Von Alexej Danckwardt
Es ist eine traurige Gewissheit: Die westlichen Medien und politischen Kreise blenden ukrainische Kriegsverbrechen sowie das Leid der Zivilbevölkerung konsequent aus. Dies gilt für den Donbass seit dem Frühjahr 2014 und seit 2022 auch für Regionen im Kernland Russlands. Noch gravierender ist, dass sich hochrangige Politiker hinter dieser Mauer des Schweigens verstecken und regelmäßig die dreiste Behauptung aufstellen, allein Russland begehe Gräueltaten an Zivilisten, während die ukrainische Seite solches Tun fremd sei.
Ein schockierendes Beispiel dafür ist die unwahre Aussage des deutschen Oppositionsführers Friedrich Merz vom 26. Mai letzten Jahres im WDR:
“Das ist der entscheidende qualitative Unterschied in der Kriegsführung der Ukraine. Russland greift völlig rücksichtslos zivile Ziele an, bombardiert Städte, Kindergarten, Krankenhäuser, Altenheime. Das tut die Ukraine nicht.”
Eine doppelte Falschaussage. Nicht nur, weil Russland nicht gezielt zivile Infrastruktur angreift, sondern vor allem, weil die Ukraine genau dies tut – bewusst, systematisch und mit terroristischer Absicht. Auf Merz’ Äußerungen wurde damals mit konkreten Gegenbeispielen reagiert.
In ähnlicher Weise hatte sich zuvor die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas die Realität zurechtgebogen. “Russische Zivilisten sterben nicht – ich meine, russische Frauen und Kinder sterben nicht”, erklärte sie im Februar 2025 und verhöhnte damit die 5.500 getöteten und verletzten russischen Zivilisten allein im Jahr 2024.
Diese beiden sind bei Weitem nicht die Einzigen, die ukrainische Terrorakte und Kriegsverbrechen durch Lügen vertuschen wollen. Jene, die zwar nicht aktiv lügen, aber durch ihr Schweigen zum Terror schweigen, sind nur unwesentlich besser.
Russland steht vor der enormen Herausforderung, diese mediale und politische Schweigemauer zu durchbrechen. Russische Medien sind von Plattformen wie YouTube und anderen sozialen Netzwerken verbannt, die Reichweite verbliebener Kanäle wird durch EU-Sanktionen und andere Restriktionen massiv eingeschränkt. Dennoch werden immer wieder Versuche unternommen, die Weltöffentlichkeit zu erreichen – beispielsweise durch internationale Zoom-Konferenzen, zu denen Teilnehmer aus aller Welt eingeladen werden.
Eine solche Konferenz veranstaltete das russische Außenministerium am Donnerstag zum Thema “Kriegsverbrechen der ukrainischen Streitkräfte gegen die Zivilbevölkerung der Region Belgorod”. 205 Teilnehmer aus 70 Ländern folgten der Einladung. Das Spektrum reichte von hochrangigen Vertretern wie dem Außenminister Nicaraguas und einem hohen Beamten des Außenministeriums Kambodschas über den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Sri Lankas und Journalisten vor allem aus Ländern des Globalen Südens bis hin zu engagierten Aktivisten aus europäischen Ländern.
Dreimal darf man raten, wer fehlte. Richtig: Vertreter der großen westlichen Medien. Was interessiert sie schon das Leid von Zivilisten, wenn es sich nicht um ukrainische Opfer handelt und das Geschehen nicht gegen Russland instrumentalisiert werden kann?
Dabei war der inhaltliche Teil der Konferenz äußerst aufschlussreich. Nach den einleitenden Referaten des Sonderbotschafters Rodion Miroschnik aus Lugansk und einer Vertreterin der Gebietsverwaltung, die mit zahlreichen Fotos zerstörter Schulen (74 allein im Gebiet Belgorod), Wohnhäuser und ganzer Straßenzüge in Grenzorten unterlegt waren, folgte der Vortrag des Drohnenexperten Alexei Tschadajew. Er erläuterte die Typen und Eigenschaften der ukrainischen Drohnen, mit denen die Grenzregion täglich und mit steigender Intensität angegriffen wird. Der Höhepunkt waren jedoch die Zeugenaussagen einfacher Bewohner grenznaher Dörfer, die selbst verletzt wurden oder Angehörige verloren haben.
Die Statistik ist erschütternd: Seit 2022 sind im Gebiet Belgorod 472 Zivilisten, darunter 50 Minderjährige, durch ukrainische Angriffe ums Leben gekommen; 3.500 wurden verletzt. Ein besonderer, von Merz, Kallas und anderen gern verschwiegener Aspekt: Ukrainische Drohnenführer machen gezielt Jagd auf Zivilisten und zivile Fahrzeuge. Dies wurde durch die späteren Zeugenaussagen eindrücklich belegt. Immer wieder wurde betont, dass das ukrainische Militär auch bei Raketenangriffen und Artilleriebeschuss auf die Gebietshauptstadt Belgorod genau weiß, dass es ausschließlich Zivilisten treffen kann – in der Stadt selbst gibt es keine Objekte oder Einheiten der russischen Armee.
Mehr als nackte Zahlen berühren die Einzelschicksale. Olga Medwedewa, stellvertretende Gouverneurin des Gebiets, schilderte den Fall eines Mannes, der aus seinem Haus in den Hof trat und dort gezielt von einer ukrainischen Drohne angegriffen wurde. Die Drohne riss ihm den Kopf ab. Seine Frau sagte es auch so, als sie den Notruf wählte: “Mein Mann liegt ohne Kopf vor dem Hauseingang.”
