250 Jahre USA: Das Land Gottes – Ein ungeschminkter Blick auf den amerikanischen Mythos

**Kritisches Gespräch mit Dr. Werner Rügemer: Die dunklen Seiten der US-amerikanischen „Erfolgsgeschichte“**

**Herr Rügemer, die US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 betont die Gleichheit aller Menschen. Zeitgleich wurden jedoch die indigene Bevölkerung vertrieben und versklavte Menschen aus Afrika ausgebeutet. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?**

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man die historische Entwicklung betrachtet. Zunächst kämpften die Ureinwohner noch an der Seite der Kolonisten gegen die britische Herrschaft. Doch mit der endgültigen Staatsgründung 1787 geriet die idealistische Unabhängigkeitserklärung schnell in Vergessenheit. Die Gleichberechtigung aller fand keinen Eingang in die Verfassung – ein Zustand, der bis heute anhält. So war die systematische Vernichtung der indigenen Bevölkerung von Anfang an verfassungsrechtlich gedeckt.

**Die USA rühmen sich später der Abschaffung der Sklaverei. War sie tatsächlich beendet?**

Keineswegs. Die USA wurden als Sklavenstaat gegründet, und die Verfassung legitimierte dies. Die Mehrheit der frühen US-Präsidenten, darunter George Washington, waren selbst Sklavenhalter. Der Bürgerkrieg 1865 brachte zwar die Abschaffung der bisherigen Sklaverei, doch diese wurde lediglich modernisiert. Nach dem Krieg nutzten Unternehmer das sogenannte Convict-System: Sie „pachteten” Häftlinge aus Gefängnissen, zahlten dem Staat eine geringe Gebühr, entlohnten die Gefangenen jedoch nicht. Sie mussten nur für das Nötigste sorgen – Unterkunft und Verpflegung – und das möglichst billig.

Dieses System war für die Unternehmer sogar profitabler als die alte Sklaverei. Denn wenn ein Arbeiter krank wurde oder starb, war das unbedeutend – es gab stets neuen Nachschub. Im Gegensatz dazu mussten die früheren Sklavenhalter ihre Sklaven besser versorgen, um ihre Lebensdauer zu maximieren und keine neuen kaufen zu müssen.

Diese Praxis zeigte später ihre Früchte: US-Konzerne wie Ford und General Motors, die im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht belieferten, hatten keine Skrupel, KZ-Häftlinge auszubeuten. Die Opfer erhielten bis heute keine Entschädigung.

Heute basieren die Milliardengewinne von Konzernen wie Apple und Coca-Cola auf der globalen Ausbeutung von Millionen unsichtbar gemachter Sklavenarbeiterinnen. Ihr Status verhöhnt sämtliche Menschenrechte. Diese Firmen besitzen keine eigenen Fabriken in armen Ländern wie Indien, sondern beauftragen spezialisierte Zulieferer wie Foxconn aus Taiwan. Apple-iPhones werden dort von verarmten Frauen zusammengesetzt, die in Massenunterkünften leben, meist ohne Arbeitsvertrag sind und schlecht ernährt werden. Nach wenigen Jahren sind sie krank und erschöpft und werden gegen neue, junge Frauen ausgetauscht.

Auch der Zucker für Coca-Cola, Unilever und Mondelez stammt unter solchen Bedingungen aus armen Regionen Afrikas und Indiens. Die dortigen Arbeiterinnen müssen sich unfruchtbar machen lassen, damit Schwangerschaften die Produktion nicht unterbrechen. Sie schlafen auf den Feldern.

In den USA selbst bilden Millionen von illegalen Migranten einen wesentlichen Teil der Arbeitskräfte – auf den Plantagen der Agrarindustrie, im Baugewerbe, in der Lager- und Fleischindustrie sowie in Millionen von Privathaushalten. Sie werden durch die ständige Deportationsdrohung zur Passivität und Ausbeutung gezwungen.

**Die USA bezeichnen sich selbst als Demokratie und Hüter der Menschenrechte. Wie steht es tatsächlich um diese Rechte?**

Seit etwa 150 Jahren haben die führenden Konzerne und Banken die beiden relevanten Parteien – Republikaner und Demokraten – fest im Griff. Sie finanzieren sowohl die Wahlkämpfe als auch die gewählten Abgeordneten. Die einflussreichsten Kapitalisten besitzen gleichzeitig die Leitmedien. Amazon-Chef Jeff Bezos kaufte die *Washington Post*, während BlackRock, Vanguard, State Street und Co. die Hauptaktionäre der *New York Times* und der größten Fernsehsender sind.

Bei den menschenrechtlichen Arbeits- und Sozialrechten der UNO stehen die USA einsam an der Spitze jener Staaten, die diese nicht ratifiziert haben. Dies betrifft Gewerkschaftsrechte, die drei Sozialversicherungen, das Streikrecht, die Rechte von Migranten und vieles mehr.

