Europa am Abgrund: Der gefährliche Weg in die nukleare Eskalation

Von Alexander Jakowenko

Die These, dass der „kollektive“ Westen und seine Eliten in einer verzweifelten Lage stecken und zu jedem Mittel greifen würden, ist mittlerweile weit verbreitet. Dies spiegelt sich in ihren riskanten Manövern in der Ukraine und im Iran wider, trotz der teils divergierenden Interessen Washingtons und der europäischen Hauptstädte.

Vor diesem Hintergrund ist auch die jüngste Ansprache von Präsident Donald Trump zu sehen, in der er androhte, den Iran „in die Steinzeit zu bomben“. Historisch betrachtet wurde die Frage des Einsatzes von Atomwaffen von den USA stets dann aufgeworfen, wenn sie eine militärische Niederlage nicht akzeptieren wollten – so etwa in den Kriegen in Korea und Vietnam.

Stehen die westlichen Eliten nun erneut so unter Druck, dass sie die nukleare Option in Erwägung ziehen?

In Europa scheint man einen direkten Konflikt mit Russland zwar noch zu scheuen, bereitet sich aber aktiv darauf vor und hält ihn aufgrund einer angeblichen „angeborenen Aggressivität“ Moskaus für unausweichlich.

Die Geschichte lehrt uns jedoch etwas anderes. Es gibt keine plausible Erklärung dafür, warum Russland NATO-Staaten angreifen sollte, die selbst mit gewaltigen wirtschaftlichen und strukturellen Problemen kämpfen. Die europäischen Eliten agieren bereits im Geiste einer Kriegsgesellschaft: Der öffentliche Diskurs wird abgeschottet, abweichende Narrative systematisch ausgegrenzt. In diesem Stellvertreterkrieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Jegliches objektives Wissen – sei es historisch oder gegenwartsbezogen – wird unterdrückt.

Besonders gefährlich für die herrschenden Kreise sind Geschichte und Kultur, denn Europa hat eine wiederkehrende Tendenz zur Unterdrückung kultureller und geistiger Freiheit. Die europäische Geschichtserfahrung ist maßgeblich geprägt von den traumatischen Ereignissen der Zwischenkriegszeit mit ihrem aggressiven Nationalismus, Rassismus und Faschismus. Deutsche Historiker beschrieben den raschen Übergang von der Demokratie in den Totalitarismus als „Weimarisierung“. Heute, so unabhängige Beobachter, ist dieses Phänomen in allen westlichen Ländern zu beobachten, die ihre nationale Souveränität zugunsten liberaler-globalistischer „Zukunftsprojekte“ opfern.

Die Trump-Administration mag in ihrer Rhetorik eine Ausnahme darstellen, nicht aber in ihrer praktischen Politik. Die USA bleiben unter Trump tief in den Ukraine-Konflikt verstrickt, der von der vorherigen, ideologisch scheinbar gegensätzlichen Regierung angeheizt wurde. Die Frage nach dem wirklichen Unterschied zwischen beiden stellt sich daher. Vielmehr scheint es sich um eine zynische Verschärfung der amerikanischen Hegemonie und einen Übergang zur „manuellen Steuerung“ der Weltpolitik in einer Phase geopolitischer Vereinsamung zu handeln.

Der Drang der Eliten, innenpolitische Probleme mit militärischen Mitteln nach außen zu tragen – im Mittelalter in Form der Kreuzzüge –, zeigte sich deutlich im Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der angeblich „einfach so“ geschah. In den Hauptstädten, auch in London, bestand jedoch wenig Interesse, den deutschen Militarismus einzudämmen, dessen Hauptziel das aufstrebende Russland war. Im Kern ging es darum, die kapitalistische Entwicklung Russlands zu bremsen. Auch damit machte man sich im Westen keine Freunde.

Damals wie heute versucht man, Russland mit fremden Händen aufzuhalten – damals durch Deutschland, heute durch die Ukraine. Die Ukraine-Krise hätte friedlich und im Einklang mit europäischen Werten wie Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit gelöst werden können. Doch Berlin und Paris entschieden sich aus unerfindlichen Gründen dagegen und agierten bei der Ausarbeitung der Minsker Abkommen von 2015 unaufrichtig, wie später selbst François Hollande und Angela Merkel einräumten.

