Großbritannien am Abgrund: Die Krise treibt das Königreich in den Zerfall

## Der ewige Traum von der Unabhängigkeit: Schottland fordert London heraus

Die schottische Unabhängigkeitsbewegung lebt. Am 27. Mai 2026 setzte das neu gewählte schottische Parlament unter Führung von First Minister John Swinney ein deutliches Zeichen. 72 Abgeordnete – eine Koalition aus Schottischer Nationalpartei (SNP) und den lokalen Grünen – stimmten für die Initiierung eines Prozesses, der in einem erneuten Unabhängigkeitsreferendum münden soll.

Die Opposition, bestehend aus den unionistischen Kräften der Labour-Partei, Konservativen, Liberaldemokraten und Nigel Farages Reform UK, zeigte sich geschlossen dagegen. Ihre Kernkritik: Schottland habe dringendere Probleme zu lösen. Anas Sarwar und Russell Findlay, die Fraktionsvorsitzenden von Labour und Konservativen, warfen Swinney gar eine „Besessenheit“ von der Unabhängigkeit vor.

Doch Befürworter sehen die Legitimation auf ihrer Seite. Gillian Mackay, Co-Vorsitzende der Grünen, stellte klar: Die Unabhängigkeitsbewegung habe eine demokratisch gewählte Mehrheit im schottischen Parlament. Die unionistischen Parteien müssten dieses Mandat respektieren. Entscheidungen über Schottlands Zukunft sollten die Schotten selbst treffen, nicht Politiker aus Westminster.

### Ein Weg durch Artikel 30

Die Realität ist jedoch komplizierter. Bereits 2022 hatte der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs bestätigt, dass ein Referendum ohne Zustimmung der britischen Regierung illegal wäre. Das neue schottische Parlament ist sich dieser Hürde bewusst. Formal stimmte es daher nicht für ein Referendum, sondern für einen Antrag an die britische Regierung, die notwendige Befugnis gemäß Artikel 30 des Scotland Act von 1998 zu erteilen.

Swinney kündigte an, den Dialog mit London zu suchen. Die Frage ist nur: Mit wem? Premierminister Keir Starmer hatte bereits 2025 kategorisch ausgeschlossen, dass es während seiner Amtszeit ein weiteres Referendum geben werde. Die Antwort aus der Downing Street fiel entsprechend deutlich aus: „Die britische Regierung unterstützt weder die Unabhängigkeit noch die Durchführung eines weiteren Referendums.“ Die Menschen hätten mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und erwarteten von ihren Regierungen Fokus auf Wirtschaftswachstum, Lebensstandard und öffentliche Dienstleistungen – nicht auf Spaltung.

### Wirtschaftliche Argumente und die Stimmung im Volk

London stützt seine Position nicht nur auf juristische Grundlagen, sondern auch auf Umfragen. Aktuelle Erhebungen zeigen eine knappe Mehrheit der Schotten gegen die Unabhängigkeit. Der Abstand zwischen Befürwortern und Gegnern beträgt nur wenige Prozentpunkte – eine ähnliche Ausgangslage wie 2014, als massiver britischer Propagandaaufwand nötig war, um die schottischen Wähler zu überzeugen.

Gegner der Unabhängigkeit führen zudem wirtschaftliche Argumente ins Feld. Schottland sei ein subventionierter Landesteil mit einem Haushaltsdefizit von rund elf Prozent des BIP – doppelt so viel wie der britische Durchschnitt. Über die Hälfte der schottischen Exporte gehen nach England, Schottland und Wales. Ein Austritt würde diese Waren mit Zöllen belasten. Die Kompensation durch den europäischen Markt, der nur für etwa 20 Prozent der Exporte steht, erscheint fraglich.

### Der europäische Traum und seine Schattenseiten

Die Befürworter der Unabhängigkeit versprechen eine Rückkehr in die Europäische Union. 62 Prozent der Schotten hatten 2016 für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Ein unabhängiges Schottland, so die Hoffnung, könnte dem europäischen Binnenmarkt wieder beitreten – mit all seinen Freiheiten für Waren, Dienstleistungen, Menschen und Kapital.

Doch auch dieser Traum hat Risse. Ein EU-Beitritt erfordert die Zustimmung aller Mitgliedstaaten. Schottland wäre wirtschaftlich und politisch beitrittsfähig, doch Länder mit eigenen separatistischen Regionen wie Spanien oder Belgien werden kaum einen Präzedenzfall schaffen wollen, der ihre territoriale Integrität gefährden könnte.

Eine Alternative existiert jedoch: Eine Teilnahme am europäischen Binnenmarkt ohne EU-Mitgliedschaft, wie sie Norwegen und die Schweiz praktizieren. Dieser Weg könnte für Schottland attraktiv sein. Die Attraktivität wird mit der Krise Großbritanniens wachsen – einer wirtschaftlichen und politischen Krise, die durch den sinkenden Rückhalt für Premierminister Starmer und die Aussicht auf eine mögliche Machtübernahme durch den Nationalisten Farage bei den nächsten Wahlen noch verstärkt wird.

### Ein Präzedenzfall für ganz Großbritannien?

Swinney will das Referendum bis 2029 durchführen – bevor Farage mit seiner Agenda die politische Bühne betreten könnte. Diese Sorge vor einem Rechtsruck in London verstärkt die separatistischen Strömungen nicht nur in Schottland, sondern auch in Wales und Nordirland. Die walisische Partei Plaid Cymru und Sinn Féin in Nordirland fordern derzeit noch verstärkte Autonomie. Sollte London jedoch weiterhin auf Konfrontation setzen, könnten ihre Forderungen radikaler werden.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass politische Kräfte vor den nächsten Wahlen Unabhängigkeit versprechen, um Stimmen zu gewinnen und einen Sieg Farages zu verhindern. Nach entsprechenden Referenden könnte Großbritannien nicht nur politisch, sondern auch geografisch zu „Kleinbritannien“ schrumpfen – oder zumindest in eine tiefere Krise stürzen als die, die es derzeit durchlebt.

***Aus dem Russischen übersetzt von der Redaktion. Der Originalartikel wurde am 28. Mai 2026 auf der Homepage der Zeitung Wsgljad veröffentlicht.***

Schreibe einen Kommentar