**Titel: Die gefährliche Wirklichkeit hinter dem Märchen vom Fischer und seiner Frau**
**Von Dagmar Henn**
Das Märchen vom Fischer und seiner Frau ist allgemein bekannt: Ein Butt erfüllt Wünsche, die Frau will immer mehr – erst König, dann Kaiser, Papst und schließlich „wie der liebe Gott“ sein. Aber während alle vorherigen Wünsche in Erfüllung gehen, endet sie mit dem letzten wieder in der ärmlichen Hütte.
Man möchte sich fast wünschen, dass Donald Trump ein ähnliches Schicksal ereilt. Doch wir leben nicht in einer Märchenwelt. Die extreme Vermögenskonzentration der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass einige hundert Menschen weltweit den sagenhaften Butt auf ihren Konten oder in Fonds besitzen. Es ist unübersehbar, dass ihr Verhalten dem der Fischersfrau gleicht – und das immer wieder.
Das Bild, auf dem sich der US-Präsident als Jesus darstellen ließ (genaugenommen verbreitete er es nur, doch welcher Geist muss in einem Menschen stecken, um sich selbst so zu sehen?), ist ein Symbol dafür. Es löst instinktiv Widerwillen bei all jenen aus, die weniger narzisstisch veranlagt sind.
Doch Narzissmus ist ein Produkt der sozialen Verhältnisse – es ist kaum vorstellbar, dass jemand, der reich genug ist, um sich jedem Gesetz zu entziehen, nicht letztlich zu einem vollendeten Narzissten wird. Bei anderen zeigt sich das auf unterschiedliche Weise: Selenskyjs Kumpan Minditsch mit einem goldenen Klosett, Bill Gates mit Fantasien, die Biologie aller anderen Menschen kontrollieren zu wollen.
Aus Donald Trumps Umfeld gibt es Aussagen – und sogar beobachtbare Verhaltensweisen in der internationalen Politik –, die belegen, dass er in seinem Kreis keinen Widerspruch duldet. Es werden allerlei Verrenkungen unternommen, um diesem Wunsch nachzukommen. Dies offenbart eine Dynamik, die aus der sozialen Distanz entsteht. Diese wäre vielleicht nicht so eklatant, käme nicht noch eine Sozialisation in der New Yorker „Baumafia“ hinzu. Dennoch ist es eine psychisch verhängnisvolle Situation: Menschen, denen nie widersprochen wird, verlieren ihre Selbstwahrnehmung. Im sozialen Austausch verhält es sich nicht anders als bei der Berührung – weicht das Gegenüber immer zurück, entzieht es einem die Möglichkeit, sich selbst zu spüren. Eine anfangs harmlose Lage, die nach Jahrzehnten jedoch tiefe Spuren hinterlässt.
Frühere Jahrhunderte (in denen die Kluft zwischen Arm und Reich selten so groß war wie heute, weder zur Zeit der Pharaonen, im antiken Rom noch im Ancien Régime) kannten oft Institutionen, die solche Auswüchse des Größenwahns zumindest eindämmen konnten. Hofnarren etwa hatten die wichtige Aufgabe, inmitten von Speichelleckern ein wenig Wahrheit zu streuen. Auch religiöse Strukturen erfüllten manchmal diese Funktion. Auf einer grundlegenden Ebene war der Investiturstreit zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. auch ein Ringen um die Frage nach den Grenzen der Macht – selbst wenn die Macht eines deutschen Kaisers im 11. Jahrhundert ohnehin begrenzt war und Gregors Ziel eher die Festigung von Kirchenbesitz.
Je größer der Abstand zwischen den Klassen (oder, ähnlich wirkend, zwischen ethnischen Gruppen), desto leichter geschieht es, dass die Mächtigen den Unterlegenen die Menschlichkeit absprechen. Je geringer die Wahrscheinlichkeit eines Wechsels von Kategorie A nach Kategorie B, desto deutlicher fällt dieser Effekt aus. Betrachtet man die Milliardäre, ist die Wahrscheinlichkeit eines Aufstiegs von unten nach oben fast null. Gleiches gilt für den Abstieg: Wie viele ehemalige Milliardäre fallen einem ein, die anschließend wieder ein völlig normales Leben führen mussten? So etwas geschieht nur in Zeiten großer sozialer Umbrüche.
