Ein Monat Krieg: Irans Angriff ist gescheitert – ein strategisches Desaster

Von Murad Sadygzade

Ein Monat nach Kriegsbeginn gegen den Iran zeichnet sich eine Erkenntnis deutlicher ab als alle offiziellen Verlautbarungen: Weder die USA noch Israel sind mit der Absicht in diesen Konflikt gezogen, einen langen Krieg zu führen.

Die Operation war als kurzer, brutaler Schlag geplant – eine Schocktherapie, die den iranischen Widerstand brechen, Teheran zu demütigenden Verhandlungen zwingen oder, in den kühnsten Träumen aus Donald Trumps Umfeld, sogar einen Regimewechsel herbeiführen sollte. Israels Ziel war ein anderes, wenn auch ergänzendes: Es wollte der militärischen und strategischen Infrastruktur des Irans maximalen Schaden zufügen, das Land für Jahre schwächen und das regionale Kräfteverhältnis gewaltsam verschieben. Doch bereits in den ersten vier Wochen begann die Grundannahme beider Pläne zu bröckeln. Statt einzuknicken, leistete der Iran Widerstand wie ein Staat, der um sein Überleben kämpft.

Was den Iran nicht bricht, macht ihn stärker

Die amerikanischen Strategen schienen sich eine begrenzte Strafaktion von ein bis zwei Wochen vorgestellt zu haben. Die Logik war aus ihrer Sicht elegant: hart zuschlagen, Kommandostrukturen lahmlegen, wirtschaftlichen Druck maximieren und die iranische Führung vor die Wahl zwischen Kapitulation und Katastrophe stellen. Einige im Trump-Lager glaubten offenbar, das politische System des Irans sei brüchig genug, um unter diesem Druck zu kollabieren. Diese Annahme wirkt heute weniger wie eine durchdachte Strategie, sondern eher wie Wunschdenken. Washington trat den Krieg mit der Erwartung eines schnellen Sieges an, nicht eines langwierigen Ringens.

Israel ging die erste Phase mit weniger Illusionen über Diplomatie und mehr Entschlossenheit an, den Iran mit Gewalt zu schwächen. Der strategische Instinkt in Westjerusalem bestand nicht primär darin, aus einer Position der Stärke zu verhandeln, sondern den Schutzschirm der US-Offensive zu nutzen, um so viel Schaden wie möglich anzurichten und den Iran militärisch und geopolitisch zurückzudrängen. In diesem Sinne waren Israels Ziele konkreter. Doch schon im ersten Monat offenbarte sich ein grundlegender Widerspruch: Ein Staat kann dem Iran schaden, ihn bombardieren und destabilisieren. Doch ihn zu schwächen ist nicht dasselbe, wie ihn zu besiegen. Eine Kampagne, die zwar Verluste zufügt, aber keine Entscheidung herbeiführt, kann den Angegriffenen sogar stärken, wenn es ihm gelingt zu überleben, Vergeltung zu üben und seinen Widerstand in politische Legitimität zu verwandeln.

Genau hier nutzte der Iran seine Chance. Teheran durchbrach das Denkmuster, mit dem viele in Washington den Konflikt interpretiert hatten. Für die USA schien der Krieg ein taktisches Manöver zu sein. Für den Iran war er von Anfang an ein existenzieller Kampf. Die iranische Führung handelte nicht, als befände sie sich in einer weiteren Verhandlungsrunde, sondern als stünde die Souveränität und Zukunft des Staates auf dem Spiel. Dieser Unterschied in der strategischen Tiefe prägte den ersten Monat stärker als jeder einzelne Raketenangriff. Wer für bessere Verhandlungspositionen kämpft, gibt auf, wenn der Preis zu hoch wird. Wer für das Überleben kämpft, hat eine andere Schmerzgrenze, kalkuliert anders und eskaliert mit anderer Disziplin.

