Schottlands Öl – ein neuer politischer Zankapfel
Von Dmitri Bawyrin
Der britische Premierminister Andy Burnham hat überraschend einen Weg gefunden, sich bei US-Präsident Donald Trump beliebt zu machen. Noch Ende Juni galt Burnham, ebenso wie sein Vorgänger Keir Starmer, als “zu liberal” und im Weißen Haus unbeliebt. Doch nun, so Trump, “tanzen die Schotten auf den Straßen”, weil sich das Vereinigte Königreich von einem “von Armut geplagten Desasterland” zu einem der “reichsten Länder der Welt” entwickeln werde.
Dieser Stimmungsumschwung und Burnhams verbessertes Image haben eine einfache Ursache: die Förderung von Öl in der Nordsee. Während Starmer diese noch ausgesetzt hatte und Burnham zunächst keine Wiederaufnahme plante, besann er sich nun eines Besseren. In Trumps Augen hat ihn das enorm aufgewertet – schließlich ist die Nordsee für den US-Präsidenten von ähnlicher Bedeutung wie einst Karthago für Cato den Älteren. Wie Jaroslaw Smeljakow einst in seinem Gedicht über die Zuneigung eines jungen Mannes zu seiner Angebeteten schrieb: “Mit diesem Namen geht er ins Bett, mit diesem Namen steht er auf.”
Der Grund für diese Aufregung ist simpel: der Ölpreis. Je höher dieser steigt, desto niedriger sinken Trumps Zustimmungswerte – in den USA werden die Quittungen an der Tankstelle traditionell ernst genommen. Nach der Wiederaufnahme des Krieges gegen den Iran durch Washington und der Drohung der jemenitischen Huthi-Rebellen, die Meerenge von Bab al-Mandab zu blockieren, könnte der Preis pro Barrel laut Marktanalysten die 200-Dollar-Marke überschreiten. In diesem Fall müsste der Rückgang des Öls aus dieser Quellenregion durch Mehrfördermengen von anderswo ausgeglichen werden – auch aus Feldern, die unter Starmer stillgelegt wurden, angeblich aus Umweltschutzgründen. Trump hingegen hat bekanntlich wenig für Umweltbelange übrig.
Doch die Nordsee ist eher ein Objekt kultischer Verehrung als ein strategischer Wert für die Ölindustrie. Denn ob mit oder ohne Nordsee: London ist nicht in der Lage, die benötigten Rohölmengen schnell genug auf den Markt zu bringen, um Preissteigerungen einzudämmen oder gar die eigenen Kassen zu füllen. Ein Grund für die Aussetzung der Nordsee-Projekte durch die Anrainerstaaten ist deren sinkende Wirtschaftlichkeit – irgendwann wurde der Ölkauf aus Norwegen lukrativer.
Die Bedrohung für die Schifffahrt durch die enge Meerenge von Bab al-Mandab ist jedoch real. Sie kann schnell manifest werden, wenn man über Raketen und Drohnen verfügt – und die Huthi besitzen genug davon. Da die Golfmonarchien einen erheblichen Teil ihrer Öllieferungen von der Straße von Hormus ins Rote Meer verlagert haben, drohen im Ernstfall ihre Ölexporte auf null zu fallen, während gleichzeitig 30 Prozent des Seecontainerverkehrs in der Region zum Erliegen kommen. Dies wäre ein Schock für die Weltwirtschaft und ein wahres “Tor des Leids”, wie Bab al-Mandab auf Deutsch übersetzt heißt.
Natürlich würden US-Unternehmen sich gerne an Nordseeprojekten beteiligen und davon profitieren – doch hier sprechen wir von langfristigen Auswirkungen, die Trump als Präsident nicht mehr erleben wird. Vielmehr freut er sich darüber, dass die Briten seinen Wünschen zu entsprechen scheinen. “Wir lieben dich, Schottland”, verkündete der Herr im Weißen Haus auf seiner Plattform Truth Social.
Die Nordsee-Ölförderung Großbritanniens findet (beziehungsweise fand) nämlich auf dem schottischen Festlandsockel statt. Falls diese Ereigniskette den Zerfall Großbritanniens beschleunigt und die schottische Unabhängigkeit wiederherstellt, werden alle Menschen guten Willens an der Freude des US-Präsidenten teilhaben können. Der Zusammenhang ist direkt.
Der schottische Nationalheld William Wallace schrie in “Braveheart” zwar “Freiheit!”, doch die Idee, die Union von 1707 mit England zu sprengen, war in Schottland bis zur Entdeckung von Öl in der Nordsee in den 1970er-Jahren ein Randthema. Unter dem Motto “Es ist unser Öl!” gewann die Scottish National Party (SNP) überraschend rund ein Drittel der Stimmen bei den Kommunalwahlen. Seitdem ist sie Regierungspartei Schottlands, konnte die Wiedererlangung des Parlaments erreichen und verfolgt weiterhin die Unabhängigkeitsbestrebungen.