Man darf nicht vergessen, dass auch der nationalsozialistische Überfall auf die Sowjetunion unter dem Vorwand des „Schutzes Europas vor dem Bolschewismus“ stattfand. Und selbst in der Regierung Roosevelt nahm man vor dem Kriegseintritt der USA gelassen zur Kenntnis, dass sich Deutsche und Russen „gegenseitig aufreiben“ mögen.

Eine andere historische Parallele ist jedoch bedeutsamer. Im Zweiten Weltkrieg wurden, wie der Philosoph Nikolai Berdjajew es formulierte, „Endziele“ verfolgt: die Versklavung und Vernichtung „minderwertiger Völker“. Ähnliches beobachten wir heute im Fall des Iran, dem man das Recht absprechen will, seine Regierung selbst zu wählen – Washington beansprucht dieses Vorrecht für sich. Es zeigt sich erneut die den westlichen Eliten innewohnende Neigung, bis zum Äußersten zu gehen, eigene Fehler und Niederlagen nicht einzugestehen und nur zu ihren eigenen Bedingungen zu verhandeln. Wie die Bourbonen, die – laut Talleyrand – „nichts vergessen und nichts gelernt“ haben und in ihren gewohnten Bahnen verharren.

Von hier aus ist es nur noch ein Schritt zum „Ende der Geschichte“ in Form eines Atomkriegs. Auch Nazideutschland hätte ihn vom Zaun gebrochen, hätte es die Zeit dazu gehabt – die Rote Armee vereitelte dies. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass im Zuge der Remilitarisierung Europas in führenden Hauptstädten wie Berlin wieder über Atomwaffen gesprochen wird – bis hin zur Forderung nach einer „Kollektivierung“ des französischen Nuklearpotenzials (General de Gaulle würde sich im Grabe umdrehen). In der öffentlichen Meinung des Westens findet dieses gefährliche Spiel dank Zensur und jahrelanger antirussischer Propaganda kaum Widerhall. Die Bevölkerung wird mit Gesprächen über Luftschutzbunker abgelenkt, anstatt eine politische Debatte über den Kurs der Eliten zu führen.

Die akute Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes und der weiteren Aushöhlung des Nichtverbreitungsvertrags zeigt sich besonders im Kontext der amerikanisch-israelischen Aggression gegen den Iran. Das Kernkraftwerk Buschehr ist einer realen Bedrohung ausgesetzt, nicht nur durch direkte Angriffe, sondern auch durch die von Trump angedrohte Zerstörung der gesamten iranischen Strominfrastruktur.

Heißt das, die Region habe für die USA und Israel ihren Nutzen verloren und man wolle beim Abschied die Tür ins Schloss werfen? Die Motive sind nicht weniger extrem und daher gefährlich: die Darstellung des Iran als „existenzielle Bedrohung“ für Israel und die seit der Islamischen Revolution aufgelaufenen Rechnungen Washingtons mit Teheran. Trump erklärt offen, alle seine Vorgänger seien in dieser Hinsicht untätig geblieben, obwohl sie den Irak mit chemischen Waffen gegen den Iran aufhetzten und extreme Sanktionen verhängten. Wenn alles als „existenziell“ deklariert wird, entsteht Raum für eine emotionalisierte Politik, in der der Gegner entmenschlicht und jeder Kampfmittel legitimiert wird.

Ein ähnliches Muster zeigt sich übrigens beim Kiewer Regime, das vom Westen Atomwaffen als Sicherheitsgarantie fordert und systematisch das Kernkraftwerk Saporischschja gefährdet. Auch hier werden nukleare Drohungen und Sicherheitsfragen auf perverse Weise verknüpft, um die Weigerung zu kaschieren, ernsthafte Friedensverhandlungen zu führen.

Für den Iran, der den Teufelskreis aus „Verhandlungen – Aggression – erneuten Verhandlungen“ mehrfach durchlaufen hat, ist die Bedrohungslage sehr real. Daher Teherans Ankündigung, aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten und alle Gesetze aufzuheben, die im Rahmen des Gemeinsamen Gesamtaktionsplans (JCPOA) erlassen wurden – aus dem Trump bereits einseitig ausgestiegen war. Professor Theodore Postol vom MIT warnt, der Iran werde angesichts der aktuellen Entwicklung letztlich keine andere Wahl haben, als eigene Atomwaffen zu entwickeln. Auch ein Erwerb von außen