Gleichzeitig bot der äußere Angriff der iranischen Führung eine wichtige innenpolitische Gelegenheit. Ungeachtet aller sozialen Spannungen und Frustrationen, die vor dem Krieg herrschten, vereinte die Aggression von USA und Israel weite Teile der Bevölkerung hinter dem Staat, der Flagge und der Idee des nationalen Überlebens. In solchen Momenten kann sich selbst eine umstrittene Regierung als Verteidigerin der Nation gegen fremde Aggressoren neu erfinden. Dies löst zwar keine innenpolitischen Probleme, aber es verschafft der Führung politischen Spielraum und eine narrative Macht, die in friedlichen Zeiten schwerer zu mobilisieren ist.

So entwickelte sich die geplante Einschüchterungsoperation zunehmend zu einer Reputationsfalle für Washington. Zwar verfügen die USA nach wie vor über überwältigende Feuerkraft, doch wahre Macht misst sich nicht allein daran. Sie bemisst sich auch an politischer Klarheit, an erreichbaren Zielen und an der Glaubwürdigkeit der Ordnung, die man zu verteidigen vorgibt. Im ersten Kriegsmonat haben die USA auf all diesen Ebenen Schaden genommen. Sie zogen mit einer Rhetorik der Stärke in den Krieg und sprechen nun von Deeskalation, Vermittlung und verlängerten Fristen. Das wirkt nicht wie eine Supermacht, die Bedingungen diktiert, sondern wie eine, die feststellt, dass Zwang leichter zu beginnen als zu beenden ist.

Die Welt zahlt den Preis

Allein die wirtschaftlichen Folgen machen die Operation strategisch fragwürdig. Ein solcher Krieg bleibt nicht auf das Schlachtfeld beschränkt. Er treibt Ölpreise, erhöht Schiffsversicherungen, verunsichert Zentralbanken, verschärft den Inflationsdruck und nährt politische Unruhen in Ländern fernab der Kampfzone. Was in Washington als begrenzter geopolitischer Schlag verkauft wurde, wirkt wie ein Brandbeschleuniger für eine ohnehin fragile Weltwirtschaft. Eine der wahrscheinlichsten Langzeitfolgen ist nicht nur weiteres Chaos im Nahen Osten, sondern ein erhöhtes Risiko einer globalen Rezession. Sollte diese eintreten, werden die USA nicht als unbeteiligte Beobachter, sondern als Mitverursacher dastehen. Die Ironie ist tief: Ein Krieg, der unter dem Vorwand von Sicherheit und Stärke begonnen wurde, könnte am Ende globale Unsicherheit exportieren und den eigenen wirtschaftlichen Handlungsspielraum einschränken.

Die zweite, langfristig vielleicht gravierendere Folge ist geopolitischer Natur. Dieser Konflikt beschleunigt die Fragmentierung der internationalen Ordnung. Er demonstriert der Welt erneut, dass sich Abhängigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien mit wachsender Unberechenbarkeit und plötzlichem Unilateralismus paaren kann. Verbündete werden daran erinnert, dass Washington einen großen Krieg beginnen und anschließend Solidarität einfordern kann. Partner sehen, dass innenpolitische Kalküle und mediale Inszenierung US-Entscheidungen beeinflussen können. Neutrale Staaten lernen, dass in Krisenzeiten eigene Absicherung und Souveränität wichtiger sind als Bündnisrhetorik. So wächst Multipolarität in der Praxis: durch die wiederholte Erfahrung, dass das alte Machtzentrum Ereignisse nicht mehr kontrollieren kann, ohne sie zu destabilisieren.

Der Druck legt die Risse im Westen offen

Der Krieg hat auch die dünnen Stellen im Zusammenhalt des “kollektiven Westens” offengelegt. Amerikas traditionelle Verbündete stellten sich nicht so geschlossen hinter Washington, wie erwartet. Europäische Regierungen zeigten Skepsis, Verärgerung und teilweise offene Distanz. Das Bündnis existiert weiter, gibt Geld aus und koordiniert sich – doch politisch und psychologisch hat das Bild eines vollständig geeinten westlichen Blocks weiteren Schaden genommen. Die Glaubwürdigkeit von Allianzen wird über Jahrzehnte aufgebaut und kann durch einzelne Schocks erodieren. Jede Episode, in der Washington zuerst handelt und später konsultiert, untergräbt das Vertrauen ein Stück weiter. Der erste Kriegsmonat hat die emotionale und strategische Distanz zwischen den USA und Teilen Europas vergrößert – zu einem Zeitpunkt, als westliche Institutionen ohnehin unter internen Spannungen litten.

