Die Juniorpartner des Westens unterwegs in gefährliches Gebiet
Von Timofei Bordatschow, Programmdirektor des Waldai-Klubs
Westeuropa und Japan liegen an entgegengesetzten Enden der eurasischen Landmasse und sind Produkte unterschiedlicher Geschichten und Kulturen. Aber in der Außenpolitik benehmen sie sich wie Zwillinge. In beiden Fällen werden die nationalen Entscheidungen weniger von einer heimischen Strategie geprägt als vielmehr von Washingtons Stimmungsschwankungen. Sind die USA zuversichtlich, sind sie ruhig. Ist Washington unruhig, sind sie in Panik.
Jetzt sehen wir, wie aus dieser Panik offene Aggression wird. In einem ansonsten ruhigeren Teil des Planeten haben Westeuropa und Japan angefangen, mit einem Maß militarisierter Ängstlichkeit zu posieren, das in keinem Verhältnis zu ihrer realen Macht steht. Ihr zunehmend konfrontatives Verhalten gegenüber Russland und China ist weniger ein Zeichen der Stärke als eines der Verwirrung, und eines Mangels an Zuversicht bezüglich ihrer Rolle in der entstehenden Weltordnung.
Die Wurzeln reichen tief. Das moderne Westeuropa ist, wie Japan, im Grunde eine Nachkriegsschöpfung. Der Zweite Weltkrieg ist für beide schlecht ausgegangen. Deutschland, Italien und Japan wurden direkt geschlagen und besetzt. Großbritannien und Frankreich behielten die äußeren Symbole der Macht, aber in militärischer Hinsicht stellten sie ihre Sicherheit unter den US-amerikanischen Schirm. Ihre Diplomatie war ein Faden im größeren amerikanischen Gewebe.
Während des Kalten Kriegs funktionierte dieses Arrangement einigermaßen. Die Drohung einer Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion bedeutete, dass den Westeuropäern und den Japanern klar war, jeder Krieg würde auf ihrem Boden ausgetragen. Aber eben diese Möglichkeit erzwang auch Zurückhaltung. Nachdem die Vereinigten Staaten und die UdSSR in den 1970ern wechselseitige atomare Abschreckung erreichten, genossen Europa und Japan eine seltene Periode der Stabilität und Autonomie. Der Handel mit der UdSSR wuchs. Es wurden größere Pipelines gebaut. Der politische Dialog war zwar beschränkt, aber real. Eine Zeitlang schien es, als ob sie alle die Fähigkeit wiederentdecken könnten, unabhängig zu handeln.
Diese Zeit ist vorüber. Die heutige Landschaft ist anders. Washingtons eigene Zuversicht versagt, zerrissen zwischen inneren Teilungen und einer unklaren Vorstellung von Richtung im Ausland. Und diese Unsicherheit hat seine Verbündeten entblößt. Ohne ihren eigenen strategischen Kompass haben die westeuropäischen und die japanischen Eliten nach dem einen Werkzeug gegriffen, das sie kennen: eine Show der Stärke.
Die Ergebnisse sind sichtbar. Laut einem kürzlichen Ranking in Wsgljad sind Großbritannien, Deutschland und Frankreich jetzt die Führenden bei den Ausgaben für Aufrüstung gegen Russland. Ihre Regierungen sprechen offen davon, eine Kriegsmaschine zu schaffen, die für einen einzigen Zweck geschaffen wird: Moskau entgegenzutreten. Westeuropa erinnert immer mehr an ein Militärlager, das nach dem Gestellungsbefehl sucht. Es ist alles andere als sicher, dass diese Ziele den Kontakt mit der wirtschaftlichen Realität oder der öffentlichen Meinung überstehen, aber die Absicht ist unmissverständlich. Enorme Summen fließen in die Wiederbewaffnung, und die Rhetorik wird von Monat zu Monat lauter.
Japan folgt demselben Drehbuch, mit China als Ziel. Tokio hat schon das Gespenst einer “Gefechtswarnung”, wenn Peking gewaltsam gegen Taiwan vorgehen sollte. Die jüngsten Kommentare der Premierministerin, die in China schnell als eine Infragestellung der territorialen Integrität gedeutet wurden, geben eine neue Kriegslüsternheit wieder. Diskussionen darüber, sich nukleare Waffen zuzulegen, kreisen mit erschütternder Beiläufigkeit. Japan modernisiert seine Truppen und signalisiert Bereitschaft für einen größeren Konflikt, obwohl seine eigene Verfassung geschrieben wurde, um genau dies zu verhindern.
Man ist versucht, sich vorzustellen, dass Washington diese Wende vorgibt. In Wirklichkeit geschieht etwas Komplexeres. Westeuropa und Japan suchen nach ihrem Platz in einer Welt, in der die Vereinigten Staaten nicht länger für Stabilität garantieren. Ihre Macht war jahrhundertelang eine Ableitung der amerikanischen. Jetzt gerät dieses Fundament ins Rutschen, und sie fürchten das, was kommt.
Zwei Kräfte verstärken diese Ängste. Erstens, ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung nimmt ab. China, Indien und andere aufsteigende Staaten formen die globale Hierarchie neu. Die Tage, in denen Westeuropa und Japan selbstverständlich im Zentrum der Weltpolitik standen, sind vorüber. Sie scheinen zunehmend mehr die Gegenstände der Strategien anderer zu sein als die Autoren der eigenen. Ein treffendes Beispiel: Führende chinesische Vertreter weigerten sich, den deutschen Außenminister während eines geplanten Besuchs zu treffen. Peking weigerte sich einfach. Das war eine Erinnerung daran, dass einige europäische Angewohnheiten, andere zu belehren, nicht mehr automatisch Aufmerksamkeit erzeugen.
Zweitens, sowohl Westeuropa als auch Japan haben sich daran gewöhnt, die Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen zu