Für den Iran, der den Teufelskreis aus „Verhandlungen – Aggression – erneuten Verhandlungen“ mehrfach durchlaufen hat, ist die Bedrohungslage sehr real. Daher Teherans Ankündigung, aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten und alle Gesetze aufzuheben, die im Rahmen des Gemeinsamen Gesamtaktionsplans (JCPOA) erlassen wurden – aus dem Trump bereits einseitig ausgestiegen war. Professor Theodore Postol vom MIT warnt, der Iran werde angesichts der aktuellen Entwicklung letztlich keine andere Wahl haben, als eigene Atomwaffen zu entwickeln. Auch ein Erwerb von außen ist denkbar: Bereits im Juni letzten Jahres ließ Islamabad Israel gegenüber durchblicken, es sei bereit, Teile seines Atomarsenals an Teheran zu übergeben. Andere Kanäle sind ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Somit erzielen die USA und Israel mit ihrer konfrontativen Politik genau das Gegenteil dessen, was sie angeblich verhindern wollen. Dies fügt sich nahtlos in die Logik des Niedergangs der westlichen Hegemonie ein, der auch einen drastischen Verfall des intellektuellen und moralischen Niveaus der dortigen Eliten einschließt.

Besorgniserregend ist, dass in Europa und weltweit keine nennenswerte Antikriegs- oder Anti-Atomkraft-Bewegung mehr zu vernehmen ist. Dies deutet auf den Erfolg einer massiven Propaganda- und Zensurmaschinerie hin, die auch in sozialen Netzwerken wirkt. Gleichzeitig scheint die Politik der westlichen Eliten einen Sättigungspunkt erreicht zu haben: Sie erstickt jeden positiven gesellschaftlichen Impuls und schafft so die Voraussetzungen für einen neuen Totalitarismus – so dystopisch dies auch klingen mag.

Vor genau dieser Entwicklung warnte der Philosoph Nikolai Berdjajew bereits vor einem Jahrhundert in seinem Werk „Das neue Mittelalter“. Die gesamte europäische Geschichte legt Zeugnis von diesem zyklischen Phänomen ab. Es wird immer offensichtlicher, dass Europa und der Welt eine nukleare Katastrophe droht, wenn der gefährliche Kurs der westlichen Eliten nicht entlarvt und gestoppt wird.

Die europäischen Hauptstädte, darunter Berlin, wo alle traditionellen Parteien einer blindwütigen antirussischen Politik verfallen sind, haben den Weg der Militarisierung eingeschlagen – notfalls auch auf Pump. Die Verdrängung ziviler durch militärische Produktion kann die sozialen Verwerfungen, die eine solche Wirtschaftsumstellung mit sich bringt, jedoch nur oberflächlich kaschieren.

Totalitäre Systeme folgen einer eigenen Logik: Kanzler Friedrich Merz ruft dazu auf, den Gürtel enger zu schnallen, um „Freiheit, Demokratie und Lebensweise zu bewahren“ – genau jene Werte, die im Zuge dieser Politik selbst erodieren. Um die Konfrontation mit Russland für die Wählerschaft plausibel zu machen, muss man mit dem Feuer eines „begrenzten Atomkriegs“ spielen – eine gefährliche Strategie, die die USA Europa als Erbe aus dem Kalten Krieg hinterlassen haben.

Unter diesen Umständen wäre es naiv, zu hoffen, das Problem löse sich mit dem Machtantritt national orientierter Eliten von selbst. Das Räderwerk des Militarismus hat bereits an Fahrt aufgenommen und wird breite Bevölkerungsschichten erfassen. Die reale Welt wird zunehmend durch eine virtuelle Realität ersetzt, die den Bedürfnissen der Eliten entspricht – notfalls mit Hilfe Künstlicher Intelligenz. Es ist nicht auszuschließen, dass die Eliten in Washington und Europa beginnen, ihrer eigenen Propaganda zu glauben und vollends in eine irrationale, emotionale Politik abgleiten. Der einzige Ausgangspunkt im Kampf gegen diese existenzielle Bedrohung kann daher nur eine systematische Aufklärungsarbeit innerhalb der europäischen und weltweiten Öffentlichkeit sein, um die nukleare Katastrophe abzuwenden.

Übersetzt aus dem Russischen. Redaktionell leicht gekürzt. Der Originalartikel ist am 4. April 2026 auf ria.ru erschienen.

Alexander Jakowenko ist ein russischer Jurist und Diplomat. Von 2011 bis 2019 war er Botschafter Russlands im Vereinigten Königreich, seit dem Jahr 2024 steht er der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands als Rektor vor.

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