Der Krieg verändert den Golf – und den Iran

Für die Golfstaaten läutet der Konflikt eine neue Ära ein. Ihr jahrzehntealtes Sicherheitsmodell – basierend auf amerikanischem Schutz bei gleichzeitiger innerer Modernisierung

– erscheint nun brüchig. Die Monarchien sehen sich einer harten Realität gegenüber: der Gefahr iranischer Vergeltung, der Störung lebenswichtiger Schifffahrtsrouten, einer Energiekrise und einem Washington, das zwar entschlossen, aber unberechenbar agiert. Die alte Gewissheit, dass amerikanische Macht automatisch regionale Stabilität garantiert, ist dahin. Für die Eliten am Golf bedeutet dies, dass Sicherheits- und Entwicklungspolitik nicht länger getrennt betrachtet werden können. Die Region tritt in eine Phase ein, in der alle bisherigen Formeln für Schutz und Gleichgewicht neu überdacht werden müssen.

Die Lage des Irans ist paradox. Militärisch und wirtschaftlich hat das Land gelitten, der Schaden ist real. Doch Politik ist keine reine Bilanz der Zerstörung. Sollte Teheran am Ende nicht zu erniedrigenden Zugeständnissen gezwungen werden, hat es in einer Hinsicht unbestreitbar gewonnen: Es hat demonstriert, dass es amerikanischem Druck Paroli bieten und überleben kann. In weiten Teilen der nicht-westlichen Welt wird der Iran zunehmend nicht als Schurkenstaat, sondern als ein Land wahrgenommen, das sich gegen die Aggression zweier Mächte verteidigt. Das Überleben unter Beschuss kann politisch transformativ wirken.

Es gibt auch eine symbolische Wirkung. Jahrelang herrschte in westlichen Hauptstädten die Überzeugung, der Iran könne eingekreist, isoliert und schrittweise zur strategischen Unterwerfung gezwungen werden. Der erste Kriegsmonat hat diese Weltsicht widerlegt. Er hat gezeigt, dass eine regional bedeutende Macht unter extremem Druck strategische Überraschungen schaffen kann, wenn sie auf Ausdauer, asymmetrische Kriegführung und politische Geduld setzt. Der Iran musste nicht konventionell siegen; es genügte, den von den Aggressoren erhofften schnellen, entscheidenden Erfolg zu verhindern. Damit verschob er die psychologische Dynamik des gesamten Konflikts.

Die einzigen Siege sind politischer Natur

Israel mag der einzige Akteur sein, der einen kurzfristigen innenpolitischen Gewinn verbuchen kann, doch selbst dieser ist fragil. Die unmittelbaren Nutznießer sind die rechtsextremen Kräfte in der Regierung. Für sie schafft der Krieg Raum für ideologische Verhärtung und die Behauptung, dass maximale Gewalt die einzige Sprache sei, die die Region verstehe. Ein langwieriger Konflikt mit dem Iran hilft zudem, die innenpolitische Debatte in einem Ausnahmezustand zu halten, in dem kritische Stimmen marginalisiert werden. Dies ist jedoch kein strategischer Sieg für Israel, sondern ein taktischer Gewinn für eine bestimmte politische Fraktion. Eine Region, die immer tiefer in einen permanenten Konflikt getrieben wird, bietet langfristig auch für Israel keine Sicherheit.