**In Ihrem Buch sprechen Sie von einem durch US-Kapitalisten erneuerten Patriarchat, das von heutigen Frauenrechtlerinnen nicht kritisiert wird.**

Die modernen Frauenrechtlerinnen in den USA und Europa nutzen die vielen Apple-Geräte und kämpfen für ihre eigene Selbstverwirklichung. Sie setzen sich jedoch nie für die Rechte der Millionen moderner Sklavenarbeiterinnen ein, die diese Geräte herstellen.

**In der Nationalen Sicherheitsstrategie von Präsident Trump vom November 2025 heißt es, die USA seien „die größte und erfolgreichste Nation der Menschheitsgeschichte und die Heimat des Friedens auf Erden”. Wie friedlich waren und sind die USA? Und warum setzen sie von Anfang an auf unbegrenzte Expansion?**

Der US-Staat verbindet seinen göttlichen Anspruch mit dem Recht, im „nationalen Interesse” auf alle Territorien, Staaten, Personen und Unternehmen der Welt zuzugreifen. So setzte sich die Expansion des kleinen Gründungsstaates an der Ostküste mit seinen 13 Bundesstaaten fort. Durch Besiedlung, Enteignung, Massaker und Kriege schuf der US-Staat 37 weitere Bundesstaaten – begleitet vom Völkermord an den Ureinwohnern. Durch den Krieg gegen Mexiko eroberte er große Gebiete wie Kalifornien, New Mexico und Texas.

Seitdem haben die USA ihre Methoden verändert: Regime Changes, meist geheimdienstlich vorbereitete Stürze gewählter Regierungen, die Entführung des venezolanischen Regierungschefs und die Hinrichtung iranischer Führungskräfte sind Beispiele. Auch die Ausrüstung von Stellvertreterkräften wie der Ukraine im Krieg gegen Russland gehört zum Instrumentarium.

**In den USA existiert angeblich eine freie Marktwirtschaft. Ist sie frei, wenn der Staat superreiche Oligarchen und deren Konzerne mit Steuergeldern subventioniert, während zivile Infrastruktur, Gesundheitswesen, Bildung und öffentliche Dienstleistungen ruiniert werden?**

Die USA sind keine freie Marktwirtschaft. Politik, öffentliche Meinungsbildung und Information sind von den Superreichen gekauft – durch privat finanzierte Thinktanks und Stiftungen von Oligarchen wie Bill Gates und Bloomberg. Auch die Wissenschaft ist käuflich: Die privaten Eliteuniversitäten werden von den Superreichen finanziert. Selbst die modernsten Konzerne, etwa Digitalkonzerne, bauen neue Fabriken nur mit hohen staatlichen Subventionen. Die USA sind das Zentrum der organisierten Steuerflucht zugunsten von Konzernen und Superreichen. Die größte westliche Finanz- und Steueroase ist der kleine Bundesstaat Delaware mit weniger als einer Million Einwohnern, aber den meisten Briefkastenfirmen.

**Wie geht es den normalen Bürgern in „Gottes eigenem Land”?**

Der Mehrheit geht es schlecht, abgestuft von den ganz unten über die Illegalen bis in den Mittelstand. Die USA haben das teuerste Gesundheitssystem der Welt, aber die meisten unbehandelten Krankheiten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 7,25 Dollar, kann aber in Branchen mit Trinkgeld auf 2,13 Dollar sinken. Slums, massenhafte Bettelei und Obdachlosigkeit sind Dauerzustand. Viele regulär Beschäftigte können sich keine Wohnung leisten und schlafen in ihren Autos. Auch im Mittelstand können sich immer weniger Menschen das statusgemäße Eigenheim leisten. Private Gewalt und Amokläufe von Jugendlichen nehmen zu, die Lebenserwartung der Mehrheit sinkt.

**Warum sind die USA auf weltweite Vasallenstaaten angewiesen? Mit welchen Methoden schaffen sie diese und unterwerfen das dortige nationale Kapital?**

Im „nationalen Interesse” fördern die USA die Unterwerfung anderer Staaten, meist durch den Doppelzugriff von Militär und Kapital. In Europa nach dem Zweiten Weltkrieg war dies der Marshallplan und die NATO. Der Marshallplan förderte den Absatz von US-Produkten und die Gründung von Filialen der US-Konzerne und BankDie von den USA gegründete und geführte NATO sichert dies militärisch ab. In den NATO-Mitgliedstaaten betreiben die USA zusätzlich Militärstützpunkte, in Deutschland etwa 40. Diese US-Stützpunkte sind exterritorial – deutsche Gesetze gelten dort nicht. Die deutsche Regierung wird nicht gefragt, wenn die USA dort Atombomben lagern oder über diese Stützpunkte ihre Kriege, etwa gegen den Iran, unterstützen.