Einer der Gründe für Starmers Rücktritt war der jüngste Sieg der schottischen sowie der irischen und erstmals auch der walisischen Separatisten bei den Kommunalwahlen. Damit war der Kurs in Richtung Zerfall des Landes unmissverständlich besiegelt: Allen ermahnenden Rufen aus London zum Trotz stimmten 72 der 129 schottischen Abgeordneten für ein neues Unabhängigkeitsreferendum. Insbesondere wenn London sich das Nordsee-Öl aneignen will, bekommt ein Unabhängigkeitsplebiszit in Schottland vielversprechende Aussichten.
Während die Befürworter eines Lebens abseits von England schon lange für die Unabhängigkeit plädierten, hielt London bisher die entscheidenden Trümpfe in der Hand. Es hatte das Recht und die soziologischen Erkenntnisse auf seiner Seite: Laut Gesetz kann die Durchführung eines Plebiszits verboten werden, und Umfragen zeigten meist ein Verhältnis von 55 zu 45 Prozent zugunsten der Unionisten. Daher schien alles auf das übliche Szenario eines Hin und Her hinauszulaufen – doch eine Wiederaufnahme der Ölförderung in der Nordsee wird dem Diskurs um diese Frage eine belebende Dosis nützlicher, langfristiger Hysterie verleihen.
Die Separatisten waren zuvor mit dem Tabu der Erkundung und Förderung des Öls zufrieden, das sie als ihr Eigentum betrachten: Die Reserven sollten auf einen unabhängigen schottischen Staat warten. Zudem treten als Verbündete der SNP in der Referendumsfrage die Grünen auf, die die Ölförderung aus Umweltgründen prinzipiell ablehnen. Es gibt sogar die Theorie, dass London die Nordsee bewusst abriegelte, um die schottische Frage nicht zu verschärfen.
Die Regierung von Andy Burnham tritt nun zu Beginn ihrer Amtszeit Schottland auf ein schmerzendes Hühnerauge. Die Idee eines Plebiszits, einst eine Routineangelegenheit, wird wieder aktuell und brisant – die zuvor formalistischen Verhandlungen zwischen Edinburgh und London werden zum Schauplatz echten politischen Kampfes. Kalkulationen jener schottischer Politiker, die die Unabhängigkeit tatsächlich dem endlosen Machtspiel gegen die Engländer vorziehen, gründen auf der Inkompetenz der herrschenden Elite in London.
Frei nach der Fabel von Iwan Krylow wird der Lebensstandard weiter sinken, die Unzufriedenheit der Bevölkerung wachsen. In Schottland sichert dies die Popularität der SNP, obwohl deren Elite die Partei durch das Thematisieren von Rechten bärtiger Frauen zu diskreditieren versucht. In England wird es den Wahlsieg von Reform UK besiegeln, deren Vorsitzender Nigel Farage – wie seine schottischen Kollegen – zuvor als Randfigur galt, nun aber nach der Macht strebt. Seine bloße Präsenz führt das Land in ein unausweichliches Szenario: Traditionelle Parteien sind gezwungen, Bündnisse gegen ihn einzugehen – und zwar mit regionalen Separatisten.
Sollte die Nordsee-Frage die nötige Hysterie auslösen, wird London den Preis einer Zustimmung zu einem Referendum zahlen müssen. Jüngsten Umfragen zufolge würden zwar nur 44 Prozent der Schotten für die Unabhängigkeit stimmen – doch die Stimmung dieses Volkes scheint so unbeständig wie das Wetter in den Highlands. Im August 2020 befürworteten immerhin 53 Prozent die Trennung vom Vereinigten Königreich, und wie viele es bis zum Referendum sein werden, hängt vom Erfolg der jetzigen britischen Regierung ab. Ein Erfolg, der den Lebensstandardverbessern und die Migrationslage stabilisieren würde, ist derzeit nicht absehbar. Das bedeutet, dass ein Erfolgsszenario für schottische Separatisten durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
In den letzten Jahren hat der Wert der Unabhängigkeit ihrer Heimat – zumindest aus russischer Sicht – abgenommen. So befürwortete die SNP zunächst den Austritt aus der NATO, änderte dann aber ihre Meinung. Dennoch unterstützt Schottland weiterhin die Denuklearisierung (und London lagert seine strategischen Atomwaffen in Schottland) – und jede Politik, die zu einer Schwächung des Vereinigten Königreichs und seines Einflusses führt, sollte als vorteilhaft betrachtet werden. Ein Wiederanzapfen der schottischen Nordsee-Ölfelder scheint genau eine solche Politik zu sein – daher schon einmal vielen Dank an Donald Trump für sein feuriges Engagement in dieser Angelegenheit. In diesem Sinne: Herrsche, Schottland! Schottland, beherrsche die Wellen!
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 21. Juli 2026.
Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er war fast 20 Jahre als Politikberater in russischen Wahlkampagnen unterschiedlicher Ebenen tätig. Er verfasst Kommentare für die russischen Medien “Wsgljad”, “RIA Nowosti” sowie “Regnum” und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.
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