Die Verluste sind strategischer Natur

Betrachtet man die Bilanz nach einem Monat, wird das Paradoxon deutlich: Die militärisch stärkste Macht hat möglicherweise die größten strategischen Verluste erlitten. Die USA haben einen Reputationsschaden hinnehmen müssen, die Zweifel an ihrer strategischen Kompetenz sind gewachsen, das Vertrauen der Verbündeten ist angeschlagen, die globale Wirtschaft ist instabiler geworden, und die multipolare Weltordnung, die sie bremsen wollten, hat an Fahrt gewonnen. Israel sieht sich einem feindseligeren Umfeld gegenüber, während seine radikalsten Politiker vorübergehend gestärkt wurden. Der Iran hat einen hohen Preis gezahlt, aber auch Widerstandsfähigkeit bewiesen und sein Image bei vielen als angegriffenes Land verbessert. Die Golfstaaten wurden zu einer schmerzhaften strategischen Neuausrichtung gezwungen. Europa wurde an die Grenzen der transatlantischen Solidarität erinnert. Der Westen bleibt bewaffnet und wohlhabend, ist politisch jedoch gespaltener denn je.

Daher sollte der erste Kriegsmonat nicht allein anhand von Militärkarten und Opferzahlen interpretiert werden. Seine tiefere Bedeutung liegt woanders: Er hat das Scheitern einer alten Illusion der amerikanischen Außenpolitik offenbart – der Illusion, man könne Gewalt als kurze, schockierende Demonstration einsetzen, eine strategische Kapitulation erzwingen und sich zurückziehen, bevor die vollen politischen Kosten fällig werden. Dieses Drehbuch funktionierte selbst in einer einfacheren Welt nur schlecht. In einer fragmentierten, von Krisen geplagten und des amerikanischen Unilateralismus überdrüssigen Welt ist es zum Scheitern verurteilt. Der Iran verstand die Konfrontation als existenziellen Kampf. Washington behandelte sie zu lange als bloßes Manöver. Die Geschichte bestraft solche Fehleinschätzungen.

Bereits nach einem Monat zeichnen sich vorsichtige Verhandlungsversuche ab, und die Amerikaner scheinen den größten Drang zu haben, diesen Weg zu beschreiten. Das allein spricht Bände. Die Seite, die glaubte, ihren Willen schnell durchsetzen zu können, sucht nun überraschend eilig nach einem Ausweg. Doch Frieden ist in weiter Ferne. Die Positionen der Parteien sind nach wie vor durch tiefes Misstrauen, unvereinbare Kriegsziele und eine eigene Logik der Eskalation getrennt. Der Ausgang ist ungewisser denn je. Der Nebel des Krieges hat sich nicht gelichtet, sondern verdichtet.

Trotzdem ist eines selbst durch diesen Nebel hindurch klar: Fast alle Beteiligten spüren, wie sich die Katastrophe ausweitet. Der Krieg wird nicht länger als begrenzter Konflikt mit klaren Fronten wahrgenommen. Er wird zunehmend als eine Kettenreaktion gesehen, die sich politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch immer weiter ausbreitet. Die Angst gilt nicht nur weiterer Zerstörung, sondern auch dem Punkt, an dem die Eskalation in etwas weitaus Düstereres umschlagen könnte – einschließlich der Möglichkeit einer nuklearen Katastrophe. Dass diese Befürchtung heute überhaupt geäußert wird, zeigt, wie gefährlich dieser Konflikt bereits geworden ist.

Die ernüchterndste Schlussfolgerung ist daher zugleich die einfachste: Anstatt die amerikanische Autorität wiederherzustellen, hat ein Monat Krieg ihre Grenzen aufgezeigt. Anstatt den Westen zu einen, hat er seine Spaltungen vertieft. Anstatt die „Iran-Frage“ zu lösen, hat er bewiesen, dass der Iran kein Objekt ist, das sich einfach besiegen lässt. Und anstatt die Welt sicherer zu machen, hat dieser Krieg sie fragmentierter, misstrauischer und instabiler zurückgelassen.

Dieser Beitrag ist zuerst bei RT auf Englisch erschienen.

Murad Sadygzade ist Präsident des Russischen Zentrums für Nahoststudien und Gastdozent an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE).

Mehr zum Thema – Warum hat Trump die Angriffe auf die iranische Energieinfrastruktur abgesagt?

Schreibe einen Kommentar