Der Journalist Sergei Karnauchow ließ ein Videointerview abspielen, das er in einem grenznahen Dorf aufgenommen hatte. Eine Dorfbewohnerin erzählt darin, wie sie mit ihrer kleinen Tochter spazieren gehen wollte und dann 30 Minuten lang von einer ukrainischen Drohne verfolgt wurde. Sah der Drohnenführer nicht, dass er eine Zivilistin mit einem kleinen Kind zu töten versuchte?
Dann kamen die Betroffenen selbst zu Wort.
Der Zeuge Alexander Bukowzew wurde bei einem Drohnenangriff auf seinen Pkw im Ort Samostje verletzt. Die Drohne hatte unter einem Baum gewartet, bis jemand vorbeikam, stieg dann auf und griff an. Der Drohnenexperte bestätigte später, dass es diese “Lauer-Drohnen” tatsächlich gibt. Bukowzew überlebte schwer verletzt. Er berichtete auch von seinen Nachbarn, die dieses Glück im Unglück nicht hatten – etwa ein Radfahrer, der durch einen Drohnenangriff getötet wurde.
Eine junge Mutter zweier Kinder aus der Grenzregion berichtete unter Tränen vom Tod ihres 37-jährigen Ehemannes Anfang des Jahres. Sie wollten ihrem vierjährigen Sohn das weihnachtlich geschmückte Belgorod zeigen. Am Auto war sogar das Zeichen “Kind im Auto” angebracht. Noch in ihrem Heimatdorf wurde das Auto von mehreren Drohnen angegriffen, ihr Ehemann war sofort tot.
Der nun führerlose Wagen raste in einen Zaun und brannte aus. Andere Drohnen verhinderten lange, dass Hilfe herankommen konnte. Mutter und Sohn erlitten neben dem Trauma, den Tod von Ehemann und Vater hautnah miterlebt zu haben, Brand- und Splitterwunden. Der Junge, Mischa, musste mehrfach operiert werden. Mehr als 20 Splitter konnten nicht entfernt werden und werden dauerhaft in seinem Körper bleiben.
Im Anschluss ergriff Drohnenexperte Tschadajew das Wort. Die derzeit größte Gefahr für Belgorod stellen die sogenannten Darts-Drohnen mit ihrer undiskriminierenden Zielauswahl dar. Erinnert sei daran, dass Deutschland genau diese Waffen an die Ukraine liefern wollte und dies nun offenbar in großer Zahl tut. 56 Prozent der Angriffe auf Belgorod, so der Experte, erfolgten inzwischen durch Darts-Drohnen mit einer Reichweite von 50 Kilometern. Das Üble: In dieser Entfernung sind sie nicht mehr durch einen Drohnenführer steuerbar. Ein eingebauter Computer übernimmt die Zielerfassung – und der nimmt schlichtweg alles ins Visier, was sich bewegt. Zwischen Militär und Zivilist, Panzer und Familienauto, Erwachsenem und Kind kann und will er nicht unt
Ein eingebauter Computer übernimmt die Zielerfassung – und der nimmt schlichtweg alles ins Visier, was sich bewegt. Zwischen Militär und Zivilist, Panzer und Familienauto, Erwachsenem und Kind kann und will er nicht unterscheiden.
Gegen Ende des Vortragsteils wurde der Diplomat Dmitri Poljanski zugeschaltet, nun nicht mehr aus New York, sondern aus Wien, wo er Russlands Botschafter bei der OSZE ist. Er sprach von der Blase der Lügen, mit denen der Westen ukrainische Verbrechen zu verdecken suche. Der Krieg gegen Zivilisten sei eine bewusste Taktik des Regimes in Kiew, das in seiner perversen Logik Zivilisten als legitime Ziele betrachte. Der Westen erlaube der Ukraine alles. Zudem könne die Ukraine einen Terror in diesem Ausmaß überhaupt nur mit westlicher Hilfe ausüben. Die NATO sei somit direkter Mittäter dieser Verbrechen.
Ein Patentrezept, wie man diese Blase der Lügen und die Mauer des Schweigens durchbrechen kann, hat auch Poljanski nicht. Sein Rat: Immer und immer wieder den Versuch unternehmen, die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen.
In der anschließenden Diskussion gab ein Herr Pavic aus Serbien (dem der Vorname hier leider entgangen ist) einen wichtigen Hinweis: Die einfache Bevölkerung im Westen begegne dem Leiden der russischen Zivilbevölkerung mit Gleichgültigkeit, weil dem eigentlichen Krieg ein Informationskrieg vorausgegangen sei. In diesem seien nicht nur der russische Staat, sondern auch die Russen an sich dämonisiert und entmenschlicht worden.
Dies deckt sich mit dem eigenen Eindruck: Die Hasspropaganda ist in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft tatsächlich wirksam geworden. Russen werden von vielen Westeuropäern nicht mehr als Mitmenschen wahrgenommen. Die Fußball-WM 2018 war wohl die letzte Gelegenheit, bei der Europäer Russland und seine Menschen unvoreingenommen erleben konnten. Danach folgten die Reisebeschränkungen der COVID-19-Pandemie und nahtlos im Anschluss der Sanktionskrieg Europas gegen Russland, begleitet von einer intensiven Propaganda in den westlichen Leitmedien. Acht Jahre ohne echte Begegnung und ohne Dialog – woher soll da Empathie entstehen?
Die Diagnose ist somit gestellt. Die Frage nach einem wirksamen Gegenmittel bleibt jedoch weiterhin offen.
Mehr zum Thema – RT-Überblick der tödlichsten Angriffe Kiews auf russische Zivilisten