Von Rainer Rupp
Die Frage, welchen Krieg die USA seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich gewonnen haben, lässt die meisten Menschen ratlos zurück. In der Regel haben diese militärischen Auseinandersetzungen den amerikanischen Steuerzahler Unsummen gekostet und die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben – mittlerweile liegt sie bei über 100 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts. Die zig Billionen Dollar sind zwar verschwunden, aber nicht spurlos. Sie sind lediglich in andere Taschen gewandert: auf die Konten der Aktionäre des militärisch-industriellen Komplexes sowie der enorm profitablen Beraterfirmen und Denkfabriken, die wie Kraken gewachsen sind und den nationalen Diskurs über Krieg und Frieden in den USA dominieren.
Ein Teil dieser Gelder fließt von den privaten Kriegsunternehmen als Wahlkampfspenden zurück an ausgewählte Politiker, die sich damit bei parteiinternen Vorwahlen in Führungspositionen bringen – damit der lukrative Kreislauf für alle beteiligten Aktionäre auch nach der nächsten Wahl nicht unterbrochen wird. Ein schneller militärischer Sieg ist daher weit weniger profitabel als ein langwieriger Konflikt. Dies ist seit Jahrzehnten die Handlungsweise der US-Kriegsprofitierenden. Doch mit Trumps zweiter Amtszeit wurde eine neue, zusätzliche Gelddruckmaschine für die Reichen und Superreichen entwickelt: der TACO-Handel an den US-Termin- und Optionsbörsen.
Das spöttische Akronym TACO steht für “Trump Always Chickens Out”, also “Trump kneift immer am Ende”. Der Begriff wurde Anfang 2025 vom Financial-Times-Kolumnisten Robert Armstrong geprägt und hat sich seither zu einer profitablen kurzfristigen Strategie entwickelt, um an der Wall Street Geld zu verdienen – insbesondere mit Rohöl.
Diese in der Praxis oft äußerst einträgliche Kurzfriststrategie an der Wall Street ist denkbar einfach und dennoch effektiv:
- Trump äußert eine aggressive Drohung (z. B. extrem hohe Zölle gegen China, die EU, Mexiko oder andere Länder, verhängt Sanktionen oder kündigt militärische Ultimaten an).
- Die Finanzmärkte und je nach Lage auch die Warenterminmärkte reagieren panisch (Aktienkurse fallen deutlich, die Volatilität steigt, bestimmte Branchen wie Auto, Technologie oder Exporteure brechen ein).
- “Smart Money” kauft den “Dip” (professionelle Händler und Hedgefonds kaufen die günstig gewordenen Aktien oder Optionsscheine massiv ein).
- Trump rudert zurück (“chickens out”): Er verschiebt die Maßnahmen, reduziert sie, gewährt Ausnahmen oder startet Verhandlungen. Die Begründung lautet: “Verhandlungsstrategie” oder “Zeit zum Verhandeln”.
- Die Märkte erholen sich rasch. Die zuvor gekauften Aktien steigen wieder – oft innerhalb weniger Tage oder Wochen. Die Händler verkaufen mit Gewinn.
Dieser Zyklus wiederholt sich seit 2025 so regelmäßig – insbesondere bei den “Liberation Day”-Zöllen, zuletzt aber auch im Zusammenhang mit dem unprovozierten, völkerrechtswidrigen US-Angriffskrieg gegen Iran –, dass die Strategie inzwischen als “TACO-Handel” bekannt und institutionalisiert ist, was das “Smart Money” der Oligarchen vervielfacht.
Donald Trump scheint die USA und die Weltpolitik wie ein Hedgefonds-Manager zu behandeln: Er sucht nicht Stabilität, sondern Volatilität, denn daraus schöpfen er und seine Freunde vor allem wirtschaftliches Kapital. Normale Bürger – auch in den USA – verfügen im Gegensatz zu den Finanzeliten nicht über ein Hedgefonds-Portfolio. Statt zu profitieren, tragen sie die wirtschaftlichen Kosten und die soziale Hauptlast der gesellschaftlichen Folgen dieser Trump-Politik.