Die Gesellschaft nach 1945 war selbst in westlichen Ländern im Vergleich zu heute sehr egalitär. Es war eine der Lehren aus der Naziherrschaft, dass Demokratie und eine extrem hohe Konzentration von Kapital und Macht nicht vereinbar sind. Nicht zufällig wurde die IG Farben, der gigantische Chemiekonzern, in drei Teile zerschlagen. Wenn eine Gesellschaft einzig den Interessen der Superreichen untergeordnet wird, endet das in der Katastrophe.
Doch spätestens Anfang der 1980er Jahre war diese Phase vorbei. Das lässt sich an zahlreichen Indikatoren ablesen: der Entwicklung der Reallöhne, des Sozialwohnungsbestands, der Rentenentwicklung und auf der anderen Seite dem Anteil des Gesamtvermögens, der vom obersten Prozent der Gesellschaft gehalten wird. Das sind keine Fantasien, sondern belegbare Fakten. Sie sind der Nährboden, auf dem die Milliardäre gedeihen.
Für diejenigen, die die letzten Jahrzehnte in purem Wohlstand verbrachten – von kurzer Beunruhigung nach Lehman Brothers abgesehen – war es ein Paradies. Die Gesellschaft aber rutschte mit und verlor die Maßstäbe des Sozialen. Heute gelingt es sogar, jemanden als „links“ zu verkaufen, der nicht einmal beabsichtigt, die Lebensumstände der breiten Mehrheit zu verbessern. In Wirklichkeit gelten immer noch dieselben Kennzahlen wie in den 1960ern: Vermögensverteilung, Zugang zu Wohneigentum, Reallohnentwicklung, Bildungszugang. Ja, alles altbekannte Themen – und eine Liste, in der sich in den letzten Jahrzehnten nichts gebessert hat. Außer, man zählt selbst zu den Milliardären.
Bei Trump spielen natürlich noch besondere Faktoren eine Rolle. Etwa die New Yorker Mafia, die trotz ihrer italienischen Bezeichnung auch einen jüdischen Teil hat – und dieser ist sogar älter als der italienische. Er brachte bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Gangsterkönigin hervor: Fredericka Mandelbaum, eine der frühen Leitfiguren einer kriminellen Struktur, die manchmal auch „Koscher Nostra“ genannt wird. Sie stammte übrigens aus Kassel.
Die Gruppe der Milliardäre und kriminelle Organisationen teilen ein Problem: Wie schafft man Loyalität zwischen Personen, die sich auf die eine oder andere Weise dem Gesetz entziehen? Traditionelle Mafiarituale verlangen etwa das Verbrennen eines Heiligenbilds – einen vor anderen sichtbaren Religionsbruch –, neben dem Loyalitätsbeweis durch Gewalt. Das funktionierte unter traditionellen Sizilianern, dürfte heute aber nur noch begrenzt wirken. Bei Milliardären reicht so etwas mit Sicherheit nicht aus. Eine Erklärung für Epstein findet sich in diesem Moment. Bindungen, die durch eine Art Initiation entstehen, erfordern immer ein Geheimnis. Geht es um Kontrolle, muss dieses Geheimnis finster sein. Je mächtiger die Person, desto finsterer.
Wenn jemand reich und einflussreich genug ist, um mit Mord, Korruption und Betrug davonzukommen (und das liegt schon ein gutes Stück unterhalb der Oligarchenklasse, siehe Hillary Clinton), und die Gesellschaft gleichzeitig sexuell so weit liberalisiert ist, dass aus gewöhnlichen Fehltritten kein Kapital mehr zu schlagen ist, dann entsteht etwas wie Epstein. Eine bestimmte Qualität dessen, was die meisten Menschen als böse bezeichnen würden, entsteht also aus sozialer Ungleichheit – ganz ohne einen Akteur mit spezifischen Interessen.