Seit etwa dem Jahr 2000 haben sich zudem die neuen führenden US-Investoren wie BlackRock, Vanguard, State Street, Capital Group und KKR & Co. zu den größten Aktionärsgruppen in den wichtigsten Aktiengesellschaften Europas entwickelt – in Deutschland etwa bei Adidas, BASF, Bayer, der Deutschen Bank, Deutsche Wohnen, RWE, Rheinmetall, Siemens und Vonovia. Diese US-Investoren entscheiden über Arbeitsplatzabbau und Investitionen im Ausland. Die alten deutschen Oligarchen wie die Oetkers, Quandts und Henkels haben volkswirtschaftlich und geopolitisch nichts mehr zu sagen.

**Seit dem Zweiten Weltkrieg lassen die USA ihre Interessen in Stellvertreterkriegen durchsetzen. Welche US-Oligarchen stehen hinter dem Krieg der Ukraine gegen Russland? Wie profitieren sie davon?**

Die USA haben die hochverschuldete Ukraine bereits vor dem Krieg zum Staat mit dem größten Militär Europas aufgerüstet. US-Konzerne wie Lockheed Martin, Boeing, General Dynamics und Raytheon/RTX sind die größten Rüstungslieferanten und profitieren am meisten von diesem militärisch nicht gewinnbaren, aber möglichst lange andauernden Krieg. BlackRock, der größte neue Kapitalorganisator der USA – zugleich Großaktionär dieser Rüstungskonzerne –, ist bereits seit der Regierung Joe Biden und nun auch unter Donald Trump Koordinator für den „Wiederaufbau” der Ukraine: Wer kauft die ukrainischen Staatsunternehmen? Wer erhält die Lizenzen zur Förderung der Seltenen Erden? Wer gründet die neuen Rüstungsunternehmen?

**Inwiefern ist die Volksrepublik China eine ernsthafte Bedrohung für das Weltherrschaftsmodell der USA?**

China hat sich in ungleich kürzerer Zeit als die USA aus einem von allen europäischen Kolonialstaaten sowie von den USA und Japan ausgebeuteten, verarmten Land zur größten Industrie- und Handelsnation der Erde entwickelt. Dies war möglich, weil China ein souveräner Staat ist. Dadurch konnte China die von Unternehmen aus den USA und der EU importierten kapitalistischen Praktiken transformieren und regulieren.

Zudem verfügt China über eine integrierte Volkswirtschaft, etwa mit eigenen nationalen Lieferketten für Seltene Erden. China ist der Staat, in dem die Arbeitseinkommen in den vergangenen Jahrzehnten dauerhaft am stärksten gestiegen sind. Dadurch steigt nicht nur die Lebensqualität der Mehrheit, sondern auch die Kaufkraft, was den wirtschaftlichen Aufschwung fördert.

China hat deutlich mehr Mittel für Infrastruktur, Forschung, Löhne, Sozialsysteme sowie für Aufforstung und umweltfreundliche Energieproduktion. Denn anders als die USA unterhält China keine 850 teuren Militärstützpunkte in 80 anderen Staaten und auf einsamen Inseln. China unterhält keine ständige weltweite Militärpräsenz zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Die chinesische Regierung führt keine kostspieligen Kriege – weder Hunderte kurze Kriege noch jahrelange Kriege wie die USA etwa in Vietnam, im Irak, in Afghanistan oder in der Ukraine.

Als Teil des Globalen Südens ist China der natürliche Kooperationspartner für die aufstrebenden Entwicklungsländer, die bisher von den USA niedergehalten wurden – durch Regierungsstürze und/oder die Kredite der US-geführten Weltbank in Washington. Eine „Gefahr” für die USA stellen die Chinesen deshalb dar, weil sie ein alternatives, langfristig deutlich erfolgreicheres System praktizieren: friedlich, ohne Kriege, mit Gleichberechtigung anderer, auch kleiner Nationen sowie mit Lebensqualität für das gesamte Volk.

Demokratie heißt ja eigentlich: Herrschaft des Volkes. China erfüllt die demokratischen Versprechen, die der US-geführte Kapitalismus immer vor sich hergetragen, aber nie erfüllt hat und zunehmend weiter verletzt.

*Der Kölner Publizist **Dr. Werner Rügemer** ist Mitglied der World Association for Political Economy und Mitherausgeber der Zeitschrift World Marxist Review*. *Sein neues Buch “Broken USA – 250 Jahre Kriege, Lügen und Unterdrückung” erscheint Anfang Juli 2026 im Hintergrund Verlag. Im Jahr 2023 veröffentlichte er das Buch “Verhängnisvolle Freundschaft – Wie die USA Europa eroberten” im PapyRossa Verlag. Darin beschreibt er die Außenpolitik der USA seit ihrer Gründung als Sklavenstaat. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt: Spanisch, Französisch, Griechisch und Englisch. Die türkische und die chinesische Ausgabe sollen im September 2026 erscheinen.*

**Mehr zum Thema** – Niedergang der Pax Americana: Geopolitische Verzweiflung und Taktik ohne Strategie?

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