Wie bereits erwähnt, sind Trumps TACO-Handelsgeschäfte seit den “Liberation Day”-Zöllen vor einem Jahr an der Wall Street gewissermaßen institutionalisiert. Doch auch im Rahmen der US-Aggression gegen Iran lässt sich dieselbe Methode erkennen, beispielsweise:
2. März 2026 – Hormus-Ultimatum und TACO-Pause
Mitten im laufenden Iran-Konflikt drohte Trump mit weiteren Militärschlägen und einer Blockade iranischer Energieanlagen. Brent-Rohöl kletterte auf über 110 bis 120 Dollar, West Texas Intermediate (WTI) näherte sich ähnlichen Höchstwerten. Die Märkte preisten eine langfristige Störung der Ölversorgung ein. Trump ruderte jedoch rasch zurück: Er sprach von “produktiven Gesprächen” mit Iran und pausierte geplante Angriffe zugunsten von Verhandlungen über die Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Der Ölpreis gab daraufhin deutlich nach. Analysten sprachen offen vom “TACO-Moment” – die Erwartung eines Rückziehers stabilisierte die Märkte bereits im Vorfeld.
Anfang April 2026 – Eskalation und dann Waffenstillstand
Trump drohte in einer Ansprache mit harten Schlägen gegen Iran innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen. Der Ölpreis schoss daraufhin in die Höhe: WTI erreichte zeitweise 111,54 Dollar (+11,4 Prozent). Die Märkte fürchteten eine längere Blockade der Straße von Hormus. Nur wenige Tage später verkündete Trump einen zweiwöchigen Waffenstillstand mit Iran sowie die Öffnung des Seewegs. Die Reaktion fiel dramatisch aus: Brent-Öl verlor bis zu 16 Prozent, WTI sogar 17,6 Prozent – der stärkste Tagesverlust seit der Pandemie. Börsenspekulanten, die auf diese Entwicklung gesetzt hatten, realisierten hohe Gewinne.
Am 3. Mai 2026 kündigte Trump “Project Freedom” an
US-Kriegsschiffe, über 100 Flugzeuge, Drohnen und 15.000 Soldaten sollten ab dem 5. Mai neutrale Handelsschiffe durch die von Iran blockierte Straße von Hormus eskortieren. Die Operation wurde als “humanitäre Geste” verkauft – verbunden mit scharfen Warnungen an Teheran. Doch bereits am 6. Mai pausierte Trump das Projekt per Truth-Social-Post. Als Begründung nannte er “große Fortschritte” bei einem Friedensabkommen mit Iran. Die Folge: Der Ölpreis fiel spürbar – bei Brent-Rohöl ein klassischer TACO-Effekt.
Inzwischen sorgt eine laufende Untersuchung der US-Börsenaufsichtsbehörden zu den TACO-Handelsgeschäften für Aufsehen: Die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) und die Securities and Exchange Commission (SEC) prüfen seit März/April 2026 verdächtige Öl-Termingeschäfte, die unmittelbar vor Trumps kriegs- und waffenstillstandspolitischen Ankündigungen getätigt wurden.
Senatoren wie Elizabeth Warren und Sheldon Whitehouse sowie
Abgeordnete des Repräsentantenhauses wie Ritchie Torres und Sam Liccardo hatten in Schreiben eine umfassende Untersuchung gefordert. So wurden beispielsweise am 23. März und 7. April 2026 Termingeschäfte im Volumen von bis zu 950 Millionen Dollar pro Kontrakt abgeschlossen – und das nur Minuten vor Trumps Bekanntmachungen über einen Waffenstillstand oder Pausen bei Militärschlägen auf seinem persönlichen Truth-Social-Kanal.
Diese präzise getimten Wetten auf fallende Ölpreise führten zu Millionengewinnen und weckten den Verdacht auf Insiderhandel mit nicht öffentlichen Regierungsinformationen. Insiderhandel juristisch eindeutig nachzuweisen, ist jedoch eine langwierige Angelegenheit – mit geringen Erfolgsaussichten, wenn die Täter in der Regierung sitzen. Für Profi-Trader aus dem Umfeld Trumps dürfte der TACO-Handel daher auch weiterhin ein Geldautomat bleiben.
Das ist auch die Befürchtung demokratischer Politiker in Washington, die von einem “wiederkehrenden Muster” sprechen, das Trumps Entscheidungen im Iran-Konflikt systematisch für lukrative Spekulationen nutzbar mache. Trump selbst hasst den Begriff und sieht darin clevere Diplomatie à la “The Art of the Deal”. Die Märkte sehen etwas anderes: Sie wetten systematisch darauf, dass Trump am Ende einknickt. Ob “Project Freedom” der nächste Beweis dafür wird, zeigt sich in den kommenden Tagen.
Mehr zum Thema – Dmitrijew: Schock in der Luftfahrt nur Vorbote einer breiteren Krise