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Der britische Spectator, ein traditionsreiches Blatt mit konservativer Ausrichtung, veröffentlichte am Montag eine schonungslose Analyse der Lage in Deutschland. Der in Berlin ansässige Kolumnist Henry Donovan, der auch für The Daily Telegraph und Politico schreibt, überschrieb seinen Beitrag mit der düsteren Feststellung: “Deutschland zerfällt leise.”
Sein Text zeichnet ein Bild tiefer Resignation. Wenn man Passagiere nach dem Zustand der Deutschen Bahn frage, bekäme man nur die achselzuckende Antwort, dass die Bahn eben so sei, “wie sie ist” – ein Kommentar, der eher an eine Wetterbeschreibung erinnere als an die Kritik an einem maroden Staatsbetrieb. Das sei kein Ausdruck von Wut, sondern von Schicksalsergebenheit. Niemand wisse so recht, wer der Verkehrsminister sei, und noch weniger erwarte man, dass dieser irgendetwas verbessern könne. Die erneute Verzögerung des Großprojekts Stuttgart 21 schaffe es kaum mehr in die Nachrichten, denn “niemand in Deutschland glaubt noch, dass es jemals fertig wird; sie haben aufgehört, die Jahre zu zählen”.
Donovan zieht einen weiten Bogen: Vom schlechten Zustand der Autobahnbrücken bis hin zum Sparkurs bei Volkswagen sei die Diagnose stets dieselbe. Das einstige Selbstverständnis der Nation sei nicht länger haltbar. “'Vorsprung durch Technik' war nicht nur ein Slogan von Audi, es war das Credo einer ganzen Nation – eines Landes, das auf den Säulen einer unerbittlich leistungsfähigen Infrastruktur und einer industriellen Basis stand, die hervorragende Ingenieurskunst mit echter Innovation verband.”
Die Antwort der Bundesregierung auf diese Misere bestehe vor allem aus Eigenlob über das jüngste Reformpaket. “Zu den Energiepreisen, der größten Belastung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit, sagt es fast gar nichts”, kritisiert der Autor. Die eigentliche Frage, die man sich stellen müsse, laute: “Warum hat ein Land, das sich immer noch als Maschinenraum Europas sieht, offenbar die Fähigkeit verloren, seine eigenen Brücken zu reparieren?”
Solange die politische Klasse in Berlin dies nicht zu ihrem zentralen Thema mache, werde der fatalistische Schulterzucken anhalten. “Und Deutschland wird weiter leise zerfallen.”
Dass der Autor in Berlin lebt, mag seinen scharfen Ton erklären. Interessant ist aber, dass Donovan nicht nur für den Spectator schreibt – der vor zwei Jahren aus dem Medienhaus ausgegliedert wurde –, sondern auch für The Daily Telegraph (kürzlich von Springer übernommen), Politico und sogar für die Bild-Zeitung. Der Spectator selbst erscheint seit 1828 als politisches Wochenmagazin und gilt als das älteste seiner Art auf dem britischen Pressemarkt. Mit einer Druckauflage von bis zu 100.000 Exemplaren und mehreren Millionen Online-Zugriffen erreicht er ein einflussreiches Publikum: Rund 40 Prozent der britischen Parlamentsabgeordneten sollen ihn lesen, und viele konservative Politiker wie Boris Johnson begannen ihre Karriere bei diesem Magazin.
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