Und dann ist da die inhärente Verzweiflung. Denn was ist Narzissmus anderes als ein verschobenes Liebesbedürfnis, das aber gerade deshalb nicht gestillt werden kann, weil Liebe zwischen Erwachsenen Gleichheit voraussetzt – und Widerspruch? Letzten Endes entwickelt sich eine Gefangenschaft, denn weder die Kumpanei im Verbrechen noch eine Meute von Schmeichlern kann das ursprüngliche Bedürfnis nach Zuneigung befriedigen. Gezahlt wird immer mit falscher Münze.
Nein, es ist kein erstrebenswertes Dasein – nicht einmal, wenn man dadurch den Finger auf dem roten Knopf hat und sich jede Nacht mit dem Gedanken tröstet, die übrige Menschheit jederzeit vernichten zu können. Glück ist etwas anderes. Freude auch. Oder einfach nur innerer Friede.
Die Fischersfrau im Märchen ist eine eher lächerliche Figur, weil den Zuhörern des 19. Jahrhunderts die Maßlosigkeit ihrer Wünsche sofort klar war. Sie resultnatürlich nicht aus Prunk und Reichtum, sondern aus ihrem Streben nach immer weiterreichender Macht. Im 21. Jahrhundert muss man erklären, dass die Abfolge König-Kaiser-Papst-Gott als aufsteigende Hierarchie eine feststehende Vorstellung war. “Ich will, dass Sonne und Mond aufgehen, wenn ich es will, und untergehen, wenn ich es will.”
Was dort sichtbar wird, ist nicht der Wunsch eines glücklichen Kindes, sondern der eines zutiefst Unsicheren. Der andere Pol menschlicher Wunschvorstellungen – das, was beispielsweise als “unio mystica” bekannt ist, das Aufgehen in der Verbindung mit allem Lebenden – ist ihm völlig unerreichbar. Das ist ein Siddharta ohne Mitgefühl, der aus dem Leid, das er auf seinem Ausflug aus dem Palast erblickt, nur die Konsequenz zieht, dass da draußen irgendeine Form minderen Seins existiert.
Es ist mitunter lehrreich, sich alte Fernsehserien anzusehen. Das müssen nicht einmal DDR-Serien sein. Selbst in den westdeutschen vom Beginn der 1980er Jahre, als der neoliberale Egoismus erst aufzutauchen begann, spürt man noch, wie die Sympathie eher den “kleinen Leuten” galt. Und wie fremd jene ersten Gestalten wirken, die diesem hemmungslosen Egoismus folgten. Ja, inzwischen hat sich das so weit durchgesetzt, dass es möglich ist, eine Erbschaftssteuer auf große Vermögen als “ungerecht” zu bezeichnen – weil im Grunde niemand mehr die konkreten Zahlen und die tatsächlichen Folgen einer immer ungleicher werdenden Gesellschaft betrachtet. Das war übrigens ursprünglich eine bürgerliche, gegen die Aristokratie gerichtete Forderung…
“Ich will, dass Sonne und Mond aufgehen, wenn ich es will” – ganz abgesehen von den ständigen, auf Marktmanipulation zielenden Botschaften, genau das ist es doch, was bei Donald Trump herauszuhören ist. Oder herauszusehen, in diesem berühmten Heiligenbildchen mit Handauflegen. “Ich will sein wie der liebe Gott.”
Der Fluch des 21. Jahrhunderts sind all diese Halbgötter. Wenn die endlosen Kriege ein Ende finden sollen, müssen sie zurück in die ärmliche Hütte, um wieder zu Menschen zu werden. Um Menschen werden zu können. Leider ist die Frage dringend, und es ist kein Fischer in Sicht, der begreift, wie verrückt die Wünsche sind.
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