahmen ergriffen, um die Versorgung zu stabilisieren und lebensnotwendige Güter zu priorisieren. Dazu gehöre die Anweisung an Raffinerien, die LPG-Produktion angesichts der Lieferkettenstörungen zu erhöhen. Zudem werde die Produktion von Haushaltsgas hochgefahren, um eine ununterbrochene Versorgung der Privathaushalte sicherzustellen.

Das Ministerium betonte, die Versorgung der Haushalte habe Priorität. Um Hamsterkäufe und Schwarzmarktgeschäfte zu verhindern, wurde ein Mindestabstand von 25 Tagen zwischen Bestellungen eingeführt. Importiertes gewerbliches LPG werde zunächst an kritische Sektoren wie Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen geliefert. Für andere gewerbliche Nutzer wie Restaurants, Hotels und Industrie wurde ein dreiköpfiges Komitee aus Geschäftsführern der Ölkonzerne eingerichtet, das über Lieferanträge entscheidet.

Am Dienstag berief sich die Regierung zudem auf das Gesetz über lebensnotwendige Güter (Essential Commodities Act). Dieses erlaubt den Behörden, Produktion, Angebot und Preise wichtiger Güter zu regulieren, um spekulative Praktiken in Krisenzeiten zu unterbinden. “Wenn es im Nahen Osten zu einem Krieg kommt, betrifft das natürlich auch Länder, die Flüssiggas und Erdölprodukte importieren. Momentan verfügen wir über ausreichende Vorräte, wie uns der Erdölminister und der Außenminister im Parlament versichert haben”, sagte Ashok Chavan, ein Abgeordneter der regierenden BJP. “Ich gehe daher davon aus, dass sich die Lage in den nächsten zwei bis drei Monaten kaum verändern wird. Wir erwarten außerdem, dass sich die Kriegssituation durch die Friedensbemden wird.”

Dominoeffekt in Südasien

Die Befürchtungen vor einer Energiekrise im Globalen Süden nehmen täglich zu, da die Versorgung über die strategisch entscheidende Straße von Hormus zunehmend gefährdet ist. Diese schmale Meerenge ist einer der wichtigsten Energiekorridore der Welt und wird von mehreren Golfstaaten für den Transport von Öl und Flüssiggas nach Asien genutzt. Jede Unterbrechung hat daher unmittelbare Auswirkungen auf energieimportabhängige Volkswirtschaften.

Indien gehört mit einem Verbrauch von über 33 Millionen Tonnen LPG pro Jahr zu den weltweit größten Abnehmern. Ein Großteil wird importiert, was das Land anfällig für globale Versorgungsengpässe und geopolitische Instabilität macht. Analysten warnen, dass die Störungen auf den Schifffahrtsrouten eine Kettenreaktion in der Region auslösen könnten, die auch Bangladesch, Pakistan und Sri Lanka trifft – Länder, die in hohem Maße von Energieimporten abhängig sind.

In Bangladesch haben die Behörden diese Woche drastische Notfallmaßnahmen ergriffen. Sie ordneten die vorübergehende Schließung von Universitäten und Hochschulen an, um den Stromverbrauch zu senken. Mehrere staatliche Düngemittelwerke mussten ihren Betrieb aufgrund von Gasmangel einstellen. Die Regierung verlängerte zudem die Feiertage zum Eid al-Fitr, um in der schweren Energiekrise Strom und Treibstoff zu sparen. Diese Maßnahme soll das Stromnetz entlasten und den Kraftstoffverbrauch im Transportsektor reduzieren.

“Der Iran-Israel-Krieg hat in Bangladesch eine Energiekrise ausgelöst. Infolgedessen sind Probleme im öffentlichen Nahverkehr und eine Öl- und Gaskrise entstanden”, sagte Monirul Islam, ein Einwohner von Dhaka, gegenüber RT. Neben der Schließung der Bildungseinrichtungen wurden öffentliche und private Büros angewiesen, den Stromverbrauch zu halbieren, unter anderem durch die Reduzierung von Beleuchtung und Klimaanlagen. “Wir hoffen, dass dieser Krieg bald endet und wir diese Krise überwinden können”, sagte eine andere Anwohnerin, Sanjida Akter.

In Sri Lanka, das sich noch immer von der verheerenden Wirtschaftskrise 2022 erholt, hat die Regierung die Treibstoffrationierung wieder eingeführt und sogenannte “Energiespartage” für Regierungsbehörden angeordnet.

In Pakistan verschärfen die kriegsbedingten Unterbrechungen der Energieversorgung die ohnehin schon schwere Wirtschaftskrise, die von hoher Inflation, akutem Devisenmangel und einer hohen Verschuldung geprägt ist. Premierminister Shehbaz Sharif kündigte am Montag drastische Sparmaßnahmen an: eine Vier-Tage-Woche für Regierungsbehörden, die vorübergehende Schließung von Schulen und Universitäten sowie eine Halbierung des Treibstoffverbrauchs von Dienstfahrzeugen. Zudem wurden die Benzin- und Dieselpreise um rund 20 Prozent erhöht, während die Regierung die Bevölkerung dringend aufforderte, keine Treibstoffvorräte anzulegen.

Für Millionen Menschen in Südasien beginnt der geopolitische Konflikt, der sich Tausende Kilometer entfernt abspielt, direkte und spürbare Auswirkungen auf ihr tägliches Leben zu haben.

“Das wird nicht nur die Gastronomie betreffen, sondern auch Tausende von Gelegenheitsarbeitern in ganz Indien, die kurz davor stehen, ihre Existenzgrundlage zu verlieren, wenn diese Situation anhält”, sagt Sandhya Pal, die um ihre vor einem Jahr gegründete Cloud-Küche bangt. “Die ganze Situation ist beängstigend und ungewiss.”

Übersetzt aus dem Englischen.

Sumitra Bhatti ist eine in Indien ansässige Journalistin.

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