Wirtschaftskrisen hinterlassen nicht nur in Finanzmärkten ihre Spuren – auch die Kunstwelt wird von ihnen erschüttert. Ein untrügliches Zeichen: Die Flut an Kunstfälschungen nimmt drastisch zu. Genau dieses Phänomen beobachten Expertinnen und Experten derzeit weltweit. Hintergrund sind die anhaltenden Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, die eine tiefgreifende, möglicherweise irreversible Krise eingeläutet haben. Das erklärte Zsófia Vegvári, Direktorin des ungarischen Labors für Gemäldegutachten, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur RIA Nowosti.
“Bekanntlich gab es im Jahr 2008 eine schwere Wirtschaftskrise. Davor gaben die Leute freudig Geld für alle möglichen Gemälde aus, auf denen sie einen Namen des Künstlers erkennen konnten. Als die Krise eintrat, brachen die Verkäufe von Kunstwerken ein. Alle wollten verkaufen, vor allem jene Bilder, die sie selbst gekauft hatten. Fälscher nutzten diese Zeit und verkauften Bilder, indem sie vorgaben, jemand befinde sich in einer schwierigen Lage und verkaufe ein Meisterwerk eines bekannten Künstlers zum halben Preis. Während der Migrationskrise in den Jahren 2015–16 gab es ebenfalls einen solchen Ansturm: Plötzlich fanden alle frühchristliche Texte aus dem 6. Jahrhundert. Sie kamen in den unterschiedlichsten Formen – auf Papyrusrollen, in Lederbüchern, überall.”
Laut Vegvári gelingt es Kriminellen in solchen Zeiten besonders leicht, Käufer zu täuschen. Die wirtschaftliche Unsicherheit und die schwächelnden Kontrollmechanismen machten es möglich. Es reiche oft, “eine Geschichte zu erfinden, dass das Meisterwerk angeblich 50 Jahre lang bei der Großmutter hing”. Dies schaffe Vertrauen und verdecke die mangelnde Herkunft. Die Folge sei ein massenhafter Zustrom von Fälschungen auf den internationalen Kunstmarkt.
Besonders betroffen ist derzeit der Markt für russische Kunst. Vegvári berichtet von einem deutlichen Anstieg der Fälschungsrate in diesem Segment. In ihrem Labor landen zunehmend angebliche russische Ikonen, meist mit Geschichten über eine Herkunft aus Transkarpatien oder einem Erbe von Verwandten. Die ernüchternde Bilanz der Expertin: “95 Prozent dieser Ikonen sind Fälschungen.”
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